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Rügen Eine Jugend in „freier Wildbahn“
Vorpommern Rügen Eine Jugend in „freier Wildbahn“
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00:01 10.03.2017
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Augustenhof

Als Dieter Ernst Augustenhof das erste Mal sah, war er ein Kind von sechs Jahren. Es war das Jahr 1940. Der Krieg tobte seit einem Jahr. Vater Werner Ernst, ein Förster, hatte das Revier als Angestellter des Grafen Douglas übernommen. Dieter war zunächst mit der Mutter und der kleinen Schwester im alten Wohnort im Kreis Demmin geblieben, bis der Vater das Forsthaus mit dem Nötigsten ausgestattet hatte. Weil es keinen Strom gab, wurde Koppeldraht vom zwei Kilometer entfernten Ralswiek quer durch den Wald nach Augustenhof verlegt. „Von den 220 Volt im Dorf kamen 180 Volt bei uns an“, erinnert sich der heute 82-jährige Ernst. Dann wurde noch eine Wasserpumpenstation zur Versorgung von Wohn- und Stallgebäude installiert. Dann konnte die Mutter mit den Kindern nachziehen.

Dieter Ernst erlebte das Kriegsende in Augustenhof / Kinder machten Streifzüge durch den Wald

„Wir waren zunächst allein“, sagt Ernst. Doch die Abgeschiedenheit hatte für die Kinder viele Vorzüge. Sie konnten in „freier Wildbahn“ aufwachsen, hatten viele Freiheiten dort mitten im dunklen Tann. Die Mutter versorgte zwei Kühe, zwei Pferde, Perlhühner, Puten, Schweine und Schafe. Letztere „liefen im Wald herum und kamen abends allein in den Stall zurück“. Zur Schule marschierten Dieter und seine jüngere Schwester durch den Wald hinunter nach Ralswiek, wo Lehrer Heyn seine Mühe hatte, allen Schülern gerecht zu werden, unterrichtete er doch die Kinder von der ersten bis zur achten Klasse in einem Raum. Doch der kleine Dieter sah auch den Krieg und das Kriegsende. Es kamen Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nach Augustenhof, die von seiner Familie unterstützt und versorgt wurden.

Es kamen aber auch die einmarschierenden Siegertruppen, von denen der damals Elfjährige zunächst einen perfekt Deutsch sprechenden russischen Offizier und dessen beide Adjutanten erlebte. Die Mutter servierte den dreien ein Frühstück, danach wurden die Jagdgewehre und die Munition beschlagnahmt. „Das lief alles sehr korrekt ab“, die Übergabe erfolgte mit Quittung.

Nach 1945 wurde Dieters Vater aus dem Forstdienst entlassen und verdiente fortan den Unterhalt für seine Familie als Fuhrunternehmer mit seinem Lanz-Bulldog. „Von irgendwas musste der Schornstein ja rauchen“, erläutert Ernst im Rückblick. Seine Mutter wurde Neusiedlerin in der Gemarkung Ralswiek. 1950 musste die Familie Augustenhof verlassen, weil der Platz für eine Forstschule benötigt wurde.

Die Familie Ernst zog nach Lietzow, wo Dieter auch heute noch lebt. Er hatte die Oberschule in Bergen besucht, dann in Stralsund Maschinenschlosser gelernt und war schließlich 1956 in die Volksbildung gegangen, wo er Werken und Mathematik unterrichtete. Nach der Wende, von 1990 bis 1994 arbeitete Ernst im Kreistag und engagierte sich danach bis 1999 als Bürgermeister von Lietzow.

Susanna Gilbert

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