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Rügen Rüganerin nimmt 60 Kilo durch Krankheit zu – Kasse lehnt OP ab
Vorpommern Rügen Rüganerin nimmt 60 Kilo durch Krankheit zu – Kasse lehnt OP ab
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14:27 03.07.2019
Samantha Lingner muss auch an den Armen Kompressionsstrümpfe tragen. Gerade an heißen Tagen eine Tortur. Quelle: CHRISTIAN RÖDEL
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Bobbin/Stralsund

Es ist für die junge Frau eine Tortur: Allein zum Überstreifen der Kompressionsstrümpfe für Arme und Beine benötigt sie mehr als 30 Minuten. Das hauteng anliegende Gewebe soll die Wasseransammlung im Gewebe verhindern. Die Folge: Gerade bei sommerlichen Temperaturen wird jede Bewegung zum Problem.

Es vergeht kein Tag, an dem Samantha Lingner aus Bobbin, einem Ortsteil der Gemeinde Glowe auf Rügen, nicht mit starken Schmerzen und quälendem Juckreiz kämpft. „Es bleibt nur der Griff zu starken Schmerzpräparaten. Ich nehme Ibuprofen 800“, erklärt sie. Die 19-Jährige leidet – wie bundesweit mehr als drei Millionen Frauen! – an einer krankhaften Fettverteilungsstörung. Die Ärzte sprechen von einem Lipödem.

Mit Adipositas hat die Erkrankung nichts zu tun

Was nicht nur für die meisten Laien, sondern auch für viele Mediziner anmutet wie Adipositas, hat mit der gerade auch in MV weit verbreiteten Fettleibigkeit nichts zu tun. „Bei einem Lipödem sind die Kapillargefäße durchlässig und es tritt vermehrt Wasser in das umliegende Fettgewebe. Dieses Wasser sammelt sich als Ödem zwischen den Fettzellen, die sich vergrößern und verformen“, erläutert Dr. Christian Lau (41). Resultat: Ödeme und die Fettzellen in der Unterhaut würden immer größer, so der Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie am Stralsunder Helios Hanseklinikum.

Für Betroffene ist es ein Trip durch die Hölle

Tatsächlich erkannt wird das Leiden aber oft erst nach Jahren. Für die betroffenen Frauen – die Krankheit entwickelt sich zumeist mit der Pubertät, nach Schwangerschaften oder mit Einsetzen der Menopause – bedeutet dies einen Trip durch die Hölle. Das zeigt auch das Schicksal der angehenden Physiotherapeutin.

Seit 2012 hat die jetzt 1,76 Meter große Bobbinerin fast 60 Kilogramm zugenommen. „Du bist zu fett und solltest abnehmen!“ Diesen und viele andere Sprüche habe ihre Tochter fast täglich zu hören bekommen. „Auch von Kinderärzten“, erinnert sich Mutter Manuela (46). Samantha wurde in der Schule gemobbt und sogar tätlich angegriffen. Es half auch nicht, dass Manuela Lingner mit ihrem Mann Ronald (49) in der Schule versuchte, den Mitschülern die Erkrankung zu erklären. Was blieb, waren Traurigkeit, Verzweiflung, Isolation. Ein Leben im Abseits drohte. Seit geraumer Zeit ist die Rüganerin in psychologischer Behandlung.

Selbst Hungerphase brachte nichts

„Ich esse am Morgen zwei Brötchen, zum Mittag zwei Scheiben Brot und am Nachmittag einen Salat. Dazu kommen zwei bis drei Liter Wasser. Nur in Ausnahmefällen gönne sie sich eine kleine Süßigkeit“, erläutert die junge Patientin. Selbst eine längere Phase des Hungerns habe nichts gebracht. Jede Suche nach einer neuen Hose entwickelt sich für sie zum Albtraum. Denn in kürzester Zeit passt nichts mehr. An den Oberschenkeln bilden sich extreme Fettwülste. Fachleute sprechen von der sogenannten Reiterhosenform. Für die begeisterte Tänzerin, die seit Jahren in Karnevalclubs aktiv ist, wird jedes Training zur Kraftprobe. Sie knickt häufig um. Die Arme und Beine sind stark druck- und schmerzempfindlich. Selbst bei sanften Remplern entstehen große blaue Flecken.

