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Rügen Der Kormoran-Urwald von Vorpommern
Vorpommern Rügen Der Kormoran-Urwald von Vorpommern
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16:57 20.06.2019
Hochsaison in der Niederhofer Kormorankolonie: Fast 2000 Brutpaare sind dort in diesem jahr vorrübergehend zu Hause. Quelle: Florian Hoffmann
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Niederhof

Urwald, eine völlig andere Welt. Nur wenige Fahrradminuten von Stralsund entfernt, nicht weit von Greifswald und Grimmen und mitten in Vorpommern liegt das kleine Naturschutzgebiet Niederhof und damit eine von Deutschlands größten Kormorankolonien. Dort sind die Vögel zu Hause, die Fischern ein Dorn im Auge sind, die Abschussdebatten auf den Plan rufen, Besucher aber nach nur wenigen Schritten in unbändige Natur abtauchen lassen, die sie begeistern und faszinieren.

Ehrenamtler betreuen Gebiet

Einer, der sich mit dem Gebiet, seinen Pflanzen und Tieren auskennt, ist der Naturschutzbeauftragter und Naturschutzwart Hermann Baier aus Ahrendsee. Gemeinsam mit seiner Frau Bettina Baier ist er in Niederhof ehrenamtlich seit 2013 aktiv. „Die Kolonie in Niederhof ist super gut zugänglich, ein Wanderweg führt direkt daran vorbei und bietet umfassende Einblicke in die zweitgrößte Kolonie in Mecklenburg-Vorpommern“, sagt er. Der Besucher merkt ihm seine Begeisterung sofort an. Eigentlich leben in Niederhof während der Brutsaison 2000 Brutpaare, in diesem Jahr sind es nur 1800, informiert Baier. Die größte Kolonie des Landes mit mehr als 3000 Brutpaaren existiert in der Peenemündung.

1800 Brutpaare ziehen in diesem Jahr in der Kormorankolonie in Niederhof ihren Nachwuchs auf.

Eines wollen Baier und Florian Hoffmann, Schutzgebietsbeauftragter des WWF (World Wide Fund For Nature) Deutschland in der Schutzgebietsregion Greifswalder Bodden, auf dem Weg in die sogenannte Niederhöfer Waldkolonie gleich klarstellen: „Der Kormoran ist nicht schuld, dass es der Fischerei schlecht geht.“ Vielfach seien Mageninhalte des Kormorans untersucht worden. In fast allen Fällen seien es kleine Weißfische, die gefunden wurden – also keine Konkurrenz für die Fischer.

Kormorane jagen im Verbund

Dennoch könnten beide den Ärger der Fischer verstehen, die gegenwärtig hierzulande um ihre Existenz kämpfen müssen. Das habe jedoch ihrer Meinung nach politische Gründe. Schließlich räumen sie aber ein, dass die Kormorane als exzellente Taucher, die bis zu 15 Meter tief tauchen können, meist aber in Tiefen von einem bis drei Metern unter der Wasseroberfläche unterwegs sind, viele Fische verschlingen. „Man kann beobachten, wie sie im Verbund jagen und ganze Fischschwärme einkreisen“, erzählt Hermann Baier von den Jagderfolgen der Taucher.

„Entgegen der landläufigen Meinung haben Kormorane hierzulande wohl natürliche Feinde, machen die beiden Fachmänner weiter deutlich: Waschbär, Marderhund, Fuchs, aber auch Greifvögel zählen dazu. Auf jeden Fall sei es nicht so, dass die Kormoranbestände erheblich wachsen und deshalb die Fischerei bedroht sei. „In ganz Vorpommern sind sie in etwa stabil“, sagt Florian Hoffmann.

Florian Hoffmann (l.), Schutzgebietsbetreuer beim WWF und Hermann Baier, Naturschutzbeauftragter in der Kormorankolonie Niederhof im Gespräch in der Nordkolonie in Niederhof. Quelle: Almut Jaekel

Bestände insgesamt stabil

Nur in den einzelnen Kolonien schwanken die Zahlen teilweise erheblich, sodass auch immer wieder andere Küstenabschnitte mehr oder weniger Kormoranen ein Zuhause bieten. Waren vor einigen wenigen Jahren noch die Niederhöfer Kolonie, der Peenemünder Haken und der Anklamer Stadtbruch die drei größten Kolonien Deutschlands, existiert die bei Anklam gar nicht mehr. Schon 2017 wurden laut Kormoranbericht des Landes (Daten vom Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern) gerade mal 91 besetzte Nester gezählt. „Sie ist zusammengebrochen. Die Tiere sind jetzt am Peenemünder Haken und bei Lassan zu finden“, sagt Hermann Baier. Neuansiedlungen gab es stattdessen beispielsweise auf der Greifswalder Oie.

