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Rügen Möwen erfroren im Kielwasser der Fähren
Vorpommern Rügen Möwen erfroren im Kielwasser der Fähren
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11:20 09.01.2019
Das Fährschiff "Rostock" vor der vereisten Sassnitzer Mole Quelle: Wulf Krentzien
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Sassnitz

Den Beginn des neuen Jahres im Rügen-Hotel zu feiern, war für viele Inselbewohner und -gäste jahrzehntelang ein Traum. Doch bei Stig Jönsson kam am Abend des Neujahrstages 1979 keine richtige Partylaune auf. Der Lkw-Fahrer wollte nach Hause ins schwedische Hässelholm, um seine Familie wiederzusehen und saß in Sassnitz fest. Eis und Schnee hatten die Insel und Südschweden fest im Griff. Der Fährverkehr war unterbrochen und zu Hause wartete man seit Tagen auf ihn. Sogar die Polizei suchte schon nach dem Ehemann und zweifachen Familienvater, dessen Visum für die DDR längst abgelaufen war. Doch der Kraftfahrer saß vor Sassnitz fest: Drei Tage lang war sein Lkw vom Schnee eingeschlossen. „Das war das Teuflischste, was ich je erlebt habe“, zitiert ihn anschließend die Zeitung „Trelleborgs Allehanda“.

In den Ausgaben von damals und einem schwedischen Buch über den Katastrophenwinter haben Rosemarie und Wulf Krentzien aus Sassnitz geblättert und neben vielen Bildern unter anderem die Geschichte des schwedischen Lastwagenfahrers entdeckt. Er berichtet von den Schneewehen, die sich um das Fahrerhaus türmten. Der Schnee drang durch die Ritzen bis ins Innere. Er und ein weiterer schwedischer Fahrer steckten mitten im Chaos fest. Der Proviant war am ersten Tag verbraucht, dann ging auch der Diesel in einem der beiden Wagen zur Neige. „Zum Glück funktionierte die Heizung in dem anderen Lkw, aber warm wurde es niemals“, erzählte der Fahrer später zu Hause. Zwischenzeitlich hatten sie sich zu einem Haus durchgekämpft, wo man sie mit Kaffee und Stullen versorgte. Nach insgesamt drei Tagen hatte sich dann die NVA mit Panzern zu ihnen durchgekämpft.

Seewassereinbruch auf der „Sassnitz

Dass die Verbindung zwischen Trelleborg und Sassnitz unterbrochen wurde, war einerseits dem orkanartigen Sturm geschuldet. Wulf Krentzien hat in seinem Archiv Berichte aus dem Fährschiffamt aufbewahrt, in denen die Situation geschildert wird. Demnach entgleisten in der Nacht vom 28. auf den 29. Dezember auf dem FährschiffRostock“ auf der Fahrt Richtung Sassnitz vier Waggons „auf grund von seegangseinwirkung“, wie es in einem Telegramm an die Reichsbahndirektion und das zuständige Minsterium für Verkehrswesen der DDR heißt. Wegen des Sturms musste die „Rostock“ zeitweise vor Bornholm abwettern. Weitere Fahrten der FährschiffeSassnitz“ und „Skåne“ mussten wegen der Witterung ausfallen. Auch auf der „Sassnitz“ entgleisten Waggons. Das Schiff wurde in dem Winter beschädigt. „Gegen 18.20 uhr seewassereinbruch (. . .) festgestellt“, heißt es in einem Telegramm über die Situation am 7. Januar. Das Schiff musste aus dem Verkehr gezogen werden. Taucher untersuchten auf Reede vor Sassnitz den Schaden. Sie entdeckten Schleifspuren und Einbeulungen an der Kielplatte. Durch das dort entstandene Loch drang das Wasser ein. Die „Sassnitz“ wurde zur Notreparatur in die Warnowwerft gebracht.

