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Rügen Jazz auf Rügen: 150 Konzerte und kein bisschen leise
Vorpommern Rügen

Jazz auf Rügen: 150 Konzerte und kein bisschen leise

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14:08 19.01.2020
Den Startschuss für die Reihe Jazz im Grundtvighaus gaben in diesem Jahr "Vorwärts/Rückwärts" aus Berlin. Jörg Piecha (sitzend) organisiert die Konzerte. Quelle: Uwe Driest
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Sassnitz

„Wir sind von Usedom bis Rostock der einzige Veranstaltungsort, der regelmäßige Jazz-Konzerte veranstaltet“, ist sich Jörg Piecha sicher. Der organisiert seit gut zehn Jahren fast im Alleingang monatliche Konzerte im Sassnitzer Grundtvighaus. Dabei überwiegt zwar moderner, junger Jazz, aber die Grenzen steckt Piecha weit. So startete die Reihe am 15. März 2009 mit dem Ben Waters Quartett. Der Pianist bietet schon mal eine Boogie-Woogie-Version von „Take Five", an dessen komplizierten 5/4-Takt schon mancher Hobby-Musiker verzweifelte.

Bis zum Jahreswechsel kam Piecha auf genau 150 Auftritte, die er auf die hölzerne Bühne des alten Hotels in der Seestraße brachte. Darunter auch Musiker der Genres Singer/Songwriter, Irish Folk, Chanson, Independent Rock, Blues, Ethno oder Klassik. „Wichtig ist uns, dass wir keinen Mainstream bieten“, sagt Piecha.

Themen der Stücke aus dem Leben

Den Startschuss für das laufende Jahr gab am Sonnabend das Trio Vorwärts/Rückwärts, das zeitgenössischen Kammer-Jazz aus der Bundeshauptstadt bot. Angesichts der Instrumentierung aus Kontrabass (Maike Hilbig), Cello (Johannes Fink) und Posaune (Gerhard Gschlößl) erwarteten auch geübte Jazz-Hörer den Abend mit Spannung. Tatsächlich sind die Stücke des Trios warm im Klang, kurzweilig arrangiert und unterhaltsam dargeboten. Ein Stück widmete das Trio einem Freund, der mit dem Taxi zunächst zum falschen Flughafen fuhr, seinen Flieger aber letztlich doch noch erreichen konnte. Die ursprünglich aus Nürnberg stammende Maike Hilbig komponierte ein Stück in Anlehnung an die fränkische Erkenntnis: „Der Club ist ein Depp“. Der „Club“ ist der 1. FC Nürnberg und ein Depp ist der ehemals erfolgreiche Verein, weil es ihm schon gelang, als Meister oder Pokalsieger abzusteigen. Irgendwie erginge es dem Jazz so ähnlich, findet die Bassistin.

Das Trio kommt ohne Elektronik, Netz und doppelten Boden aus. Mal verwendet Cellist Johannes Fink den Streichbogen, mal zupft er sein Instrument. Gerhard Gschlößl entlockt der Zugposaune kleinste rhythmische Geräusche oder spielt sie kraftvoll wie eine Fanfare, während die Finger von Maike Hilbig nur so über die starken Saiten des Kontrabasses fliegen. Die Gruppe entwickelt den Berlin- Sound der 30-er und 90-er Jahre in die Gegenwart weiter. Ihr zweites Album erschien 2019 bei dem neuen Berliner Label Trouble in the East Records.

Auch bedeutende Künstler von internationalem Rang

Die Konzerte finden stets an einem Sonnabend im Monat statt. Welcher das ist, kann variieren. Interessenten können sich in den Email-Verteiler aufnehmen lassen. In Juli und August ist Pause. Dann bietet Piecha ein offenes Sommerprogramm, das er aus den rund 120 Bewerbungen zusammenstellt, die er jedes Jahr aus fast allen Nachbarländern erhält. Lediglich ein Kontakt nach Polen fehlt ihm noch. „Im Sommer schließe ich allerdings nur die Tür auf und die Musiker müssen sich selbst organisieren.“

Träger aller Aktivitäten ist der Grundtvighaus-Verein mit seinem Aktionsprogramm „Mehrgenerationenhaus“. Die Konzertreihe stellt nur einen Teil der Aufgaben dar, für den sich Jörg Piecha den Hut aufsetzte. „Mit dieser Reihe wollen wir den Zugang zu anspruchsvollen Kunstformen bereitstellen. Wir möchten gern bei unseren Mitmenschen das Interesse für Außergewöhnliches wecken“, sagt er. „Das wäre ohne den ehrenamtlichen Einsatz mit rund 7500 Stunden Arbeit nicht möglich gewesen. Ohne die Zuwendungen des Mehrgenerationenhauses, der Stadt Sassnitz und einzelner Sponsoren, könnte diese Kunst nicht in Sassnitz erlebt werden“, weiß Piecha. „Hinzu kommt auch, dass sich die Künstler auf unserer Bühne wohlfühlen und uns als einen Ort, der dieses Genre pflegt, mit ihrer Präsenz unterstützen wollen. Dabei haben uns schon bedeutende Künstler, auch von internationalem Rang die Ehre erwiesen.“

Junge Leute haben den Eintritt frei

Im vergangenen Jahr bewarb sich Piecha mit seiner Konzertreihe um den Förderpreis „Applaus“ der „Initiative Musik“ der Bundesregierung. Der Preis wird jedes Jahr für die Programmplanung unabhängiger Spielstätten ausgereicht. Die Voraussetzungen, in ehrenamtlicher Arbeit „ein dem Mainstream abgewandtes, anspruchsvolles Programm-Konzept“ zu erstellen, habe man zwar erfüllt, aber mit der Förderung sollte es noch nicht klappen. In diesem Jahr will Piecha daher einen erneuten Anlauf nehmen. Bis dahin hält er an der Regelung fest, wonach junge Leute unter 18 Jahren den Eintritt zu seinen Konzerten frei haben. Davon machte der 15-jährige Hannes Engelbrecht, der selber Tuba spielt, am Sonnabend erstmals Gebrauch. „Ich mag sonst keinen Jazz, aber die Art, wie die Musiker ihn hier boten, gefällt mir gut“, sagt er und Besucherin Dörte Päplow findet: „Dass es so etwas überhaupt auf Rügen gibt, müsste viel bekannter sein.“

Kultur im Grundtvighaus

Programm im Grundtvighaus

15. 2. TRIO BROM Trio

14. 3. triOrange

18. 4. Bornstei / Torkler Duo

16. 5. Gilbert Paeffgen, Quartett

30. 5. Krügel/Päplow Duo Klassik

13. 6. rant Duo Jazz

Juli und August offenes Sommerprgramm unterbrochen vom Vollmondfest am 3. 8.

12. 9. Krügel, Päplow, Gutfleisch Trio Klassik

17.10. Malte Vief Solo Heavy Classic

14.11. GOS (Kontrabasstrio) Neue Musik

Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Junge Leute unter 18 Jahren haben den Eintritt frei. Info und Aufnahme in den Verteiler unter info@grundtvighaus-sassnitz.de.

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Von Uwe Driest

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