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Rügen Blauzahn-Schatz von Rügen: So interaktiv ist die Schau im Seefahrerhaus in Sellin
Vorpommern Rügen

Blauzahn-Schatz von Rügen: So interaktiv ist die Schau im Seefahrerhaus in Sellin

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15:11 09.06.2020
Ausstellungsdesigner Knut Hartwich (l.) und Schatz-Finder René Schön über den Hunderten von Münzen und Schmuckstücken des Blauzahn-Schatzes im Seefahrerhaus in Sellin auf Rügen. Quelle: Christiane Burwitz
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Sellin

Es ist kalt und nass an diesem Januartag vor zwei Jahren auf dem Rauen Berg bei Schaprode auf Rügen. Die Mitglieder der Ackerlöper, einer Gemeinschaft von Bodendenkmalpflegern der Insel, sind mit ihren Metalldetektoren auf einem Acker unterwegs. Der Neuenkirchner Dachdeckermeister René Schön und der 13-jährige Luca Malaschnitschenko bemerken eine Anomalie, aus einer Vorahnung wird Tatsache. Sie haben einen höchst bedeutenden Schatz – den Blauzahn-Schatz – gefunden.

Es muss ein unglaubliches Gefühl sein, wenn man einen Schatz findet. Wie sich das anfühlt, möchte die aktuelle Sonderausstellung zum Blauzahn-Schatz im Selliner Seefahrerhaus ihren Besuchern vermitteln. Insgesamt 20-minütige Videos von den Ereignissen vor Ort flimmern über einen Bildschirm, der an das Format eines Smartphones angelegt ist, ein Detektor zum Ausprobieren steht bereit und auch Gedanken- und Sprechblasen mit Zitaten wie „Luca, das ist kein Alu-Blech“ vermitteln einen Eindruck davon, was in den Bodendenkmalpflegern vorgegangen sein muss, als sie die mehr als 1000 Jahre alten Münzen mit Haithabu-Prägungen des einstigen Dänenkönigs Harald Blauzahn (um 910-987 n. Chr.) sowie Hals- und Armreifen, Perlen, Fibeln, einem Thorshammer und Ringen aus Silber am 29. Januar 2018 sicherten.

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„Alles, was glänzt, ist Schatz“

„Wir wollten die Finder, den Fundort und natürlich den Schatz selbst in den Mittelpunkt rücken – und zwar so, als wäre der Besucher dabei gewesen“, erklärt Knut Hartwich, der die Ausstellung gestaltet hat. „Ich wollte sie inszenieren.“ Das ist ihm gelungen: Alles im Ausstellungsraum wurde reduziert, die Wände sind schwarz gestrichen, nur blaue Lichtelemente sorgen für einen sanften Schimmer. „Alles, was glänzt, ist Schatz“, betont Hartwich.

Nur riesige Wandbilder von dem Fundort lenken den Blick zwischendrin von den rund 600 Repliken weg, die noch bis Ende 2023 im Seefahrerhaus zu bestaunen sind. Auf weiteren Bildern oder in Schaukästen werden besondere Stücke hervorgehoben.

In einem Sandkasten können vor allem die jungen Besucher selbst einen Metalldetektor austesten. Quelle: Ann-Christin Schneider

Vitrine, die an einen Geldbeutel erinnert

So sind unter anderem vier Halsringe, ein Flechtkettenfragment, fünf Silberperlen, Fingerringe, Ohrringe, 49 einzelne Schmuckfragmente, 267 sogenannte Hacksilberfragmente von Münzen und Schmuck sowie 125 ganze Münzen aus Silber und Edelstahl in einer Vitrine zu sehen, die an einen Geldbeutel aus der Wikingerzeit erinnern soll.

