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Rügen Bauer bei Ernte angeschossen: Jäger schuldig gesprochen
Vorpommern Rügen Bauer bei Ernte angeschossen: Jäger schuldig gesprochen
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00:00 07.03.2017
Irgendwo in Norddeutschland: Unter Beteiligung von Jägern wird Raps geerntet. Quelle: Foto: Wolfgang Glombik/archiv
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Stralsund/Bergen

Ende eines jahrelangen Rechtsstreits: Das Landgericht Stralsund hat der Klage eines Landwirts entsprochen und einen Hobby-Jäger der fahrlässigen Körperverletzung für schuldig erklärt. Dieser hatte im Sommer 2013 bei einer Erntejagd auf einem Acker bei Kaiseritz den Erntearbeiter angeschossen und schwer verletzt.

Mit dem Schuldspruch revidierte die Vorsitzende Richterin Ulla Riedelsheimer das Urteil des Amtsgerichtes in Bergen. Der 66-Jährige, der in Buschvitz auf Rügen wohnt, muss nun eine Geldstrafe in Höhe von 2400 Euro zahlen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Jäger seiner Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen war.

Rückblick: Am 3. August 2013 war Richard Löschner (Namen von der Redaktion geändert) für die Ernte eines Rapsfeldes als Traktorfahrer eingespannt. Er sollte den Mähdrescher abbunkern – also die Kornkammer abladen. Parallel wurde auch Jäger Michael Teubner für eine Erntejagd gerufen, um Wildschäden zu verhindern.

Der 66-Jährige hatte sich mit seinem Gewehr auf dem Dach seines Autos am Rande des Feldgebüsches positioniert, als er eine Bache mit Frischlingen aus dem Raps rennen sah. Traktor und Mähdrescher bewegten sich in diesem Moment auf ihn zu. Vier Schüsse habe er abgegeben, sagte Teubner.

Eine Kugel traf dabei Löschner im Bauch, striff Darm, Milz und Leber, bevor sie in seinem Körper steckenblieb. Auch die Lunge und die Nieren wurden in Mitleidenschaft gezogen. „Mir blieb die Luft weg“, beschrieb der Gingster. Dann sei er ohnmächtig geworden.

Mit einem Rettungshubschrauber wurde der lebensgefährlich Verletzte in die Uniklinik Greifswald geflogen, musste notoperiert werden. Der heute 46-Jährige leidet noch immer unter den Folgen. „Ich habe Probleme mit der Verdauung und die Narben schmerzen, sodass ich zur Physiotherapie muss. Auch leide ich unter Schlafstörungen und Angstzuständen“, schilderte er dem Gericht.

Nach all den Jahren ist das Urteil eine Genugtuung für Löschner. Noch zu Beginn der Verhandlung hatte Jäger Teubner dem Landwirt angeboten, sich eine hohe Summe von seiner Versicherung auszahlen zu lassen, die er ihm als Entschuldigung überlassen wolle. „Das ist aber nicht als Schuldeingeständnis zu verstehen“, betonte Teubner.

Der 46-jährige Löschner lehnte das Angebot ab. Zur Verwunderung der Richterin: „Wir wissen nicht wie der Prozess ausgeht, so hätten Sie wenigstens etwas in der Hand“, argumentierte Riedelsheimer.

Doch für die Nebenkläger kam dies nicht in Betracht. Auch der Staatsanwalt sagte, dass es ein öffentliches Interesse gebe, festzustellen, wie Jäger jagen dürfen. Erntejagden seien zwar rechtlich erlaubt, aber: „Sonst werden auch künftig Erntearbeiter gefährdet.“

Doch auch im Berufungsprozess sorgten die Zeugen und Sachverständigen nur für wenig Klarheit. Ob und wo das Geschoss abgeprallt sei, lässt sich nicht genau nachweisen. Wo sich zum Zeitpunkt der Schüsse das Auto mit dem Schützen befand, wo der Mähdrescher und der Trecker, wo die Schweine – bei all dem mussten sich die Beamten auf die Hinweise des Mähdrescherfahrers und des Jägers verlassen.

Unsicherheiten blieben.

Hauptaugenmerk legte das Gericht deswegen auf die Beschaffenheit des Bodens als sogenannten Kugelfang. Er war laut Zeugenaussagen trocken und mit Steinen versehen, sodass ein Geschoss hätte abgelenkt werden können. Dass der Boden somit kein sicherer Kugelfang ist, hätte der Jäger laut Unfallverhütungsvorschrift einschätzen müssen. Sonst darf er nach dem Gesetz nicht abdrücken.

Achtung bei der Erntejagd

Die Erntejagd ist ein effektives Mittel, um Wildschweine, die in den Feldern neue Lebensräume gefunden haben, zu bejagen. Aus Sicherheitsgründen ist sie in MV nur erlaubt, wenn die Jäger auf einer erhöhten jagdlichen Einrichtung sitzen. Diese müssen einen ausreichenden Kugelfang ermöglichen und dürfen während der Jagdausübung nicht verlassen werden.

Laut Vorschrift muss der Jäger, bevor er abdrückt, sicher sein, dass niemand durch einen Schuss verletzt oder die Kugel abgelenkt werden kann. Das ist unter anderem auf einem asphaltierten, vereisten oder steinigen Untergrund sowie durch Wild selbst möglich.

Ann-Christin Schneider

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