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Rügen Großbaustelle im Meer: „Arkona“-Windpark vor Rügen fast fertig
Vorpommern Rügen Großbaustelle im Meer: „Arkona“-Windpark vor Rügen fast fertig
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16:11 13.09.2018
Mit einem Rettungshubschrauber üben Rettungskräfte das Absetzen im Offshore-Windpark „Arkona“ in der Ostsee vor der Insel Rügen.  Quelle: Stefan Sauer / Dpa
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Sassnitz

Nur ein schwacher Wind bläst über die Ostsee, kleine Wellen klatschen an die Bordwand der „Presto“. Kapitän Thomas Grenz steuert das Schnellboot auf die offene See. Mit einer Geschwindigkeit von 25 Knoten rauscht sein Crew Transfer Vessel von Sassnitz raus auf die Ostsee, wo sich aus dem Grau ein Industriepark mit Bauschiffen und Windturbinen herausschält.

Vor Rügen entsteht derzeit der größte Windpark in der Ostsee. Das Baufeld gleicht einer Kleinstadt mit 400 Bauleuten auf See. Nicht nur die Kosten für das Projekt sind gigantisch. Eine Reportage

Dort, in der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone der Ostsee, rund 35 Kilometer nordöstlich von Rügen und auf halber Strecke zur dänischen Insel Bornholm errichtet der Essener Energiekonzern Eon mit dem norwegischen Energieunternehmen Equinor (ehemals Statoil) den Offshore-Windpark „Arkona“. Sie teilen sich die Investitionskosten in Höhe von 1,2 Milliarden Euro.

Größter Windpark in der Ostsee

„Mit 385 Megawatt Leistung ist das Projekt der derzeit größte Ostseewindpark überhaupt“, sagt Eon-Projektleiter Holger Matthiesen auf dem Vorschiff der „Presto“. Im August 2017, also vor gut einem Jahr, feierte Eon den Rammschlag für das erste Fundament. „Das Wetter hat uns geholfen“, bilanziert der Ingenieur stolz die Baufortschritte. Alle Fundamente für die 60 Windanlagen sind 40 Meter tief in den schwierigen Untergrund gerammt, alle Zwischenstücke sind installiert. In der Nacht zu Donnerstag wurde der 40. Turm vom Installationsschiff „Sea Challanger“ aus mit Gondel und den drei Rotoren bestückt.

Das Arbeitsschiff „Vos Stone“ steuert längsseits der Anlage und fährt eine Gangway aus. Bei der sogenannten „Ampeloperation“ setzen elf Monteure und Techniker auf den Turm über, um in der 100 Meter hohen Gondel die Endmontage in Angriff zu nehmen. 175 Meter hoch ragen die fertigen Anlagen aus der Ostsee. Zwischen Mitte Oktober und Ende November könnte je nach Wetter die letzte Turbine installiert sein, schätzt Matthiesen.

Wohnschiff mit Kino und Sauna

Die Baustelle auf dem Meer gleicht einer Kleinstadt: 400 Bauleute und bis zu 20 Schiffe arbeiten zeitgleich in dem Baufeld. An der Umspannplattform, dem Herzstück des Windparks, hat das Arbeits- und Wohnschiff „Seafox 7“ auf Stelzen festgemacht. Etwa 100 Mitarbeiter verschiedenster Firmen bleiben jeweils für zwei Wochen offshore und ersparen sich das tägliche Pendeln mit dem CTV (Crew Transfer Vessel).

„Das Wohnschiff ist voll ausgestattet mit Kino, Fitnessraum, Sauna und einer Super-Küche“, sagt Matthiesen. Regelmäßig schafft Thomas Grenz mit seiner „Presto“ Proviant auf das Wohnschiff. „Vom Ei bis zum Rührlöffel. Im Prinzip alles, außer Alkohol“, sagt Grenz.

Schrauben so lang wie ein Unterarm

Ingenieur Matthiesen zeigt eine von 120 Schrauben, mit denen ein nur zwei Meter aus dem Meer ragendes Zwischenstück (Transition Piece) und der darauf installierte Turm verbunden werden. Sie lässt die Dimensionen erahnen, in denen hier gebaut wird. Die etwa Unterarm lange Stahlschraube hat ein Gewicht von mehr als 10 Kilogramm und könnte aus dem Metallbaukasten eines Riesen stammen. Jeder einzelne Montageschritt - jede Schraubenverbindung - werde dokumentiert, um später bei möglichen Problemen schnell die Ursache identifizieren zu können. Zu den Arbeiten gehören auch regelmäßige Rettungsübungen mit dem Helikopter wie an diesem Tag. „Sicherheit hat Priorität.“

