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Rügen Fahrlehrer auf Rügen: Sind Dorfbewohner die besseren Fahranfänger?
Vorpommern Rügen

Fahrlehrer auf Rügen: Sind Dorfbewohner die besseren Fahranfänger?

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18:00 11.02.2020
Paul Krüger, Jenny Behnke, Rayko Schultz und Gunter Gramenz von der gleichnamigen Rügener Fahrschule vor dem neuen, zusätzlichen Unternehmensstandort an der Bergener Ringstraße. Quelle: Maik Trettin
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Bergen/Sassnitz

Gehen Rügen die Fahrlehrer aus? Gunter Gramenz betrachtet die Entwicklung mit Sorge. Seit Jahrzehnten bringt er Frauen und Männern auf der Insel bei, wie man schaltet, kuppelt und anfährt und welche Regeln im Straßenverkehr gelten. Dabei gehört der 57-Jährige hierzulande zu den Jüngsten seiner Zunft. Viele seiner ehemaligen Kollegen sind mittlerweile im Ruhestand. „Auf Wittow gibt es inzwischen gar keine Fahrschule mehr.“

Von Dutzenden Unternehmen der Branche auf Rügen sind acht Fahrschulen übrig geblieben. Die Nachfrage ist groß, zu bestimmten Zeiten sind Termine rar. Dennoch: Spätestens mit Rentenbeginn hätte auch Gunter Gramenz seine Firma schließen müssen. Ein Nachfolger war nicht in Sicht. Jetzt haben sich gleich zwei gefunden: Paul Krüger (29) und Rayko Schultz (31) werden die Fahrschule in Sassnitz und am neuen Standort in Bergen weiterführen.

Als Fahrlehrer bleibt man jung

Dass sich zwei junge Leute für den Beruf interessieren, nennt Gunter Gramenz einen Glücksfall. Vielen erscheint der Job unattraktiv. Gramenz kann das zum Teil verstehen: Man ist einen Großteil des Tages auf oft vollen Straßen unterwegs, muss meist zu Ferien- und Urlaubszeiten sowie morgens und abends arbeiten und hat in der Regel wenig freie Zeit.

Teure Fahrerlaubnis

Die Fahrerlaubnis für das Auto ist das Ziel der meisten Fahrschüler bei Gunter Gramenz. Nach seinen Schätzungen wollen etwa 80 Prozent von ihnen auf vier Rädern unterwegs sein. Die übrigen Schüler sind künftige Zweiradfahrer.

Mindestens 2000 Euro muss ein Fahrschüler für die Ausbildung in Theorie und Praxis sowie die Prüfung hinblättern. Je mehr Stunden und Nachprüfungen notwendig sind, desto teurer wird es.

78 Prozent der Fahrschüler von Gunter Gramenz haben laut Statistik von 2018 die Prüfung beim ersten Anlauf bestanden. Der Durchschnitt lag in dem Jahr auf Rügen bei 64 Prozent.

„Und trotzdem könnte ich mir keinen schöneren Beruf vorstellen“, sagt der Sassnitzer. Autofahren mache ihm nichts aus. „Und es macht mir richtig Spaß, ständig mit ganz unterschiedlichen Menschen zusammenzutreffen. Du bleibst jung dabei.“

Schwierigkeiten mit Rechts-vor-links-Regel

Das sprichwörtliche „Blut geleckt“ hatte der gelernte Schiffsbetriebsschlosser im alten Tagebau Wittenfelde. Nachdem er sich beim Wehrdienst zum Militärkraftfahrer qualifiziert hatte, arbeitete er im Kreidewerk. Am Rande des Kreidebruchs bildete er in seiner Freizeit über die GST Zweiradfahrer aus. 1991 eröffnete er mit seinem Bruder Manfred in Sagard eine Fahrschule, ein Jahr später seine eigene in Sassnitz.

„Über die Jahre hat sich in unserer Arbeit einiges geändert“, sagt er. Die theoretischen Prüfungen müssen die Kursteilnehmer auf dem Tablet absolvieren. „Daran verzweifeln nicht wenige“, weiß Gramenz. Für einige bleibt die Rechts-vor-links-Regel ein ewiges Geheimnis. Wenn jemand bei den Prüfungen durchfällt, dann meist in der theoretischen.

