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Rügen Der letzte Rügener Badejunge: „Ganz Rügen ist traurig über die Schließung“
Vorpommern Rügen Der letzte Rügener Badejunge: „Ganz Rügen ist traurig über die Schließung“
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20:36 23.08.2019
Die letzten Exemplare des "Rügener Badejungen" werden noch bis zum Monatsende in der Bergener Molkerei verpackt. Quelle: Uwe Driest
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Bergen

„Vor allem unsere Mädels hatten Tränen in den Augen, als sie die Nachricht von der endgültigen Schließung unserer Molkerei erhielten“, sagt Sven Sprenger. Mit den „Mädels“ meint der Vorsitzende des Betriebsrats seine Kolleginnen. Bis zum Ende des Verhandlungs-Marathons sei von allen Seiten Hoffnung geschürt worden, sagt Sprenger. „Wir wurden schlecht informiert und immer wieder hingehalten.“

Noch auf einer Betriebsversammlung im Mai 2017 habe es vor den knapp 60 Mitarbeitern geheißen, der Bergener Standort würde erhalten und weiter betrieben. „Deswegen traf auch mich die Nachricht wie ein Schlag.“ Sprenger ist seit 1985 im Betrieb und viele seiner Kollegen würden schon seit ihrer Lehre in der Molkerei arbeiten. „Es war wie in einer Familie“, sagt er. Nun aber ist es Gewissheit, die Produktion endete bereits und die letzten auf Rügen hergestellten Exemplare des „Rügener Badejungen“ werden noch bis zum Monatsende in der Bergener Molkerei verpackt. In dieser Woche wurden schon Büromöbel verladen und an den Standort in Altentreptow gebracht.

Die letzten Tage der Traditionsmarke auf der Insel sind gezählt

„Alle Seiten bedauern die Schließung“

Die 5300-Einwohner-Gemeinde ist neben Dargun und Waren einer von nun noch drei Standorten des Deutschen Milchkontors (DMK) in Mecklenburg-Vorpommern. „Angesichts der hohen Bedeutung der Traditionsmolkerei in Bergen bedauern alle Seiten die Schließung, die durch den Verlust der Marke ,Rügener Badejunge’ unumgänglich geworden ist“, hatte es schließlich in einer gemeinsamen Mitteilung von Gewerkschaft und Arbeitgebern geheißen.

Der Weg bis dahin war von Arbeitskampfmaßnahmen begleitet und einer breiten Öffentlichkeit verfolgt worden. Zweieinhalb Jahre lang rangen Belegschaft, Konzern und Politik um eine Lösung. Die Molkerei gehört dem Deutschen Milchkontor (DMK) – und der Marktführer mochte den Standort nicht an einen Interessenten aus der Branche verkaufen. „Aus Wettbewerbsgründen war die Nachnutzung durch ein anderes milchwirtschaftliches Unternehmen ausgeschlossen“, sagt Konzern-Sprecherin Vera Hassenpflug.

Eben diese Lösung aber hatte ein Konzept des Gesamtbetriebsrats des DMK vorgesehen und die Weigerung der Konzernspitze, die Chance auf Erhalt des Standorts zu nutzen, ist es, was Bürgermeisterin, Milchbauern, Landwirtschaftsminister und Gewerkschaft erboste. Die Weigerung des DMK, die Bergener Molkerei an einen Mitbewerber zu verkaufen, wurde von allen Seiten kritisiert. Von einer „Entscheidung bar jeder Vernunft“ sprach der ehemalige Werksleiter und für Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD). Das DMK drücke sich „um seine soziale Verantwortung für den Standort.“

Bauern schreiben offenen Brief

Im Namen von rund 20 Rügener Milcherzeugern hatten vier Bauern im vergangenen Jahr in einem offenen Brief ebenfalls gefordert, die Molkerei zu verkaufen. Eine kleine Molkerei auf Rügen mit Camembert-Produktion könne wohl kaum eine Konkurrenz für den Milchriesen darstellen, hatten Jürgen Habbe, Uwe Meerkötter, Johann Trophoff-Kaup und Jochen Vömel seinerzeit geschrieben und ihre Verträge mit dem DMK gekündigt. Seither ließ das DMK Milch vom Festland auf die Insel bringen, während umgekehrt die Inselmilch auf dem Festland verarbeitet wird.

„Statt eines lukrativen Verkaufs nimmt das DMK die teure Schließung in Kauf, um sich die Konkurrenz vom Leib zu halten“, schimpft Bürgermeisterin Anja Ratzke (parteilos). „Das DMK agierte ohne Not in ganz böser Vorgehensweise gegenüber den Mitarbeitern.“ Sie habe immer in engem Kontakt zu den beteiligten Akteuren gestanden, so Ratzke. Sogar Überlegungen, die Markenrechte durch die Stadt Bergen zu erwerben, seien im Gespräch gewesen.

