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Rügen So berichtete die OZ über die Schneekatastrophe vor 40 Jahren
Vorpommern Rügen So berichtete die OZ über die Schneekatastrophe vor 40 Jahren
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15:10 02.02.2019
Das Fahrgastschiff „Insel Hiddenssee“ hat in Wittower Fähre festgemacht. Die Schiffslinie Wittower Fähre-Vitte ist Anfang Januar 1979 die einzige Verbindung nach Hiddensee. Quelle: OZ-Archiv
Rügen

Im Archiv der Rügener Ostsee-Zeitung findet sich der erste Beitrag über den Wintereinbruch und seine Folgen am 29. Dezember 1978: Es ist ein relativ kleiner Artikel mit der Überschrift: „Schneewehen behinderten Straßenverkehr auf Rügen / Winterdienst seit frühmorgens pausenlos im Einsatz“.

Anhaltender heftiger Schneefall und böige Winde mit Spitzengeschwindigkeiten von 30 Metern pro Sekunde verursachten am Donnerstag, 28. Dezember, erhebliche Behinderungen im Straßenverkehr. Es gab Verwehungen, zum Beispiel auf den Landstraßen nach Zudar und Varnkevitz. Ab 5 Uhr rollten erste Räum-, Streu- und Sprühfahrzeuge, gegen 10 Uhr wurde vielerorts der Einsatz von schwerer Räumtechnik notwendig, da sich der nasse Schnee schwer bewegen ließ. Es kam laufend zu Vereisungen der Fahrbahnen. Nachmittags wurde der Einsatz von vier Schneeschleudern notwendig, einen Schwerpunkt bildete der Raum Trent. In der Meteorologischen Station Putbus wurde eine durchschnittliche Schneehöhe von sieben Zentimetern gemessen.

Lasttransporter blockierten die Fahrbahn

In der Wochenendausgabe vom 30./31. Dezember titelt die OZ dann: „Im Kampf gegen Sturm und Schnee / Bis zu zweieinhalb Meter hohe Verwehungen

Seit dem 28. Dezember tobt ein orkanartiger Schneesturm, wegen der Verwehungen mussten am Vormittag sämtliche Nebenstraßen gesperrt werden. Gegen 13 Uhr war der Verkehr auf Transitstrecke Altefähr-Sassnitz nicht möglich, Abschnitte waren unpassierbar. 100 Arbeitskräfte und 40 Räumfahrzeuge waren im Einsatz. Die Mitarbeiter in der Straßenmeisterei Bergen waren zum Teil 24 Stunden auf ihren Posten. Auf der F 96 bei Borchtitz blockierten vier Lasttransporter die Fahrbahn. Am 29. Dezember musste der Busverkehr eingestellt werden, zahlreiche Werktätige gelangten nicht zur Arbeit. Bei der Reichsbahn gab es erhebliche Verspätungen. Ein Personenzug lag mittags bei Teschenhagen fest, die Kleinbahn fuhr nur ihre Frühtour Göhren-Putbus. Auf Hiddensee fiel am 28. Dezember der Strom aus. Auch auf Wittow, im Bereich Fernlüttkevitz, traten Störungen in der Energieversorgung auf, weshalb die Kühe in den Ställen nicht gemolken werden konnten. In der Landwirtschaft gestaltetet sich die Futterversorgung schwierig, weil Ortsteile mit Viehställen von der Außenwelt abgeschnitten sind.

OZ vom 4. Januar 1979: 80 Stunden steckte bei Teschenhagen ein Personenzug im meterhohen Schnee. Auf dem Foto ist der entgleiste Wagen zu sehen, der mit Spezialgeräten eines Hilfszuges wieder auf die Schienen gehoben wurde. Ein Fahrzeug der NVA hatte diese Geräte an Ort und Stelle gebracht. Quelle: OZ-Archiv

Das Archiv der Rügener OZ beginnt im neuen Jahr 1979 erst mit dem 3. Januar. Es wird verkündet: „Seit gestern wieder Zugverkehr nach Bergen / Teschenhagen: 80 Stunden dramatischer Kampf gegen die Naturgewalten“

