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Rügen 3439 Beschäftigte: Callcenter-Branche in Vorpommern boomt
Vorpommern Rügen 3439 Beschäftigte: Callcenter-Branche in Vorpommern boomt
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09:22 02.05.2019
Eric Kursikowski (19) aus Sassnitz arbeitet seit sieben Monaten im Callcenter in Lietzow. Quelle: Mathias Otto
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Vorpommern

Eric Kursikowski mag den Kontakt zu seinen Kunden – aber er sieht sie nicht. Der 19-Jährige von der Insel Rügen ist über das Telefon mit ihnen verbunden. Seine Arbeitsgeräte sind – neben dem Computer – seine Ohren und sein Mund. Er ist ein Stimmen-Arbeiter.

Wenn der 19-Jährige seinen Arbeitsplatz bei der Avedo Rügen GmbH in Lietzow betritt, setzt er sein Headset auf und legt los. Seit sieben Monaten ist er für das Unternehmen tätig, seine Probezeit ist vorbei. Die Arbeit macht ihm Spaß, sie geht ihm leicht von der Hand. „Man sollte mit dem PC umgehen können, um alles andere kümmern sich die Kollegen. Wir werden gut geschult. Ich kann mir vorstellen, dauerhaft hier zu arbeiten“, sagt der Sassnitzer.

Er wird bald neue Kollegen hinzubekommen, denn im 45 Kilometer entfernten Stralsund eröffnet die zur Ströer Dialog Group gehörende Avedo GmbH dieser Tage einen neuen Standort. 50 Jobs sollen an der Parower Chaussee entstehen. Damit wird ein weiterer Callcenter-Anbieter nach Stralsund kommen. Ganz in der Nähe der neuen Avedo-Geschäftsstelle haben sich bereits die Dialog-Marketing-Unternehmen Arvato – mit mehr als 500 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber der Stadt – und Interact Tele Service AG angesiedelt.

Guter Arbeitsmarkt bietet optimale Voraussetzungen

Avedo hatte zuletzt auf Rügen für Schlagzeilen gesorgt. Das Unternehmen hatte die Hamburger „D+S 360“-Holding übernommen – und damit in Lietzow auch die 220 Mitarbeiter von „D+S 360“ sowie das markante Gebäude am Großen Jasmunder Bodden. Der Standort firmiert seit Beginn des Jahres unter der Avedo Rügen GmbH. Die neue Stralsunder Zweigstelle wird laut einer Sprecherin für einen Auftraggeber aus der Energiebranche tätig sein. Stralsund biete laut Avedo einige Vorteile für eine Standorteröffnung. „Der gute Arbeitsmarkt der Ostseestadt bildet optimale Voraussetzungen für eine neue Niederlassung“, erklärt Standortleiter Tom Gubka. Dennoch ist der Arbeitsmarkt angespannt. Auch deshalb wirbt Avedo derzeit mit vielen Plakaten um Mitarbeiter.

Zahl der Betriebe geht zurück

Der Sassnitzer Eric Kursikowski hat bereits angebissen. Er ist einer von aktuell 3439 sozialversicherungspflichtig beschäftigten Callcenter-Mitarbeitern in den Kreisen Vorpommern-Rügen und Vorpommern-Greifswald. Die hohe Zahl an Beschäftigten zeigt, wie diese Branche in der Region boomt. Vor elf Jahren seien es noch 2404 Beschäftigte gewesen, sagt Christian Glaser, Sprecher der Agentur für Arbeit Stralsund. Aber: Obwohl die Zahl der Mitarbeiter steigt, geht die Anzahl der Betriebe zurück. „Momentan gehören 16 Unternehmen in Vorpommern zur Callcenter-Branche. Im Jahr 2008 waren es noch 21.“ Demnach sei ein Konzentrationsprozess zu verzeichnen, also ein Zusammenschluss von Unternehmen zu immer größeren Unternehmen und Konzernen.

Den hat auch die bee:con GmbH in Wolgast und Pasewalk hinter sich. bee:con entstand aus dem Zusammenschluss der Call Center fastphone telemarketing GmbH (Pasewalk) und bestphone telemarketing GmbH (Wolgast). „Durch die Fusion bündeln wir unsere Kräfte und stärken so beide Standorte. Die Erfahrung aus fast 25 Jahren fließt in unsere Arbeit an beiden Firmensitzen ein“, heißt es auf der Internetseite von bee:con. Auftraggeber seien Unternehmen aus dem Fernhandel, der Telekommunikation, der Logistik, dem Bereich Nahrung (Food) und dem Verlagswesen. bee:con sei heuter einer der größten Arbeitgeber im Raum Pasewalk mit mehr als 300 Mitarbeitern und 150 Arbeitsplätzen. Am Standort Wolgast beschäftigt das Unternehmen 160 Mitarbeiter.