Jahre bevor der erste Rammschlag in der Ostsee erfolgte, hat Eon einen Prototypen der Windanlagen probehalber an Land montiert, wie Matthiesen berichtet. „Wir konnten so Fehlerquellen identifizieren und die späteren Arbeitsabläufe auf dem Wasser optimieren.“ Die Türme mit den 6-MW-Turbinen bekamen ein „Upgrade“. So wurden die Spitzen der Rotorblätter mit sogenannten Dinotails (kleinen Platten) bestückt und die Software optimiert, so dass der Windpark statt auf die rechnerisch 360 MW auf insgesamt 385 MW Leistung kommt. Perspektivisch halten die Windanlagenbauer Anlagen mit einer Leistung von 10 bis 12 MW für möglich.

Wellen in der Ostsee sind günstiger als in der Nordsee

„In dem Markt ist eine ungeheure Dynamik“, sagt der Ingenieur. Für Eon sei „Arkona“ der zehnte Offshore-Windpark überhaupt und der dritte in deutschen Gewässern. Zunächst hatte der Essener Konzern mit „Alpha Ventus“ und „Amrumbank West“ zwei Projekte in der Nordsee realisiert. 2006 errichtete Eon einen Messmast - im offshore-Jargon „Vogelmast“ genannt - in der Ostsee vor Rügen, um Winddaten zu sammeln. Resultat: Die Windkonditionen von Nord- und Ostsee waren vergleichbar. Die Ostsee biete allerdings den Vorteil, dass die Welle nach einem Sturm schneller abebbe, was die Arbeiten in der Bau- wie auch in der Betriebsphase erleichterten, sagt Matthiesen.

Noch werden die Bauarbeiten vom Marine Coordination Center - der Leitzentrale in Hamburg gesteuert. Doch eine spiegelgleiche Zentrale befindet sich im Eon-Betriebsgebäude im Sassnitzer Hafen. Geht der Windpark Anfang 2019 in Betrieb, wird von der Leitstelle in Sassnitz die Überwachung und Steuerung übernommen.

Bürgermeister: Offshore-Geschäft ist Erfolgsgeschichte

Für den Sassnitzer Bürgermeister Frank Kracht ist der Schwenk des Hafens zum Offshore-Geschäft eine Erfolgsgeschichte. Eon wie auch der spanische Energiekonzern Iberdrola steuern von Sassnitz aus ihre Windparks. Allein 100 direkte und zusätzlich 200 indirekte Arbeitsplätze würden so über die Betriebsdauer von 25 Jahren gesichert.

Für Sassnitz, sagt Kracht, sei der Hafen mit seinen Offshore-Projekten „ein Glücksfall“. Rund 1500 saisonunabhängige Arbeitsplätze seien entstanden, 1000 weitere sollen in den kommenden Jahren dazu kommen. „Für Rügen, einer Insel die vom Tourismus lebt, sind saisonunabhängige Arbeitsplätze wie diese besonders wichtig.“

Hintergrund

Grüner Strom wird zunehmend in der Ostsee vor Mecklenburg-Vorpommern erzeugt. Zwei kommerzielle Windparks „Baltic 1“ (48,3 Megawatt - vor dem Darß) und „Baltic 2“ (288 Megawatt - nordwestlich von Rügen) des Karlsruher Energiekonzerns EnBW sind seit 2011 und 2015 in Betrieb. Der Windpark „Wikinger“ des spanischen Energieriesen Iberdrola mit einer Leistung von 350 Megawatt (nordöstlich von Rügen) ist fertiggestellt und wird derzeit Zug um Zug in Betrieb genommen. Die offizielle Inbetriebnahme soll Ende Oktober gefeiert werden.

Eon errichtet aktuell mit „Arkona“ in Nähe des „Wikinger“-Feldes einen weiteren Windpark. Das Eon-Projekt mit einer Leistung von 385 Megawatt soll Anfang 2019 in Betrieb gehen. Die Bundesnetzagentur hatte im April zudem den Unternehmen Iberdrola und KNK Wind GmbH den Zuschlag für den Bau weiterer Offshore-Windanlagen nordöstlich der Insel Rügen erteilt. KNK hat sein 247 Megawatt-Projekt Arcadis-Ost inzwischen an den belgischen Windkraftentwickler „Parkwind“ verkauft. Der Iberdrola-Windpark „Baltic Eagle“ mit einer Leistung von 476 Megawatt ist bislang noch nicht genehmigt.

Der Strom aus den Baltic-Projekten wird über eine Leitung nach Bentwisch bei Rostock geführt. Alle Projekte nordöstlich von Rügen bringen den  Strom über die „Ostwind“-Trassen nach Lubmin an Land.

Dpa Martina Rathke

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