In der Nacht zum 2. Januar konnte der Personenzug Stralsund-Sassnitz in Richtung Bergen, der am 29. Dezember bei Teschenhagen steckenblieb, aus meterhohen Verwehungen befreit werden. Beim ersten Versuch war ein Wagen entgleist. Erst mit Spezialgeräten, die ein Fahrzeug der NVA vor Ort und Stelle brachte, konnte der Wagen wieder auf die Gleise gebracht werden. Nachdem Soldaten der NVA alle Zugwagen aus dem Schnee ausgegraben hatten, rollten sie morgens gegen 2.45 Uhr endlich nach Bergen. In den sieben Wagen befanden sich rund 80 Reisende. Gegen 2.15 Uhr erreichten zwei Busse den Zug und brachten die Menschen nach Bergen. Sie kamen in Gaststätten und Schulen unter.

Viele Helfen schaufelten die Wege frei

Auf dem Schienenweg war erst eine und dann noch eine Lok nach Teschenhagen geschickt worden, um den Zug zu befreien. Beide hatten sich aber festgefahren. Am 30. Dezember bahnte sich ein mit Schneepflug ausgerüsteter Arbeitszug ebenfalls durch meterhohe Schanzen. Über 30 freiwillige Helfer fuhren mit, um den Abschnitt freizuschaufeln. Auf der wichtigen Eisenbahnstrecke zwischen Stralsund und Sassnitz gab es vier Tage keinen Zugverkehr. Das hatte es bisher noch nicht gegeben, erinnern sich langjährige Bergener Eisenbahner.

In der Kolumne „Ihr Lokalredakteur“ heißt es am Schluss: „...Es sind Tage, die in die Chronik eingehen werden, Stunden der Bewährung, Minuten, die über Menschenleben entscheiden. Jeder sollte dort mit anpacken, wo er gebraucht wird.“

OZ vom 4. Januar 1979: Auf der Straße Bergen-Putbus bei Siggermow musste ein völlig eingeschneites Räumfahrzeug freigeschaufelt werden. Quelle: Borgwald/OZ-Archiv

Am 4. Januar sticht eine Meldung heraus: Das erste Baby des Jahres ist da und wurde in Sassnitz geboren: Bianca Kliesow kam am 1. Januar um 0.55 Uhr in der Chirurgischen Station des Krankenhauses zur Welt. Sie war 55 Zentimeter groß und 4200 Gramm schwer. Am 2. Januar um 23 Uhr wurde Carmen Pflug im Sassnitzer Krankenhaus geboren. Ihre Mama Sabine aus Nipmerow hatte sich bereits einige Tage zuvor in Begleitung ihres Mannes auf den Weg nach Sassnitz gemacht. (Wie Frau Pflug später in einem Leserbrief mitteilte, den die OZ am 1. März veröffentlichte, waren sie zu Fuß bis zum Ortsausgang von Hagen unterwegs, dann mit einem NVA-Fahrzeug bis Stubbenkammer und dann ging es weiter in die Hafenstadt. Der 2. Januar war auch der errechnete Geburtstermin.)

An diesem Tag ist noch zu lesen, dass in Stralsund Brot für Rügen produziert wurde. Kollegen des VEB Backwaren Stralsund stellten ihre Produktion vorrangig auf Brot um, um neben der Belieferung der Stralsunder Abnehmer am 2. Januar 1000 Brote nach Sassnitz und am 3. Januar 800 für Rügener Landgemeinden zu backen.

Mit den Schlitten zur Schule

Auch wird berichtet, dass überall auf der Insel zahlreiche Bürger in diesen Tagen „wahre Heldentaten“ vollbringen. Ununterbrochen im Einsatz ist beispielsweise Karl-Heinz Kath aus Altenkirchen, Mitarbeiter des Energiekombinates. Seit dem 29. Dezember flickt er gerissene Stromleitungen im Bereich Wittow. In Begleitung von Reinhard Ferwinsky schlugen sich Schüler der 10. Klasse aus Trent mit Schlitten nach Rappin durch und holten Brot. Bäckermeister Henk aus Sellin backt Tag und Nacht Brot und gewährleistet damit die Eigenversorgung des Ortes. Auf Skiern hatte er sich die notwendige Hefe aus Binz herangeschafft. Unter großem Einsatz sichern die Ärzte Dr. Schmidt und Dr. Probst die dringendste medizinische Hilfe. Der Stützpunkt Sassnitz der Baltischen Rotbannerflotte hilft mit kostenlosen Brotlieferungen und stellt Kohle und Kartoffeln zur Verfügung.