Bürgermeisterin engagiert

„Ich habe selten gesehen, dass sich eine Bürgermeisterin so engagiert für den Erhalt von Arbeitsplätzen eingesetzt hat“, bestätigt Jörg Dahms von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Bis zuletzt habe Ratzke versucht, Netzwerke von Bauern bis zu Arbeitgebervertretern zusammenzuhalten und Kontakte zu Investoren zu pflegen. „Aber das DMK ist hart geblieben.“

Bei der Gewerkschaft hält man die Weigerung, den Standort zu erhalten, auch für wirtschaftlich nicht sinnvoll. Auf rund sieben Millionen Euro beziffert Dahms die Kosten für Stilllegung und Abfindungen. „Immerhin aber ist dabei ein Sozialplan ausgehandelt worden, der seinen Namen auch verdient“, meint der Gewerkschafter. Der in einer Einigungsstelle unter Vorsitz des Direktors des Arbeitsgerichts Stralsund, Rainer Rückert, erstellte Plan wurde der Belegschaft auf einer Betriebsversammlung im März vorgestellt.

Betriebsrat: Angestellte fallen weich

So traurig die Schließung auch ist, die meisten Angestellten fallen relativ weich, sagt Betriebsrat André Hardt. Er selbst ist Elektriker und beginnt bei der Elektro-Anlagenbau GmbH. Sieben oder acht junge Leute würden an andere Standorte des DMK, vor allem nach Altentreptow, aber auch nach Waren und in die Zentralkäserei MV nach Dargun gehen. Weitere Mitarbeiter kämen beim Zweckverband Abwasserversorgung oder der Fischindustrie in Sassnitz unter. Werkleiterin Christina Rausch beginnt bei Eurobaltic in Mukran und nimmt einige Kollegen mit.

Der Sozialplan federe die Situation der Beschäftigten zwar ab, so Dahms. „Für Rügen bedeutet die Schließung aber, dass das Lohn-Niveau weiter sinken und es einen Bruch geben wird im Lohngefüge der Insel. Deswegen fordern wir auch 2,50 Euro oder 26 Prozent mehr je Stunde im Hotel- und Gaststättengewerbe, der wichtigsten Branche in MV.“ Um mit Bayern gleichzuziehen, müsse es gar 37 Prozent mehr geben, rechnet der Gewerkschafter vor.

„Der Badejunge gehört auf die Insel“

Kathleen Kieckhöfer hat noch keine neue Arbeit gefunden. Sie verkauft die letzten Badejungen im Werkverkauf vor dem Betriebsgelände. „Mein Mann arbeitet in Stralsund und wir möchten auf der Insel bleiben, aber ich bin optimistisch, dass sich etwas finden wird“. Norbert Pietsch kommt seit zwanzig Jahren samt Frau und Sohn im Urlaub aus dem bayrischen Bayreuth nach Rügen. „Ein Besuch im Werkverkauf gehörte immer dazu, weil wir die heimische Wirtschaft gern unterstützen möchten“, sagt er.

Ein einheimischer Kunde hat selbst schon Anfang der 1970-er Jahre Milch von den LPGen Karow und Zirkow in Bergen abgeliefert. Nun ist er im Ruhestand, blieb aber dem Badejungen bis heute treu, obwohl er in Thiessow lebt, was schließlich nicht gerade um die Ecke sei. „Ganz Rügen ist traurig über die Schließung. Der Badejunge gehört auf die Insel“, findet Susanne Laubstein aus Trent. Sie ist erst vor einem Jahr auf die Insel gezogen und würde am liebsten kämpferisch auf die Schließung reagieren. „Eigentlich müssten wir uns auf der B 96 anketten, um noch etwas zu bewirken“, glaubt sie.

Immobilie so gut wie verkauft

Tatsächlich soll auch die Immobilie selbst bereits so gut wie verkauft sein. Beim Käufer könnte es sich OZ-Informationen zufolge um Nico Gruber handeln, der eine Farbenfabrik in Quatzendorf betreibt und bereits das alte Verwaltungsgebäude, in das später die Grone-Schule einzog, sowie den Bergener Bahnhof kaufte.

Bis der Verkauf der Immobilie an den neuen Eigentümer unter Dach und Fach ist, wachen auf Türmen montierte Video-Kameras über das Grundstück. „Am kommenden Mittwoch geht der letzte Käse in die Folie und der letzte Arbeitstag für unsere Mitarbeiter ist Ende September“, sagt Werkleiterin Rausch. Dann dreht sich ein letztes Mal der Schlüssel im Werkstor und der Standort ist Geschichte. Den Glauben an eine Molkerei in ihrer Stadt möchte Anja Ratzke aber noch immer nicht begraben und so bleibt die Bürgermeisterin mit einem potenziellen Investor im Gespräch. Dabei handelt es sich OZ-Informationen zufolge um die Ostmilch Handels GmbH, die sich für die Errichtung einer Molkerei im Ortsteil Tilzow interessieren könnte. Das Unternehmen wollte die Information bisher nicht bestätigen. Vielleicht öffnet sich ja eine neue Tür.

Video-Impressionen aus der Molkerei mit einem Statement des Betriebsratsvorsitzenden Sven Sprenger

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Von Uwe Driest

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