Bodden vor Hiddensee: Angler und Fischer streiten um Hecht nach Video
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Rügen Angler gegen Fischer: Wem gehört der Hecht im Bodden vor Hiddensee?
Vorpommern Rügen

Bodden vor Hiddensee: Angler und Fischer streiten um Hecht nach Video

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07:00 21.01.2021
Fischer im Abendlicht. Blick von Dranske Richtung Hiddensee
Fischer im Abendlicht. Blick von Dranske Richtung Hiddensee Quelle: Marlene Schönhofer
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Schaprode

Ein in den sozialen Netzwerken kursierendes Video lässt den gärenden Streit zwischen Fischern und Anglern neu aufflammen. „Wer fängt wem etwas weg?“, ist die immer wiederkehrende Frage. In diesem Fall das Objekt der Begierde: Der Hecht.

In dem aktuellen Video ist zu sehen, wie sich ein Fischer im Hafen von Schaprode über kistenweise Hechtausbeute freut. Ein Fisch, den Angler hierzulande nicht mehr allzu häufig an den Haken bekommen. Seitdem tobt ein virtueller Streit über das Thema, weil auch der Name des Fischers bekannt wurde, ging ein Hagel an Beschimpfungen und Anfeindungen über dem Mann nieder.

„Anblick tut weh“

Die Kisten voller Hechte sind ein Anblick, der Guido Jubelt zutiefst verärgert und aufregt. Der Angelguide sorgt sich um die Zukunft des Hechtpopulationen im Bodden, er selbst ist seit über 20 Jahren im Geschäft und berichtet von immer kleiner werdenden Hechtbeständen in den Boddengewässern zwischen Darß, Rügen und der Peene. „Angler dürfen maximal drei Fische mitnehmen“, sagt er. „Fischer haben keine Quoten für Hecht.“ Es gebe zwar eine zweimonatige Schonzeit von Anfang März bis Ende April, aber das reiche nicht aus. „Es wird zuviel entnommen“, stellt er fest.

Fischer sieht sich zu Unrecht angegriffen

Der Fischer selbst fühlt sich von den Vorwürfen überrumpelt und sieht sich zu unrecht beschuldigt. „Ich habe doch nichts Verbotenes getan, das ist mein Beruf“, verteidigt sich der 71-Jährige Hiddenseer Arno Gau, der seit über 50 Jahren rund um Hiddensee fischt. „Es war ein besonderer Fang. Ich hatte einfach Glück. Ausrotten will ich den Hecht nicht, aber natürlich nehme ich ihn mit, wenn ich ihn fange. Das machen Angler doch auch.“

Große Hechte, wie dieses 1,23 Meter lange gefangene Exemplar aus dem Stassower See (LK Rostock) sind bei Anglern beliebt. Quelle: privat

Situation für die Fischer spitzt sich weiter zu

Die Situation sei für die Küstenfischer in den vergangenen Jahren immer angespannter geworden, die von der EU festgelegten Quoten für Dorsch und Hering machten ein wirtschaftliches Auskommen so gut wie unmöglich. Viele weichen auf die küstennahen Gewässer aus. „Was soll ich denn machen? Ich muss doch zusehen, dass ich etwas mit der Fischerei verdiene“, sagt Arno Gau. „Ohne die Zimmervermietung könnten wir ohnehin nicht mehr existieren.“ Es sei in der Vergangenheit immer wieder von Sabotageakten an Netzen und Bedrohungen betroffen gewesen, jetzt hat er Anzeige bei der Polizei erstattet.

Projekt „Boddenhecht“

„Boddenhecht“ ist ein von der EU und vom Land Mecklenburg-Vorpommern gefördertes inter- und transdisziplinäres Forschungsprojekt, das den Hechten (Esox lucius) in den Boddengewässern rund um die Insel Rügen wissenschaftlich „auf die Schuppen schaut“. Untersucht werden Bestandsgrößen, Verhalten und Fischerei bzw. Angeldruck auf die Populationen. Ziel: Neue Erkenntnisse auf Ebene der Fischereibiologie als auch auf der Ebene der Konfliktforschung. Angler, Guides, Berufsfischer und Vertreter des Naturschutzes erarbeiten gemeinsam tragfähige, allgemein akzeptierte Bewirtschaftungsoptionen für den Erhalt und die Förderung des rügenschen Hechtbestands. Aktuell läuft eine Umfrage unter Hecht- und Dorschanglern. Aktive Hechtberufsfischer sind auch sehr herzlich eingeladen, ihre Interessen in die Arbeitsgruppe des Projekts einzubringen. Kontakt: niessner@igb-berlin.de