OZ vom 16. Januar 1979: Auch auf dem söten Länneken landeten Hubschrauber, um die Bevölkerung von Hiddensee mit wichtigen Versorgungsgütern zu beliefern. Hier am ersten Tag des neuen Jahres in Vitte. Quelle: Ilona Tensing/OZ-Archiv

Am 5. Januar titelt die OZ „Wie die Hiddenseer Bürger dem Unwetter Paroli boten“.

Rügens kleine Schwesterninsel drohte in Schnee und Eis zu versinken. Bürgermeister Rainer Barth informierte, dass die Verbindung mit allen Ortsteilen intakt sei. Mit Traktoren und einem W50 des Küstenschutzes, mit Feuerwehrfahrzeugen und einem Allradjeep werden sämtliche Versorgungsfahrten abgesichert. Das FDGB-Heim „Karl Krull“ in Vitte (heute Godewind) versorgt Helfer, Berufstätige, Rentner und auf der Insel verbliebene Urlauber. Die Havarien in der Energieversorgung zum Jahreswechsel haben die Elektriker Heiner Krüger und Bernd Schumacher beseitigt. Drei Hubschrauber der Volksmarine flogen drei Tonnen Lebensmittel ein. Ein weiterer Hubschrauber brachte Medikamente. Frau Dr. Kallius und ein als Urlauber auf Hiddensee weilender Arzt leisten die medizinische Betreuung auf der Insel.

Lehrlinge melken Kühe per Hand

Eine Erfolgsmeldung kam aus Wiek: Die Gemeinde war seit Tagen eingeschlossen, nun gelang der Durchbruch. 250 Bürger und Sowjetsoldaten beräumten die Straßen und übernahmen lebenswichtige Transporte zur Wittower Fähre. Feuerwehrleute und Sowjetsoldaten brachten Brot in die Orte und bis nach Dranske und sicherten die Futterversorgung der Tiere ab. Schüler der 9. und 10. Klasse der Oberschule Wiek transportieren in Rucksäcken Stroh für die Schweinemastanlagen Lüttkevitz und Zürkvitz.

Außerdem wird berichtet, dass die Oberschule I in Bergen fünf Tage lang als Notunterkunft für Reisende diente, die festsaßen. Insgesamt wurden 1000 Menschen betreut. Auch das EOS-Internat Teichstraße diente als Unterkunft. Drei Mal täglich gab es eine kostenlose Mahlzeit.

In Poseritz war in den Mittagsstunden des 1. Januar der Dachstuhl eines Einfamilienhauses in Flammen aufgegangen. Die Löscharbeiten waren schwierig, weil das Haus in meterhohen Schneewehen steckte. Die fünfköpfige Familie wurde evakuiert. Am Haus entstand erheblicher Sachschaden. In Vitte brannte am 3. Januar ein Stallgebäude eines Fischers. Zwei Sauen und elf Ferkel kamen dabei ums Leben.

OZ vom 12. Januar 1979: Kollegen des VEB Gebäudewirtschaftt Sassnitz beim Räumen der Fahrbahn und des Gehsteiges in der Karl-Marx-Straße. Quelle: Max Bachmann/OZ-Archiv

Am 6. Januar berichtet die OZ darüber, dass sich jetzt auch das Leben in den Ortsteilen normalisiert und schildert die Lage in Gingst. Nach tage- und nächtelanger Arbeit hunderter Einwohner wurden die Straßenverbindungen und die Wirtschaftswege zu den Ställen und Futteranlagen freigelegt. Genossenschaftsbauern und Forstarbeiter schoben mit Traktoren wichtige Lebensadern frei. Schüler der höheren Klassen brachten auf Skiern Lebensmittel und Medikamente zu betagten und kranken Menschen. Bäckermeister Günter Schewe produzierte täglich die doppelte Menge an Brot - 800 Stück.

Am 9. Januar werden die großen Aktivitäten von Rügens FDJlern erwähnt. So haben Lehrlinge im Jugendobjekt Schlossallee der Sagarder LPG Tierproduktion „Am Jasmunder Bodden“ 480 Kühe zu betreuen. Zu Fuß kämpften sich die Freunde tagelang sechs Kilometer durch den Schnee zu den Ställen. Weil es zeitweise keinen Strom gab, mussten die Lehrlinge die Kühe auch per Hand melken.