„Ich will mich trotzdem nicht verstecken und habe in meiner Berufsschule in Bergen einen Vortrag vor Mitschülern gehalten. Aufklärung ist enorm wichtig“, sagt die junge Frau. Ihrer Lipödem-Gruppe im sozialen Netzwerk Facebook gehören bereits 1200 Betroffene an.

Experte: Nur Operation kann Krankheitsverlauf zumindest stoppen

Neben Kompressionsstrümpfen bewilligte die Krankenkasse DAK-Gesundheit ihr ein Kompressionstherapiegerät. Im maßgeschneiderten Massageanzug – darin erfolgt eine Art Lymphdrainage – liegt die Erkrankte zu Hause mehrere Stunden pro Woche. Doch der Spezialist Dr. Lau betont: „Nur eine Operation, eine sogenannte Liposuktion, kann den Krankheitsverlauf zumindest stoppen. Für den Betroffenen bedeutet dies den Gewinn von sehr viel Lebensqualität.“

Gerade bei seiner Patientin von der Insel Rügen sei größte Eile geboten. Denn der Krankheitsverlauf erfolge rasant. Samantha Lingner befindet sich bereits im schwersten Stadium – der Kategorie 3. Es bestehe die Gefahr, dass zu viel Fettgewebe auf das Lymphsystem drückt. So kann sich zusätzlich ein Lymphödem bilden. Die Folge: Lymphflüssigkeit staut sich. Die junge Frau könnte arbeitsunfähig werden.

Der Stralsunder Facharzt rechnet mit drei bis vier Eingriffen. Pro Operation könnten sieben bis zehn Liter der Fettzellen abgesaugt werden. Eine Prozedur kostet um die 3000 Euro. Zudem wird möglicherweise eine Hautstraffung nötig. Das Fatale: Die Liposuktion ist keine Kassenleistung.

Bisher schickte Kasse nur Ablehnungen

„Bislang kamen von der DAK-Gesundheit nur Ablehnungen“, ärgert sich Manuela Lingner. DAK-Sprecher Sönke Krohn erklärte auf OZ-Anfrage: „Umgehend nach Eingang des Antrages inklusive ärztlicher Unterlagen haben wir den zuständigen MDK (Medizinischen Dienst der Krankenversicherung, d. R.) beauftragt, ein sozialmedizinisches Gutachten durch einen Facharzt zu erstellen. Die medizinische Notwendigkeit wurde durch den MDK gewissenhaft bewertet. In der Gesamtbetrachtung ist es uns als gesetzliche Kasse höchstrichterlich untersagt worden, die Liposuktion zu übernehmen.“

Bundesausschuss: Prekäre Lage der Frauen erkannt

Spätestens Anfang 2020 dürfte diese Begründung der Kasse hinfällig sein. Der Gemeinsame Bundesausschuss – höchstes Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen – hat nämlich die prekäre Lage tausender Frauen erkannt. Dessen Vorsitzender, Professor Josef Hecken, erklärte: „Die Leistung steht den betroffenen Frauen ab 1. Januar 2020 zur Verfügung.“ Zumindest für die ganz schweren Fälle soll die Liposuktion zur Kassenleistung werden. Das bestätigte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums gegenüber OZ.

Für die Rüganerin Samantha Lingner kommt diese Entscheidung womöglich zu spät. Eine Einzelfallentscheidung könnte einen früheren OP-Termin bewirken. Familie Lingner will kämpfen und OZ wird die couragierte junge Frau unterstützen.

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