Angelguide: Auch Angler entnehmen zu viel

Die Schuld will auch Angelguide Guido Jubelt nicht nur bei den Fischern sehen, das ist ihm wichtig. Vor zehn Jahren etwa sei zum Beispiel die Anzahl der Angelscheine rapide in die Höhe geschossen und bewege sich seitdem auf hohem Niveau. „Auch die Angler entnehmen zu viel“, so Jubelt. Das könne man aber nicht nachverfolgen, weil es keine offiziellen Fangmeldungen gebe. „Und einen anderen Fakt darf man auch nicht vergessen. Die Komoranpopulation am Bodden hat sich meiner Meinung nach in den vergangenen zehn Jahren auch verzehnfacht.“

Finanzielle Entschädigung für Fischer?

Eine Lösung, die Jubelt vorschlägt, könnte eine finanzielle Entschädigung der Fischer sein. Nach Angaben von Arno Vetterick, Geschäftsführer der Erzeugerorganisation Rügenfang, seien zwischen 2016 und 2019 in den fischereirechtlich definierten Boddengewässern zwischen Rügen und Hiddensee durchschnittlich 23 Tonnen Hecht gefischt worden. Die Marktpreise schwanken zwischen 1,50 und 3 Euro. „Was ist denn diese Summe für das Land im Gegensatz zu der regionalen Wertschöpfung, die der Hecht im Angeltourismus bringt?“, fragt sich Jubelt.

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Wert des Hechts bei 250 Euro pro Kilogramm?

Denn Jubelts Rechnung geht weiter. „In den letzten 15 Jahren habe ich grob 70 Hechtangeltouren pro Jahr gefahren“, erzählt er. „Im Schnitt sind dabei pro Jahr etwa 50 Hechte von meinen Gästen entnommen worden, das macht etwa 150 kg Hecht, die bei mir pro Jahr von Bord gehen.“

Bei einer Tagesangeltour mit mehreren Personen würden nach Jubelts Angaben die Gäste im Schnitt 600 Euro/Tag ausgeben, unter anderem für Angelguiding, Essen, Unterkunft, Anreise oder Angelkarten. „Das machte in 15 Jahren über 600 000 Euro und das für 2,2 Tonnen Hecht“, erklärt Jubelt. Auf das Kilo Hecht hochgerechnet ergebe sich so eine sagenhafte Summe von 250 Euro.

„Angeln ist Sport, Fischen Beruf“

Das will Arno Vetterick von der EO Rügenfang, in der 43 Fischer organisiert sind, nicht so stehen lassen. „Da gehe ich nicht mit“, sagt er. „Angeln ist immer noch ein Sport- bzw. Freizeitvergnügen und für die Fischer ist es Beruf und Berufung“, sagt er.

Im Land werde zudem bereits viel für die nachhaltige Befischung der Hechtbestände getan. „Dazu zählen nach Küstenfischereiverordnung Mindestmaße (50 Zentimeter), Schonzeiten überall (1. März bis 30. April), Schutz durch spezielle Laichschonbezirke (1. April – 31. Mai) und generelle Fischschonbezirke in denen das Fischen ganzjährig verboten ist.“ Außerdem habe der Fischer eine Begrenzung an Fanggeräten und eine vorgeschriebene Maschenöffnung von 100 mm zum Schutz von Junghechten zu beachten.

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Forschungsprojekt Boddenhecht soll Aufklären

Das Forschungsprojekt „Boddenhecht“ unter Leitung des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei beschäftigt sich genau mit diesen Fragen. Bestand, Entwicklung, aber auch ökonomische Bedeutung des Hechts und eine mögliche Konfliktlösung nehmen die Forscher in dem interdisziplinären Projekt unter die Lupe. Er wolle den Ergebnissen zunächst aber nicht vorgreifen, sagt Projektleiter Professor Robert Arlinghaus, da man noch mitten in den Forschungen stecke und die politischen Bewirtschaftungsempfehlungen Teil einer separaten Arbeitsgruppe seien.