60 Prozent des gesamten Bestandes der Kormorane findet man in Mecklenburg-Vorpommern, informiert Florian Hoffmann. 14 000 Brutpaare seien das etwa in MV, in Deutschland circa 24 000. „Und der Brutbestand in ganz Deutschland ist seit 2005 relativ stabil“, sagt Florian Hoffmann. Seit Mitte der 90er-Jahre sei die Anzahl der Kormorane sogar im gesamten südwestlichen Ostseeraum in etwa gleich geblieben, fügt er an. Allerdings sei der Bestand zuvor – in den 80er-Jahren – sehr stark angestiegen. „Davor war der Kormoran hier nämlich fast weg“, sagt Hoffmann.

Fisch ist die Hauptnahrung

Der Kormoran ist in weiten Teilen Europas, Asiens und Afrika verbreitet, außerdem auch in Australien und Neuseeland, an der Ostküste Nordamerikas und auf Grönland zu Hause.Seine Nahrung besteht fast ausschließlich aus Fisch, meist aus kleinen See- und Süßwasserfischen (Weißfische).

Kormorane sind gesellig, sie bilden Brutkolonien und können mehr als 20 Jahre alt werden.Der Name Kormoran stammt aus dem Altfranzösischen und bedeutet dort wie auch im Lateinischen Meerrabe oder Wasserrabe.Kormorane sind fast so groß wie Gänse. Die Flügelspannweite beträgt 1,21 bis 1,49 Meter. Männchen können schwerer als drei Kilogramm werden.

Das Prachtkleid der Vögel ist schwarz, an Scheitel, Nacken und am Schenkel gibt es weiße Federn. Jungtiere sind bräunlich bis schwarzbraun.Regelmäßig gibt es fachlich begleitete Führungen durch die Niederhöfer Kolonie; beispielsweise mit Mitarbeitern des WWF (World Wide Fund For Nature), einer der größten internationalen Natur- und Umweltschutzorganisationen, oder des Nabu (Naturschutzbundes Deutschland).

Auch Naturschutzwart Hermann Baier und seine Frau bieten Führungen in Niederhof an.Für den WWF ist Florian Hoffmann, Schutzgebietsbetreuer und zuständig für das Natural Habitat Management im Greifswalder Bodden, auch für Niederhof zuständig.

Im Auftrag des Kreises Vorpommern-Rügen sorgen Hermann und Bettina Baier ehrenamtlich für die Entwicklung des Bestandes. Sie beobachten und protokollieren die Tier- und Pflanzenwelt, machen Vorschläge zur Verbesserung, regen pflegerische Maßnahmen an und führen Besucher durch das Gebiet.

Vögel werden akribisch gezählt

2018 hat das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern (LUNG) die Schlafplätze der Niederhöfer Kormorane akribisch erfasst – und zwar monatlich, auch im Winter. Der Kormoran ist nämlich zwar ein Zugvogel, aber es gibt die Vögel auch im Winter hierzulande. Hoffmann: „Das sind aber andere, die aus Skandinavien ins mildere Vorpommern kommen, während die Sommerbewohner noch weiter in den Süden oder in den Westen fliegen“, erzählt Baier. Die Winterkormorane sind jedoch nicht in der Kolonie, sondern beispielsweise auf den Stahlmasten im Strelasund direkt vor Niederhof zu finden.

Jetzt, in der Brutzeit ab Februar bilden die lackschwarzen Vögel zwei Unterkolonien in Niederhof: die größere Wald- und die Feldkolonie. Die Waldkolonie ist beliebter, in der südlicheren Feldkolonie gab es früher zwar auch bis zu 1000 Brutpaare, 2016 hatte sie sich aber ganz aufgelöst.

