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Rügen Handwerker auf Rügen: „Lieferengpässe haben positive Lage eingetrübt“
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Handwerker auf Rügen: „Lieferengpässe haben positive Lage eingetrübt“

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07:01 03.01.2022
Tobias Kreim zeigt seinen Holzvorrat für anstehende Projekte. Im Sommer gab es allerdings Engpässe. Wochenlang musste er auf Material warten.
Tobias Kreim zeigt seinen Holzvorrat für anstehende Projekte. Im Sommer gab es allerdings Engpässe. Wochenlang musste er auf Material warten. Quelle: Mathias Otto
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Bergen

Corona-Pandemie, Materialengpässe und Mehrkosten in allen Bereichen: Hinter den Handwerkern lag ein Jahr voller Überraschungen und Herausforderungen. Und im kommenden Jahr sieht es nicht besser aus. Und das, obwohl sich die Firmen derzeit vor Aufträgen nicht retten können. Überall auf der Insel Rügen werden Fachleute für kleine und große Bauprojekte gesucht.

„Die Auftragsbücher, insbesondere für die Baugewerke, sind für das Jahr 2022 gut gefüllt. Teilweise reicht die Auslastung schon jetzt bis September“, sagt Kay Wellner, Projektleiter der Kreishandwerkerschaft Rügen-Stralsund-Nordvorpommern (RSN). Aber: Materialknappheit und Lieferengpässe haben die positive Wirtschaftslage im Handwerk eingetrübt.

Problematisch für die Betriebe sind Verträge, die vor Monaten geschlossen wurden und von ganz anderen Rahmenbedingungen geprägt waren. „Das führt nicht nur zu wirtschaftlichen Problemen, sondern stellt auch die langjährigen Beziehungen der Vertragspartner auf eine harte Probe.“ Das Problem für die Endverbraucher: Die Preissteigerungen bei den Vorprodukten bekommen sie zu spüren.

„Musste bei Lieferanten betteln“

Wie läuft es für Handwerker, die diese Hürden meistern müssen und nah am Kunden sind? Tobias Kreim (22) ist Zimmerer- und Dachdeckermeister und wagte im vergangenen Jahr in Bergen den Schritt in die Selbstständigkeit. Der Start hätte für das Innungsmitglied nicht besser laufen können. Von Anfang an kamen die Aufträge. Mal einen Handlauf herstellen, mal eine Gaube bauen, mal einen 120 Jahre alten Balkon im Ostseebad Sellin sanieren. Seine Arbeit sprach sich schnell rum auf der Insel. Das kommende Jahr beginnt mit einer Erneuerung eines Dachstuhls. Mittlerweile unterstützen ihn ein Geselle und ein Azubi in der Werkstatt und auf den Baustellen.

Vor der größten Herausforderung stand Tobias Kreim im Sommer, als das Material knapp wurde und Holz jeglicher Art rare Güter waren. „Ich musste bei den Lieferanten betteln, dass sie das Holz wenigstens innerhalb von zwei Monaten liefern. Normal ist eine Zeit von zwei Wochen“, sagt er. Besonders, wenn es um spezielles Material wie geleimtes Holz ging. Entweder musste er dann die Kunden vertrösten, oder sie haben ihre Bauprojekte umgeplant und in den Herbst verlagert. „Einige Auftraggeber sagten gleich, dass sie solange warten wollen, bis die Holzpreise wieder gefallen sind“, sagt er.

Tagespreise für Holz

Von den Lieferanten bekommt der Meister oft Holz nur zu Tagespreisen angeboten. Sind die Konditionen gut, kann er es dennoch nicht bunkern. „Ich kann nicht blauäugig das Material lagern, wenn ich es erst in zwei Jahren benötige. Bei einigen Holzarten ist es so, dass sie sich verdrehen können und somit nicht mehr maßig sind.“

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Ab Januar steigen wieder die Preise beim Kraftstoff. Für einen Handwerker, der täglich über die Insel fährt, kommen dadurch schnell mal hunderte Euro zusätzlich pro Jahr zustande. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, landet das Geld in Form einer Anfahrtspauschale beim Verbraucher. Beim Thema erhöhte Energiepreise beim Heizen hat er als Zimmerermeister Glück. Aktuell verbrennt er die Holzreste in seinem Ofen und heizt damit seine Werkstatt. Dauerhaft soll hier eine Hackschnitzelheizung für Wärme sorgen.

Dass der Mindestlohn ab 1. Januar auf 9.82 Euro sowie die Mindestausbildungsvergütung um 35 Euro pro Monat auf 585 Euro steigen, betrifft den jungen Meister nicht. „Es gibt den Bau-Tarif, dort liegt der Mindestlohn bei 12,85 Euro. Wenn man gute Mitarbeiter finden möchte, muss man auch mindestens diesen Lohn zahlen. Auch bei den tariflichen Regelungen bei den Azubis führt kein Weg dran vorbei“, sagt er.

„Mitarbeiter langfristig im Betrieb halten“

Eine Erhöhung der Mindestausbildungsvergütung sieht die Kreishandwerkerschaft hingegen kritisch. „Der Fokus sollte bei tariflich vereinbarten Ausbildungsvergütungen liegen, die zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen ausgehandelt wurden“, so Kay Wellner, der sich freut, dass die Vergütungen in allen Gewerken in den vergangenen Jahren sukzessive angestiegen sind. Das sei auch wichtig, denn der Bedarf im Handwerk ist groß und das Durchschnittsalter liegt in vielen Gewerken bei 50 Jahren. Hervorzuheben sei auch, dass die Ausbildungszahlen seit 2019 steigen und das Handwerk sich in der Corona-Pandemie als stabiler Wirtschaftsfaktor gezeigt hat. Im Gegensatz zu früher seien geregelte Arbeitszeiten Normalität und Überstunden die Ausnahme.

Die Bindung der Mitarbeitenden habe heute einen ganz anderen, sogar höheren Stellenwert. Dazu gehören Elternzeit-Regelungen, Maßnahmen für Familienfreundlichkeit und die Beteiligung am Unternehmenserfolg. „Viele Strategien verfolgen das Ziel, Mitarbeitende langfristig im Betrieb zu halten. Auch das führt dazu, dass das Handwerk als Arbeitgeber zunehmend attraktiver wird“, sagt Kay Wellner.

Von Mathias Otto