Besorgnis über Hechtrückgang

Die eigenen bestandskundlichen Analysen deuteten allerdings auf einen „voll genutzten Hechtbestand“ im Bodden hin, der in der aber aktuell und vor allem in den letzten fünf Jahren in seiner Bestandsgröße abnehmend ist, beschreibt der Projektleiter. „Wir sprechen von einem negativen Biomassetrend, der zu Sorgen aufruft. Die Art als Solches ist aber in den Bodden nicht gefährdet.“

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Mehrere Faktoren für den Rückgang verantwortlich

Die Fischerei und die Angelfischerei seien aber nur ein Faktor für den Rückgang. „Hinzu kommt ein ganzes Bündel an schlecht verstandenen Umweltfaktoren, zum Beispiel über Klappensysteme blockierte Gräben und Bäche, Beschränkungen im Wasserpflanzendeckungsgrad, Klimawandel, abnehmende Heringsbestände und zunehmende Kormoran- und Robbenpopulationen.“

Zusammenbruch der Population unwahrscheinlich

Einen kompletten Zusammenbruch durch Fressfeinde, Angeln oder Fischerei hält der Experte für unwahrscheinlich. „Allerdings reagieren Hechte insbesondere in der Größenverteilung und in der Häufigkeit sehr sensibel auf zu hohe Entnahmen, d.h. scharf befischte Bestände bestehen überwiegend aus jungen und kleinen Tieren, die großen kapitalen Brocken fehlen dann.“

Hechte sind Anglers Träume

Genau das sind wiederum die Fische, auf die viele Angler scharf sind. „Während der Hecht für viele Fischer Nebenfisch ist, ist der (große) Hecht Zielfisch Nr. 1 für viele Angler, die nach Rügen reisen“, so Arlinghaus. Die subjektive Wertigkeit sei sehr unterschiedlich. „Für einen spezialisierten Hechtangler fühlt sich der Verlust eines einzelnen 1,2 Meter großen Hechtes an wie der Verlust eines lang gehegten Lebenstraums“, sagt er. „Für viele Fischer bedeutet so ein Fisch 12 kg mal Marktpreis von ein bis drei Euro pro kg – es hätten auch mehrere kleinere Fische gleicher Biomasse getan.“

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Angler unterschätzen Fischbestand

Die Zuschreibung von Wert auf den einzelnen Hecht unterscheide sich hier fundamental, das erkläre, warum Angler so sensibel auf Bilder des Ausfangs gerade großer Fische in einer großen Menge reagieren. „Viele Angler fangen heute weniger als früher, und sie unterschätzen systematisch die Fischmenge in großen Gewässern“, so Arlinghaus.

„Bei vielen entsteht dann beim Ansehen eines großen Fangs das ehrliche Gefühl, dass hier ein Kahlschlag ungeahnten Ausmasses stattgefunden hat, der nur schwer zu kompensieren ist.“ Arlinghaus gehe aber davon aus, dass der Ausfang auf dem Film isoliert gesehen für den Hechtbestand ohne Konsequenzen ist. „Wichtig ist, den Gesamtfang über alle Fischer und Angler zusammengenommen zu bewerten“.

Angepasste Fangbestimmungen für alle

Prof. Arlinghaus hält es für geboten, in Zukunft bei Renaturierungen und in der Bewirtschaftung stärker auf die Bedürfnisse der Hechte einzugehen und auch Kompromisse zwischen Anglern und Fischern mitzudenken. „Ich würde zum Beispiel empfehlen, den größeren Hechten über angepasste Fangbestimmungen verstärkten Schutz zukommen zu lassen, da diese für Angler von besonderer Bedeutung sind.“

Arno Vetterick, der 30 Jahre in der Fischereibehörde gearbeitet hat, hat einen ganz pragmatischen Wunsch. „Dass dieses ewige Gegeneinander von Anglern und Fischern aufhört“, sagt er. „Nachhaltigkeit ist wichtig, aber eine Lösung müssen wir zusammen finden.“

Von Anne Ziebarth