Als Jahrhundertwinter ist vielen Insulanern der Jahreswechsel 1978/79 in Erinnerung geblieben. Die OZ hat Zeitzeugen befragt. Rosemarie und Wulf Krentzien haben die Zeit in Sassnitz erlebt.

Deutsche Fernfahrerauf schwedischer Fähre versorgt

Neben den Problem auf See kamen auch die an Land hinzu. Der Verkehr von und zu den Fährhäfen war auf beiden Seiten der Ostsee unterbrochen. Wie Stig Jönsson auf Rügen, saßen deutsche Fernfahrer auf schwedischer Seite fest – ohne Essen und ohne schwedische Kronen. Mit Unterstützung des Lokalradios brachte der Trelleborger Hafenchef Arne Dahlmann die Verantwortlichen der Schwedischen Eisenbahn dazu, die Leute auf das im Hafen liegende FährschiffSkåne“ zu holen und sie dort mit Mittagessen und Abendbrot zu versorgen. Erst am 4. Januar wurde der Fährverkehr wieder aufgenommen.

Eng wurde es für den Schiffsverkehr dann beim erneuten Wintereinbruch im Februar: „Vor Sassnitz liegt ein etwa 8 Seemeilen breites Band aus zusammengeschobenem Scholleneis, das in Küstennähe zahlreiche Aufschiebungen enthält“, heißt es im Eisbericht des Fährschiffamtes vom 19. Februar. „Der Verkehr ist nach Sassnitz nur mit direkter Eisbrecherhilfe möglich. Im Hafen Sassnitz etwa 30 Zentimeter dickes Festeis, nur starkmotorige Schiffe können ohne Hilfe verkehren.“ Im Fahrwasser der großen Schiffe fuhren auch einige Fischkutter auf die See hinaus, die ansonsten dick zugefroren war. Einigen Seevögeln wurde das zum Verhängnis, erinnern sich die Krentziens. Die Möwen, die sich in der Wasserrinne tummelten, erfroren in dem Eis, das das Wasser innerhalb kürzester Zeit wieder überzog. Vielen Menschen hingegen kam das feste Eis sehr gelegen: Sie spazierten quer über die Prorer Wiek bis nach Binz. Den Eis-Wanderern geboten letztlich Sicherheitskräfte Einhalt, die auf der Mole postiert wurden, wo viele Ausflügler starten wollten.

Brot der Sowjetsoldatenschmeckte besonders gut

An diese schönen Seiten des harten Winters erinnern auch einige Familienfotos, die die Krentziens an der vereisten Mole zeigen. Und doch waren die Schäden und Entbehrungen auch in Sassnitz groß. Erst in den 90er Jahren konnten beispielsweise die letzten Wunden, die das Eis in die Mole gerissen hatte, repariert werden. Rosemarie Krentzien erinnert sich an einen Mann aus Hagen, der auf Skiern nach Sassnitz zum Bäcker gekommen war, um wenigstens Brot zu bekommen. „Aber es gab ja nichts mehr!“ Mit leerem Rucksack musste er sich auf den Heimweg machen. Später versorgten die in Sassnitz stationierten Soldaten der Roten Armee die Einwohner mit Brot, das vielen noch als besonders schmackhaft in Erinnerung ist – weil es mit etwas Gerste gebacken worden war. Bald jedoch begannen die ersten Sassnitzer zu hamstern. Was sie zuviel eingesackt hatten, schmissen sie später weg. Fleisch wurde sehr schnell knapp. Rosemarie Krentzien hatte am 28. Dezember beim Einkauf noch ein Suppenhuhn aus der Gefriertruhe gefischt – das vorerst letzte. Später gab es an des Sassnitzer Fleischtheken fast ausnahmslos Wild. Die Jäger der Umgebung waren angehalten worden, durch vermehrten Abschuss die Versorgungslücke zu überbrücken.

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Maik Trettin

Zurzeit hat er noch Dienst im Pfarrsprengel Franzburg und Richtenberg sowie in den Gemeinden Vorland und Samtens.

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