 7. Januar war kältester Tag

„Auch in Ortsteilen volles Sortiment“, heißt es am 10. Januar. Die Versorgung mit Grundnahrungsmittel ist in allen Städten und Gemeinden der Insel wieder stabil. Am 9. Januar waren sechs Lkw mit Kartoffeln, acht mit Frischgemüse, fünf mit Gemüsekonserven und vier mit Bananen unterwegs. Rund um die Uhr geöffnet zur Versorgung der Einsatzkräfte hatten die Konsum-Gaststätten „Rügenland“ in Rambin, „Rügener Hof“ in Samtens und Altefähr. Zur Selbsthilfe griff der Leiter der HO-Verkaufsstelle in Göhren, Hans-Joachim Gerbert. Er schlachtete Schweine aus der LPG, um das Fleischangebot zu sichern.

Die Schiffslinie Wittower Fähre –Vitte ist gegenwärtig die einzige Verbindung nach Hiddensee. Das von Kapitän Kurt Sodemann geführte Fahrgastschiff „Insel Hiddensee“ hat Eisklasse, das heißt, dass es ein mit Platten verstärktes Vorschiff besitzt.

Die Meteorologische Station Arkona vermeldet, dass die strenge Frostperiode genau zehn Tage, nämlich vom 29. Dezember bis zum 7. Januar dauerte. In dieser Zeit blieb die Quecksilbersäule ständig unter Null. Die Durchschnittstemperatur betrug minus sechs Grad. Mit minus 12 Grad war es am 7. Januar am kältesten.

OZ vom 9.Januar 1979: Schwere Technik der NVA beim Schneeräumen auf der Straße Lohme-Nardevitz. Aufgenommen am 6. Januar. Quelle: Herbst/OZ-Archiv

Unter der Überschrift „Für Licht und Wärme bei Sturm und Schnee“ werden die Kollegen des VEB Energiekombinat Nord, des VEB Elektro-Anlangenbau Sassnitz, der PGH „Junge Garde“ Sellin, die Angehörigen der NVA und viele örtliche Kräfte hervorgehoben. Sie beseitigten vom 30. Dezember bis 4. Januar zwei Störungen im Bereich der Hochvolt-Anlagen. Dabei handelte es sich um einen Totalausfall des Umspannwerkes Sellin – womit Binz und Mönchgut ohne Strom waren – und einen Isolatorbruch auf der 50-kV-Leitung Bergen-Sagard. Von den Stromausfällen waren 441 Trafostationen mit 8943 Abnehmern betroffen. 20 Stunden im Pferdeschlitten und zu Fuß im Bereich Putbus waren am Neujahrstag Gerhard Hampfler, Werner Weißgräber und Egon Freese unterwegs, um Schäden zu beheben.

Leser würdigen Einsatz von Dr. Schmidt

Unter der Rubrik Leserpost wird am 11. Januar der Mönchguter Kinderarzt Dr. Günter Schmidt gewürdigt. „In den schweren Tagen des Unwetters leistete er wahre Heldentaten. Vom 29. Dezember bis 6. Januar war er ständig im Einsatz, kannte keinen Dienstschluss und keine Nachtruhe“, heißt es. Dr. Schmidt habe dafür gesorgt, dass drei akut erkrankte Bürger mit dem Hubschrauber in das Krankenhaus Stralsund gebracht wurden. Zudem begleitete er nachts schwerkranke Patienten auf ihrer Fahrt mit einem Panzer zum Krankenhaus Bergen, darunter auch eine Schwangere, bei der es Komplikationen gab.

Über seinen Urlaub in einem Ferienheim in Alt Reddevitz hat ein Berliner der OZ geschrieben. Er berichtet, dass infolge des Stromausfalls die Urlauber evakuiert werden mussten. Über 30 Bürger fanden bei Familien in Alt Reddevitz und Middelhagen ein Dach über dem Kopf. So aßen zum Beispiel fünf Tage lang 15 Personen in der guten Stube von Familie Hollatz in Middelhagen. Während die Männer mit den Einwohnern Schnee räumten, wurde Kuchen gebacken, teilweise mit eigenen Beständen der Wirtsleute.

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