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Rügen Hexenhaus auf Hiddensee: Eintauchen in 264 Jahre Geschichte
Vorpommern Rügen Hexenhaus auf Hiddensee: Eintauchen in 264 Jahre Geschichte
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16:34 02.10.2019
Sabine Reichwein (78) wohnt in dem „Hexenhaus“ genannten denkmalgeschützten Kleinod von Mai bis Oktober. Quelle: Ulrike Sebert
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Stralsund

Klein und etwas schief steht das weiße Haus mit blauen Sprossenfenstern und Reetdach zurückgesetzt auf der Wiese. Dahinter eine große Weide, fast so, als ob die Äste sich schützend um das Häuschen legen. 264 Jahre steht es schon an diesem Platz in Vitte auf Hiddensee, gebaut als eine Fischerkate.

Sabine Reichwein (78) wohnt in diesem denkmalgeschützten Kleinod von Mai bis Oktober, das seit 1930 in Familienbesitz ist. „Hexenhaus“ wird es auch genannt und die Besitzerin erzählt gern die Geschichte, dass es einmal eine alte Frau bewohnt habe, die mit ihren Kräutern viele Hiddenseer von Krankheiten geheilt habe. Deshalb wurde sie Kräuterhexe genannt und so kam das Häuschen zu seinem Namen.

Einfachheit und Ostsee-Nähe

Man muss den Kopf einziehen, so niedrig sind die Türen und Decken der zwei Räume, oben und unten. Die weiß gekalkten dicken Wände und das Reetdach schützen im Sommer vor Hitze und im Herbst und Winter vor Sturm und Kälte. Von der Miniküche aus wird der weiße Kachelofen beheizt, der so aussieht, als ob er schon immer zum Haus gehört. Doch Sabine Reichwein hat ihn erst nach der Wende gegen den alten unschönen Dauerbrandofen ersetzt.

Gleich links vor dem Hauseingang gibt es eine Toilette mit Waschbecken. Eine Solardusche steht im Garten. Sabine Reichwein schätzt diese Einfachheit und die Ostsee ist auch nicht weit, sagt sie. Die Zeit auf der Insel ist ein guter Kontrast zu ihrem Großstadtleben im Winter in Berlin.

Hexenhaus gehörte einer Malerin

Dass es soweit gekommen ist, hat sie ihrer Großmutter zu verdanken, die sich 1915 in das Häuschen verliebte. Sie besuchte damals auf der Insel eine Freundin und lernte die Malerin Elisabeth Büttner kennen, der das Hexenhaus gehörte. Diese bildete Frauen in der Malerei aus und gehörte zum Hiddenseer Künstlerinnenbund.

„Erst fünfzehn Jahre später besuchte meine Großmutter wieder die Insel, und stand vor dem Hexenhaus, das fast zerfallen war. Elisabeth Büttner lebte schon länger in einem Pflegeheim in Hamburg“, erzählt Sabine Reichwein. Die Malerin wollte es gern der Großmutter verkaufen zum selben Preis, wie sie es erworben hatte, obwohl viele reiche Interessenten Schlange standen. Das war 1930.

Stolperstein erinnert an ermordeten Vater

„1946 hat sie es meiner Mutter geschenkt“, sagt Sabine Reichwein, die die jüngste Tochter des Reformpädagogen und Widerstandskämpfers Adolf Reichwein ist, der am 20. Oktober 1944 von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Da war Tochter Sabine drei Jahre alt. Die älteste Schwester zehn. Ein Stolperstein liegt vor dem Hexenhaus, der an ihren Vater erinnert. Er ist einer von sechs Steinen auf der Insel. Die anderen wurden für die Jüdin Henni Lehmann und weitere vier Malerinnen des Hiddenseer Künstlerinnenbund verlegt.

Stolperstein für Adolf Reichwein auf Hiddensee: Er war im Widerstand gegen das NS-Regime aktiv und wurde ermordet. Quelle: Ulrike Sebert

„Mein Vater gehörte zum Kreisauer Kreis im Widerstand gegen Hitler, die im Falle eines Umsturzes eine neue staatliche Ordnung entwickelt haben, wo mein Vater Kultusminister werden sollte“, erzählt Sabine Reichwein. Durch einen Gestapospitzel wurden er und Julius Leber verraten, als sie zwei der führenden Kommunisten, Anton Saefkow und Franz Jacob, trafen, um sie in die Verschwörung des 20. Juli 1944 gegen Hitler einzubinden. Alle vier wurden verhaftet und ermordet.

Auf der Insel waren zu viele Nazis

Der Stolperstein für Reichwein ist dem ehemaligen Inselpastor Domrös zu verdanken, der auch Vorträge über sein Leben gehalten hat. In der DDR erfuhr Adolf Reichwein als Widerstandskämpfer und Sozialdemokrat große Ehrung. Viele Schulen wurden nach ihm benannt, auch ein Sassnitzer Fischkutter, der heute auf dem Hof des Stralsunder Meeresmuseums liegt.

Die Witwe mit ihren vier Kindern konnte das Hexenhaus behalten, obwohl sie in Westberlin lebten. „Meine Mutter war mit uns während des Krieges viel auf Hiddensee, da Berlin bombardiert wurde. Mein Vater kam nicht gern, es gab zu viele Nazis auf der Insel“, erinnert sich Sabine Reichwein.

Schwere Jahre nach der Wende

„Von 1951 bis 1974 durften wir das Hexenhaus nicht besuchen“, erzählt sie weiter. Erst ab 1974 war es der Familie erlaubt, mit Passierschein zu kommen, allerdings nur im Frühjahr und Herbst. Und sie benötigten jedes Mal eine Einladung von Bewohnern der Insel. Im Sommer nutzten verdiente Genossen der DDR das Haus, die den Westbürgern nicht begegnen durften.

1983 hatte die Mutter, die als Krankengymnastin tätig war, das Haus an ihre jüngste Tochter verschenkt, die heute auf schwierige Jahre nach der Wende zurückblickt. „Zum einen war ich Wessi und viele kannten die Geschichte des Hauses nicht“, sagt die pensionierte Fotografin und Lehrerin. „Zum anderen gab es viele Kämpfe mit dem Bauamt, Nachbarn durften über die Grundstücksgrenzen bauen und es hat lange gedauert, bis ich akzeptiert wurde.“

Pforten auf am Tag des Denkmals

Anfangs kam sie den Schulferien. Seit ihrer Pensionierung 2005 bleibt sie drei Monate, oft auch länger. Sie liebt ihr Hexenhaus, trifft viele Freunde und Bekannte und fühlt sich auf der Insel zu Hause. Besonders seit 2007, als Sabine Reichwein sich entschieden hatte, ihr Hexenhaus zum Tag des Denkmals interessierten Bürgern zu öffnen. Die DDR hatte dem Haus 1981 als späte Ehrung für Adolf Reichwein Denkmalschutz verliehen.

Sie war überrascht über den Ansturm und das Interesse. Allerdings kamen in den Anfangsjahren nur Gäste der Insel. In letzter Zeit auch Einheimische, worüber sie sich sehr freut. Auch am 8. September öffnet sie wieder die Türen des Hexenhauses, bewirtet die Gäste mit kleinen Leckereien und freut sich auf interessante Gespräche. „Es gibt viele spannende Gebäude auf der Insel, die man nicht kennt und ich würde mich freuen, wenn mehr Hauseigentümer ihre Pforten öffnen“, wünscht sich Sabine Reichwein.

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