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Rügen Der lange Weg vom Abc bis zur Geschichte
Vorpommern Rügen Der lange Weg vom Abc bis zur Geschichte
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17:59 26.06.2018
Gruppenleiter Walter Huber (2. v.l.) hat individuelle Lernziele für Anna Seifert, Evelyn Jürgen, Thomas Wulff und Heiko Jürgen (v.l.)aufgestellt. Quelle: Wenke Büssow-Krämer
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Bergen

Der Trick mit der vergessenen Brille funktioniert noch immer, wenn man die Mitmenschen dazu bringen will, das Vorlesen oder Ausfüllen eines Formulars zu übernehmen, um so seine Schwächen zu verbergen. Mit dem Lesen und Schreiben hatte auch Thomas Wulff nach acht Jahren Schule noch Schwierigkeiten. „Das hat auch in den Ämtern immer geklappt. Irgendwann habe ich dann einfach zugegeben: Ich kann das nicht“, erklärt der 57-Jährige.

Heute gehört er zu den Teilnehmern, die im Alphabetisierungskurs der Kreisvolkshochschule Versäumtes nachholen wollen. Was viele Schüler in diesen Kursen vereint, sind schlechte Erfahrungen mit Schule, Mitschülern und Lehrern in den Jugendjahren. „Ich wurde in der Schule gemobbt und auch verprügelt. Außerdem hatten auch meine Eltern Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben“, sagt Thomas Wulff. Jedoch war er clever genug, sich unauffällig durch die Schulzeit zu schummeln. Auch die Ausbildung zum Landwirt hat er gepackt, arbeitete dann im Kuh- und Schweinestall und landete später in der Gastronomie.

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Es gab aber auch Jobs, in denen er an den Punkt kam, an dem er sich outen musste. In einer Fabrikhalle in Österreich stand Wulff täglich an Maschinen, aber plötzlich sollte er einen anderen Posten am Computer übernehmen. Seine Grundkenntnisse im Lesen und Schreiben sah er hier nicht mehr als ausreichend an. „Ich hatte Angst davor Fehler zu machen. Ich wollte ja keinen Schaden anrichten. Also musste ich meinem Vorgesetzten beichten.“ Die Kollegen wurden informiert, Thomas Wulff versetzt und die komischen Blicke der anderen sah er nach ein paar Tagen auch nicht mehr. Die treibende Kraft, sich Jahre später doch wieder auf die Schulbank zu setzen, war aber eine ganz andere. „Ich dachte mir: Meine Tochter kommt bald zur Schule, dann kann ich mit ihr lesen“, sagt Wulff. Inzwischen schreibt er begeistert Beiträge für das Analphabeten-Internet-Magazin „XXX - Die Abc-Zeitung“.

Anna Seifert ging immer ganz offen mit ihrem Defizit um. Auch nach ihrer Zeit an einer Behindertenschule übernahm solche Aufgaben stets eine Betreuerin für sie. „Wenn ich wissen wollte, was in einem Brief steht, musste ich auf sie zurückgreifen. Das hat mich geärgert“, sagt die 27-Jährige. Große, lautstarke Klassen machten es ihr schwer, sich zu konzentrieren. Die kleine Gruppe in dem Alphabetisierungskurs ist für sie der richtige Rahmen. Silbenweise erarbeitet sie sich die Worte. „Wörter, die ich täglich sehe, merke ich mir. Dann versuche ich, sie auf die Einkaufsliste zu schreiben“, erklärt die gelernte Hauswirtschafterin.

Diese unterschiedlichen Kenntnisse der Teilnehmer fordern von Walter Huber Geduld, Einfühlungsvermögen und Gespür. „Die Herausforderung ist, sich auf jeden Teilnehmer individuell einzustellen. Für jeden einzelnen brauche ich einen Plan, wie ich ihn zum Ziel führen kann und muss auch permanent bereit sein, diesen Plan zu korrigieren“, sagt der Kursleiter. Stimmt die Chemie in der Gruppe oder zwischen Teilnehmer und Kursleiter nicht oder wird der Druck zu groß, ist die Neigung zu einem Kursabbruch hoch. „Das Wichtigste ist, dass die Teilnehmer sich hier wohlfühlen. Das Lernen ist ein Nebeneffekt“, erklärt Walter Huber.

„Er erklärt super und die Leute im Kurs sind cool“, sagt Thomas Wulff. Das hat letztendlich auch Evelyn und Heiko Jürgen überzeugt, hier noch mal von vorn anzufangen. Die 53-Jährige hatte aus familiären Gründen nie eine Schule besucht. „Was das Lernen betrifft habe ich schon erhebliche Probleme. Aber ich mache trotzdem weiter“, sagt sie. Statt in der Zeit vor der Tür auf seine Frau zu warten, hat sich dann auch Heiko Jürgen irgendwann entschlossen, dazuzulernen. „Ich bin auch nicht so ganz fit. Und man wird ja nicht dümmer dadurch“, meint der 48-Jährige.

Der Zusammenhalt der Gleichgesinnten in der Gruppe fördert hier auch den Lernwillen. „Wir stehen auch privat in Kontakt. Es ist immer jemand da“, sagt Thomas Wulff. Auch gemeinsame Exkursionen sollen „Schule“ angenehm gestalten. In diesem Monat waren Teilnehmer des Alpha-Kurses aus Stralsund zu Besuch auf der Insel. In Prora wurde gemeinsam der Baumwipfelpfad erklommen.

Gerne nimmt die Gruppe noch weitere Lernwillige auf. Doch ist es sehr schwierig, potenzielle Teilnehmer für Alphabetisierungskurse zu erreichen. „Denn sie lesen ja keine Ankündigungen“, sagt Antje Rudolph von der Kreisvolkshochschule. „Das funktioniert meist über Dritte – Arbeitskollegen oder Familie.“ In den zurückliegenden Jahren waren dann auch oftmals die Kosten für einen Kurs der Grund, warum Betroffene nicht teilgenommen haben. Mit dem Programm „Alpha-Dekade“ hat sich das Landesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur verpflichtet, von 2016 bis 2026 für die Finanzierung aufzukommen.

Treffpunkt in Bergen ist die Kreisvolkshochschule – nach dem Umzug ab September in der Störtebekerstraße 8a – jeden Donnerstag von 14.45 Uhr bis 16.15 Uhr.

Wenke Büssow-Krämer