Zahlreiche Jungvögel bevölkern gegenwärtig die Kolonie. Quelle: Almut Jaekel

148 Nester auf einem Baum

„Wir als Naturschutzbeauftragte zählen jeweils im April den Bestand“, erzählt Hermann Baier. Und zwar Baum für Baum. 627 Brutbäume wurden in diesem Jahr registriert, durchschnittlich mit drei Nestern pro Baum. Baier: „Es gibt aber einen Nachweis aus dem Jahr 1962 über eine Buche mit insgesamt 148 Nestern.“ „Kormorane sind eben gesellige Tiere“, fügt Florian Hoffmann an. Jetzt finde man maximal 20 Nester auf einem Baum, andere aber auch nur mit einem Vogel-Wohnsitz. Direkt im inneren Kreis in der Waldkolonie an den Wasserlöchern sind die Bäume mehr besetzt, und pro Nest würden auch mehr Jungvögel aufgezogen werden.

Kolonie seit 1952

Die Idylle in Niederhof kommt nicht von ungefähr: „Seit den 60er-Jahren wird der ehemalige Gutspark nicht mehr forstwirtschaftlich genutzt“, informiert Hermann Baier. Vom Bewuchs freigehalten werde nur der Wanderweg, sonst überall darf wachsen und leben, was und wie es will.

Seit 1952 gibt es die Kormorankolonie in Niederhof, informiert der Naturschutzwart. Zwei Jahre später wurde das gesamte Gebiet unter Schutz gestellt. „Das Schutzgebiet ist 25 Hektar groß“, sagt Hermann Baier. Die reine Kolonie wesentlich kleiner, maximal 20 Prozent davon.

Auch Graureiher fühlen sich wohl

Die Besonderheit in Niederhof: „Es ist ein kombiniertes Gebiet. Neben den Kormoranen brüten hier auch Graureiher und einige, wenige Silberreiher“, sagt Hermann Baier. Etwa 200 Graureiher-Brutpaare gebe es. Der erste Bruterfolg nach jahrelanger Pause in Deutschland beim Silberreiher liege fünf Jahre zurück und der wurde in Niederhof registriert. Inzwischen gebe es wieder jährlich zwischen fünf und sieben Paare.

Derzeit ist fast alles sattgrün, nur die Baumwipfel sind braun oder weiß gekalkt, vom Kot der Kormorane verätzt und kahl weithin sichtbar. Und wer Stille und Ruhe sucht, ist vom zeitigen Frühjahr an bis jetzt in den Frühsommer in einer Kormorankolonie nicht richtig: Urwaldmäßig laut schreien die Kormorane durcheinander, die Jüngsten fiepen unaufhörlich nach Futternachschub, andere rufen scheinbar wild durcheinander.

Ab Februar richtig laut

Ab Februar herrscht in der Kolonie der typische Klang. Baier: „Am lautesten ist es im April, wenn die meisten Jungtiere geschlüpft sind und ordentlich Krach machen.“ Immerhin leben dann insgesamt etwa 10 000 Kormorane in Niederhof. Zwei bis vier Jungtiere zieht ein Brutpaar durchschnittlich pro Jahr auf. „Im Moment gibt es drei unterschiedliche Altersgruppen an Jungkormoranen“, erklärt Florian Hoffmann. Diejenigen, die schon flügge sind, die etwas Jüngeren, die am Nest sitzen und erste Flugversuche unternehmen, und die Kleinsten, die lautstark nach Futter gieren. Außerdem sind neben den 1800 lackschwarzen Brutpaaren die bräunlichen Jungvögel mit den helleren Bäuchen der vergangenen zwei Jahre vor Ort. Erst später beginnen die Kormorane selbst für Nachwuchs zu sorgen.

Im vorigen Jahr hat der späte Wintereinbruch zu Ostern zu einer Besonderheit geführt: „Es war gespenstisch, mitten in der Brutsaison herrschte hier auf einmal Totenstille“, erinnert sich Hermann Baier. Bei Schnee und Frost hatte wohl keines der Jungtiere überlebt – und die Brut begann von Neuem.

Stetige Veränderungen

Die vielen großen Vögel und deren Lebensweise verändern stetig das Bild des Schutzgebietes: Bäume verkahlen und sterben ab wegen des Kots. „Für einige Pflanzen wie Holunder und Ahorn ist diese Düngung aber förderlich“, informiert Baier. „Der Wald geht nicht verloren“, ist er sicher. „Aber er verändert sich.“

Almut Jaekel

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