Mit dem Trabi auf dem Feldweg geübt

Wobei auch die Praxis für so manchen voller Tücken steckt. War das früher anders? Gunter Gramenz überlegt kurz und nickt. „Da sind viele vorher schon mal mit dem Moped oder dem Trabi der Eltern auf irgendeinem Feldweg oder auf einem Parcours unterwegs gewesen.“ Heute hat ein Großteil der Fahrschüler noch nie hinterm Lenkrad gesessen. „Es gibt ja auch keinen Sicherheitsplatz oder irgendeine Möglichkeit, mal abseits der Straßen zu trainieren.“

Vor allem Stadtbewohnern fehlt eine solche Gelegenheit, sagt Gramenz. „Wer vom Dorf kommt, bringt in der Regel schon ein bisschen Fahrpraxis mit.“ Dass Dorfbewohner deshalb die besseren Fahrschüler wären, kann Gunter Gramenz nicht bestätigen. Manchem müsse man das auf diese Art falsch Erlernte erst mühevoll wieder abgewöhnen.

Mehr als drei Viertel bestehen auf Anhieb

Auf Rügen kommt man ohne Auto nicht weit. Das merken viele junge Leute, die die Insel verlassen haben, erst, wenn sie hierher zurückkehren. Dann brauchen sie die Fahrerlaubnis. „Heute sind es nicht nur junge Leute, die zur Fahrschule kommen, sondern zunehmend auch ältere“, so Gramenz. 64 Jahre war sein bislang ältester Fahrschüler. Auch er hat die Prüfung bestanden – wie die meisten, die Gunter Gramenz unterrichtet hat. Laut der jüngsten offiziellen Statistik von 2018 haben 78 Prozent seiner Schüler die Prüfung gleich im ersten Anlauf erfolgreich absolviert. Der Durchschnitt der Insel lag bei 64 Prozent.

Prüfer resignierte an Bergener Kreuzung

Es gibt allerdings Ecken, an denen verzweifeln viele Schüler in der Fahrpraxis. „Zum Beispiel bei der Tankstellen-Kreuzung in Putbus. Mit der abknickenden Vorfahrt hat so mancher in der Fahrstunde seine Probleme.“ Und auch die Kreuzung beim Café Meyer in Bergen ist immer wieder für alle Beteiligten eine Herausforderung. Spätestens dann, wenn der Autofahrer aus der Marktstraße geradeaus, die anderen aus der Damm- und der Bahnhofstraße aber jeweils links abbiegen wollen, ist die Ratlosigkeit oft groß.

„Mach den Blinker aus, wir fahren geradeaus!“, hatte ein Prüfer den Fahrschüler einmal angewiesen, nachdem dieser – wie die Verkehrsteilnehmer auf den anderen Straßen – eine ganze Weile gestanden und gestikuliert hatte. Denn in dieser Situation hat niemand Vorfahrt. Die Fahrzeugführer müssen sich durch Signale verständigen, wer zuerst fahren soll.

Mit dem Motorrad nach Gibraltar

Frauen fahren anders als Männer. Nicht besser oder schlechter, da gebe es bei beiden Geschlechtern solche und solche. „Aber häufig fahren Frauen mit mehr Gefühl“, hat Gunter Gramenz beobachtet. Entgegen eines Vorurteils stehen sie auch den Männern beim Einparken in nichts nach.

Dennoch: Privat sitzt meist Gunter Gramenz am Steuer und seine Frau auf dem Beifahrersitz. Weil er in der Regel schon den ganzen Arbeitstag lang Beifahrer war. Aber auch, weil ihm das Fahren Spaß macht. Am liebsten mit dem Motorrad. Seine bislang längste Tour endete im 7000 Kilometer entfernten Gibraltar.

Mehr Rücksicht auf Fahrschüler gefordert

Die Begeisterung fürs Fahren teilen auch seine „Juniorpartner“. Rayko Schultz war einst Fahrschüler bei Gunter Gramenz. Der gelernte Bürokaufmann fand Gefallen an der Idee, anderen das Fahren beizubringen. Wie auch Paul Krüger, der mit 17 von seinem Schwiegervater Gunter Gramenz bis zur Führerscheinprüfung unterrichtet wurde und später bei der Bundeswehr seine Lkw-Fahrerlaubnis bekam.

Krüger hat gerade seine Prüfung zum Fahrlehrer bestanden, für Rayko Schultz steht sie am Ende des Monats an. Dann werden sie ihren Chef in Sassnitz beziehungsweise Bergen unterstützen. Der wünscht sich im Namen vieler Fahrlehrer und Fahrschüler etwas mehr Rücksicht auf die Lernenden hinterm Steuer. „Trotz der Kennzeichnung des Fahrschulwagens fahren viele Autofahrer viel zu dicht auf.“

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Von Maik Trettin

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