Sprech- und Gedankenblasen wie diese sollen den Besuchern der Ausstellung einen Einblick in die Gefühle der Schatzfinder geben. Quelle: Ann-Christin Schneider

René Schön hat die Nachbildungen in den vergangenen Wochen in seiner Werkstatt nachgestaltet. Und zwar so, wie die einzelnen Teile seinerzeit aus dem Boden freigelegt wurden. Einige waren kaputt oder zerdrückt. Der ehrenamt­liche Bodendenkmalpfleger hatte damals vor Ort von den Fundstücken Abdrücke gemacht. Mit ihnen hat der Dachdeckermeister die Kopien hergestellt. Die Originale werden vom Landesamt für Kultur- und Denkmalpflege wissenschaftlich aufgearbeitet.

Bogen zur Neuzeit wird gespannt

Ausstellungsdesigner Knut Hartwich war es wichtig, dass sich die Besucher in die Geschehnisse hineinversetzen können. „Es handelt sich dabei um so eine große Geschichte in unserer Heimat, das muss einfach vermittelt werden – auch an die Jugend.“ Deshalb wird in der Schau auch der Bogen zur Neuzeit gespannt. So wird erklärt, warum die Datenübertragung Bluetooth (Englisch für Blauzahn) nach dem Wikinger-König benannt wurde: Weil die Technologie unterschiedlichste Endgeräte miteinander verbindet, genauso wie Blauzahn es bei den vielen Wikingerstämmen schaffte.

Harald Blauzahn

Harald Blauzahn, der eigentlich Harald Gormsson hieß, war der König von Dänemark (ca. 936/958-987) und Norwegen (970-987) und hatte Dänemark erstmals unter einer Krone geeint. Er galt als großer Kommunikator und Visionär, der verfeindete Stämme vereinte und der rund um die Ostsee gut vernetzt war.

Allerdings führte ein Erbstreit mit seinem Sohn Sven Gabelbart dazu, dass dieser gegen ihn rebellierte.Die Seeschlacht von Helgenes um 986, wahrscheinlich bei Bornholm, endete zugunsten des Königssohnes Sven. Der schwer verwundete Harald Blauzahn konnte mit Getreuen aus der Schlacht entkommen und sich an den südlichen Teil der Ostseeküste im späteren Pommern retten, heißt es laut nordischen Quellen. Bei der Flucht habe er wohl auch seine „Reisekasse“ vergraben.

Tatsächlich ließ der heidnische Sohn Sven bereits die sogenannten Blauzahn-Münzen damals systemisch aus dem Verkehr ziehen. Das macht die Münzen heute so besonders und wertvoll, da Blauzahn sie aufgrund ihrer Seltenheit nur an wenige Personen in seinem direkten Umfeld vergab.

Diese Aha-Erlebnisse bemerkt auch Museumsleiter Michael Parchow bei den Besuchern. „Viele sagen, dass sie, obwohl sie die Berichterstattung zu dem Fund verfolgt haben, einiges doch noch nicht gewusst hätten.“ Gerade von den Einheimischen werde die Ausstellung gut angenommen. „Es waren schon Gäste drei Stunden lang hier und haben ausführlich nachgefragt“, freut sich Parchow. „Es ist schön zu sehen, wie wir es mit der Schau schaffen, einen geschichtlichen und kulturhistorischen Diskurs zu starten.“

Kinder für Heimatgeschichte begeistern

Mit Beginn der Sommerferien hofft der Museumsleiter auch darauf, dass noch mehr Kinder den Weg ins Seefahrerhaus finden. „Wir müssen sie an die regionale Geschichte heranführen und wie gelingt das besser als mit einem Schatz?“, fragt Parchow mit einem Lächeln. Sicherlich erklärt er dann auch, was es mit den Raben in der Ausstellung auf sich hat.

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Das Seefahrerhaus in Sellin hat Dienstag von 10 bis 15 Uhr, Mittwoch von 12.30 bis 16 Uhr, Donnerstag, Freitag und Samstag von 10 bis 16 Uhr und Sonntag von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Der Eintritt zur Sonderausstellung zum Blauzahn-Schatz kostet 5 Euro, Kurkarteninhaber zahlen 3 Euro, Kinder bis 12 Jahre frei ebenso wie Selliner Bürger mit ihrer Einwohnerkarte.

Von Ann-Christin Schneider