Einstellungsvoraussetzungen sind eher niedrig

Die Einstellungsvoraussetzungen in den Callcentern seien laut Arbeitsagentur-Sprecher Christian Glaser eher als „niedrig“ anzusehen. Motivation und Kommunikationsfähigkeit würden die wichtigsten Kriterien für eine Einstellung sein. „Entsprechend sind insbesondere Bewerber mit Berufserfahrungen aus dem Bereich Service und Dienstleistung sehr willkommen“, erklärt der Sprecher. Nur in wenigen Fällen – dann auftragsbezogen – müssten konkrete, formale Abschlüsse vorliegen. Bei Aufträgen der Finanzbranche sei dies zum Beispiel der Fall. Kritisiert wurden in der Vergangenheit oft die mutmaßlich niedrigen Gehälter. Doch stimmt das Klischee? „In der Branche gibt es eine starke Gehaltsspreizung, je nach Unternehmensgröße und Art der Aufträge“, sagt Glaser. Die Einstiegsgehälter würden sich häufig am Mindestlohn orientieren und durch verschiedene Prämienmodelle ergänzt. Das ergäbe sehr ausdifferenzierte Gehaltsmodelle, die allgemeine Aussagen zur Vergütung schwierig machen. „Im Vergleich zu anderen Dienstleistungsbranchen bestehen allerdings nur geringe Unterschiede.“

Branchenwechsler sind willkommen

Projekte, Saisonkräfte in den Wintermonaten im Callcenter einzusetzen, existieren in der Region nicht mehr. „Es ist aber nicht auszuschließen, dass Beschäftigte aus Saisonberufen im Winter in die Callcenter wechseln, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden“, sagt Glaser. Konkrete Zahlen liegen nicht vor, da die Beschäftigten nicht danach erfasst werden, in welchem Bereich sie vor einer Callcenter-Tätigkeit gearbeitet haben.

Spezifische Beschäftigungsmodelle für Saisonkräfte gibt es auch bei Avedo nicht. „Wir stehen aber Branchenwechslern aufgeschlossen gegenüber. Unsere intensive Einarbeitung und Schulung ermöglicht es Quereinsteigern, schnell bei uns Fuß zu fassen“, sagt Stephanie Brendler, Sprecherin der Avedo-Muttergesellschaft Ströer.

Die Branche sei in den vergangenen drei Jahren durch mehrere Ansiedlungen stark gewachsen. „Entsprechend ist natürlich der Bedarf an Personal in einem angespannten Arbeitsmarkt“, berichtet Sören Deglow, Teamleiter im Arbeitgeber-Service der Agentur für Arbeit Stralsund. Diese Konkurrenzsituation habe zur Folge, dass sich die Beschäftigungsbedingungen deutlich verbessert hätten. Aber: Auf Bewerber, die etwa wegen Kinderbetreuung nicht flexibel arbeiten können, werde nicht ausreichend eingegangen. „Hier werden durch die Unternehmen Potenziale für motivierte Mitarbeiter verschenkt“, sagt Sören Deglow.

Bei Stress mehren sich die Krankheitsfälle

Hinzu kommen häufige Krankheitsfälle unter den Beschäftigten. „Wenn das Volumen der Anrufe steigt und es schwierig wird, merkt man, wie Mitarbeiter aussteigen. Dann explodieren die Krankschreibungszahlen“, berichtet Susanne Starkowski, Standortleiterin des Greifswalder Callcenters Teleperformance. 350 Frauen und Männer arbeiten hier an der Koitenhäger Landstraße in der Zweigstelle des französischen Weltmarktführers. Drei Millionen Anrufe nehmen die Greifswalder Mitarbeiter im Jahr entgegen – für den Telekommunikationskonzern Vodafone, einen Internet-Versandhändler und eine Mietwagenfirma. Und es könnten noch viel mehr werden. „Wir haben Platz für bis zu 600 Mitarbeiter und wollen wieder mehr Leute einstellen“, sagt Susanne Starkowski,

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