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Rügen Langjährige Standesbeamtin von Sassnitz verabschiedet sich in Ruhestand
Vorpommern Rügen Langjährige Standesbeamtin von Sassnitz verabschiedet sich in Ruhestand
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16:46 02.08.2018
Angela Schröter war jahrzehntelang Standesbeamtin in Sassnitz. Jetzt ist sie in Rente gegangen - und erinnert sich an einige der eindrucksvollsten Momente in ihrer Laufbahn. Quelle: Maik Trettin
Sassnitz

Der Brautstrauß flog und flog – und landete im Kronleuchter. Der Hausmeister musste ihn einen Tag später herunterfischen. Die verdutzten Gesichter der Hochzeitsgesellschaft im Sassnitzer Rathaus und das anschließende Gelächter wird Angela Schröter nie vergessen. „Es gab so viele Momente in dieser Arbeit, die einem in Erinnerung bleiben. Da könnte man glatt ein Buch drüber schreiben.“ Die Zeit hätte die 61-Jährige dazu. Nach mehreren Jahrzehnten des Dienstes hat sich die Sassnitzer Standesbeamtin in den Ruhestand verabschiedet.

„Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ Selbst von guten Freunden wurde die Sassnitzerin immer wieder nach ihrem Arbeitsalltag gefragt. So viele Trauungen gäbe es ja schließlich nicht. Angela Schröter verdreht die Augen. Dass hinter dem Beruf noch viel mehr steckt als die feierlichen Stunden, können sich die wenigsten vorstellen. „Das ist ein komplexer Aufgabenbereich. Man muss sich im internationalen Privat- und Familienrecht auskennen.“ Schließlich hat sie in Sassnitz auch Paare aus Russland, Polen, Ungarn, der Schweiz und der Türkei in den Hafen der Ehe gelotst. Um Namensänderungen und Sterbefälle hat sich Angela Schröter ebenso gekümmert wie die Erteilung von Gewerbeerlaubnissen beziehungsweise -untersagungen. „Die Hochzeit“, sagt die frühere Standesbeamtin, „ist da die Rosine im trockenen Arbeitskuchen.“

Nottrauungen am Krankenbett

Diese „Rosine“ hat sie tausendfach gekostet. Zuerst 1978, als sie selbst heiratete. Dass sie einmal die Zeremonie leiten würde, ahnte sie damals noch nicht. Denn eigentlich wäre die gebürtige Sassnitzerin gern Archäologin geworden. Um wieder in ihre Jasmunder Heimat zurückkehren und hier arbeiten zu können statt auf den Ausgrabungsstätten dieser Welt, studierte sie Staat und Recht und fing 1981 in der Abteilung Sport beim Rat der Stadt Sassnitz an. Wegen ihres Diploms galt sie dort als überqualifiziert. „Ich sollte mich entscheiden: Wohnraumlenkung, Standesamt oder Bauamt.“ Das Standesamt und dessen damalige Leiterin Liselotte Spychala hatten sie schwer beeindruckt. 1983 begann sie dort zu arbeiten und übernahm zwei Jahre später die Leitung der Abteilung.

An ihre erste Trauung kann sie sich noch gut erinnern. „Ich war so aufgeregt, dass ich dachte, ich kippe um.“ Später waren es eher die Brautleute, bei denen die Nerven blank lagen. „Ich habe die Paare vorher immer beruhigt, habe gesagt, ich kümmere mich ab jetzt um alles, sie müssten nur ja sagen.“ Das taten auch alle. Bis auf einen Bräutigam. Dem drohte die resolute Standesbeamtin, sie werde gleich ihr Buch zuschlagen, wenn er nicht antworten wolle. „Er dachte offenbar, ein stummes Nicken genügt.“ Auch ihm kam dann das „Ja“ über die Lippen. Bei einer anderen Trauung erschien die Braut ohne Bräutigam. „Der lag zu Hause krank im Bett“, erinnert sich die langjährige Standesbeamtin. „Aber er hat doch ,ja’ gesagt!“, versicherte die Zukünftige. Nutzte nix: Die Hochzeitsgesellschaft musste unverrichteter Dinge wieder abziehen. Die Trauung wurde zwei Tage später zu Hause vollzogen. Das ist in begründeten Krankheitsfällen ebenso möglich wie die so genannten Nottrauungen im Krankenhaus. Schöner sei es natürlich vor einer prächtigen Kulisse, beispielsweise am Königsstuhl. Bei einer der Eheschließungen trat dort einmal ein schottischer Dudelsackspieler auf. „Als der anfing zu spielen, stellten sich bei mir die Härchen auf, so schön war das“, schwärmt Angela Schröter, die ein Faible für Schottland hat. Aber auch eine Rocker-Gang habe sie dort schon als Hochzeitsgesellschaft begrüßt.

Schmaler Grat zwischen Kitsch und Romantik

Musikalisch seien die Trauungen ohnehin vielfältiger geworden. „Der klassische Hochzeitsmarsch wird nicht mehr so oft verlangt.“ Und auch „Ganz in Weiß“ von Roy Black ist eher ein Auslaufmodell. Manche Trauungen bewegen sich ohnehin haarscharf an der Grenze zwischen Romantik und Kitsch, sagt die frühere Standesbeamtin. Was sich auch an den Kleidern ablesen lasse. Einmal Prinzessin sein – das wünschen sich aktuell viele Frauen für diesen Tag. Aber es gibt auch das Gegenteil: in Jeans und Pullover, ohne Schnörkel, einfach im Büro am Schreibtisch. „Jeder wie er mag“, kommentiert Angela Schröter das achselzuckend. Ihr Ding wäre es nicht. Wenn sie ihrem Mann noch einmal das Ja-Wort gäbe, dann auch in einem festlichen Kleid und am liebsten in einem Schloss. Was gar nicht gehe, seien kaugummikauende Brautleute und Szenenapplaus von den Gästen. „Während der Eheschließung klatscht man nicht.“ Am Ende der Zeremonie könne gejubelt und gefeiert werden.

Für Angela Schröter war jede Trauung ein Erlebnis – auch wenn sie die Aufregung der ersten von ihr vorgenommenen Eheschließung schon längst abgelegt hat. Nein, sagt sie, Routine werde es auch nach so vielen Jahren nicht. Man habe natürlich so seine Kniffe. Zum Beispiel in der Art, den Brautleuten den Ring sicher zu präsentieren. „Wir lagen schon mal auf allen Vieren auf dem Boden und haben gesucht, weil ein Ring runtergefallen war.“ Daraus lerne man. Bei aufgeregten Paaren habe sie ab und an mit einem Witz versucht, die Stimmung aufzulockern. Ihr Rat an künftige Brautleute: „Genießen sie diese wunderschönen Minuten! Die kommen nie wieder.“ Und wenn man noch so oft heirate: Das „erste Mal“ ist etwas ganz Besonderes.

Maik Trettin