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Rügen Die letzten Künstler packen die Sachen
Vorpommern Rügen Die letzten Künstler packen die Sachen
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02:26 06.12.2013
Keramiker Rudi Kern präsentiert seine letzte Arbeit, die er in seiner Werkstatt in Block 3 in Prora hergestellt hat: eine Nixe.
Keramiker Rudi Kern präsentiert seine letzte Arbeit, die er in seiner Werkstatt in Block 3 in Prora hergestellt hat: eine Nixe. Quelle: Dieter Lindemann
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Prora

Seit 17 Jahren hat der Keramiker Rudi Kern im Block 3 im „Koloss von Prora“ seine Werkstatt. Nun muss er zusammenpacken und gehen. Im Juli erhielt er von seinem Vermieter die schriftliche Kündigung seines Mietvertrages. Zum Jahresende muss der Keramiker raus.

Eigentümer von Block 3 der einst von den Nazis als „Kraft- durch- Freude-Seebad“ für 20 000 Menschen geplanten Anlage, die nach dem Krieg als NVA-Kaserne genutzt wurde, ist die Inselbogen Strandimmobilien GmbH & Co KG. Die Investorengruppe will das Betongrau in ein modernes Ferien- & Freizeitzentrum mit professionellen Angeboten für Sport, Kultur und Entertainment verwandeln. 350 Appartements und ein Sporthotel mit 174 Gästezimmern, eine 7000 Quadratmeter große Mehrzweckhalle, Außensportanlagen, Schwimmhalle, Veranstaltungssäle und Gastronomie sind unter anderem geplant.

Von Kündigungen betroffen sind auch weitere — die letzten — Künstler mit ihren Ateliers im hinteren Gebäudeteil von Block 3. „Mir, Jochen Kuschel und Klaus Böllhoff wurde auch gekündigt. Die schöne Zeit ist nun vorbei“, ist auch Matthias Gerlach betrübt. Seit 15 Jahren war hier sein Atelier „Blau Orange“. Sein Hauptdomizil ist mittlerweile die Kunstscheune in Karow.

Doch mit einem kurzfristigen Baubeginn ist dennoch nicht zu rechnen. „Es sollte schon im September 2011 losgehen. Aber bisher liegt uns noch nicht einmal ein Bauantrag vor“, informiert der Binzer Bürgermeister Karsten Schneider (parteilos), der somit eigentlich keinen aktuellen Bedarf für die Kündigungen sieht. Ein Vertreter der Investorengruppe war für ein Statement bis zum gestrigen Redaktionsschluss nicht zu erreichen.

In Block 3 befindet sich auch die KulturKunststatt Prora, das Dokumentationszentrum Prora und die Discothek M3. In den 90er Jahren war hier noch eine geballte Kunst- und Kulturszene an der so genannten Museumsmeile zu erleben, die jährlich tausende Besucher anlockte. 2005 kaufte die Inselbogen GmbH den Block und sprach die ersten Kündigungen aus.

„Ich bin zwar Rentner, aber ich wollte noch einige Jahre an der Töpferscheibe sitzen und modellieren. Ich hatte damit gerechnet, dass eines Tages die Kündigung kommt, es gibt bisher keine Anzeichen, dass hier gebaut werden soll. Einen Neuanfang kann ich mir finanziell nicht leisten. Wenn ich wenigstens bis zum Baubeginn hier bleiben könnte, wäre ich zufrieden. Ich habe Widerspruch eingelegt, aber ich habe kaum Hoffnung“, meinte Rudi Kern bedrückt.

„Wir werden zum Abschluss zwischen Weihnachten und Silvester noch einen Auftritt machen“, kündigt Matthias Gerlach an.

Sportklientel anlocken
47 Hektar groß soll die Parkanlage werden, in der das Ferien- & Freizeitzentrum eingebettet wird.   Neben 350 Appartements mit Hotelservice und einem Sporthotel mit 174 Zimmern sind vielfältige Sportanlagen (innen und außen) und Veranstaltungsräume geplant.

Gerit Herold und Dieter Lindemann