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Rügen Experte: „Kostenloses Liniennetz auf die gesamte Insel ausweiten“
Vorpommern Rügen Experte: „Kostenloses Liniennetz auf die gesamte Insel ausweiten“
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06:00 19.06.2018
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Bergen

Dr. Wilfried Kramer, promovierter Verkehrsökonom mit Schwerpunkt ÖPNV-Marketing spricht im OZ-Interview über den Verkehr auf der Insel Rügen. Er ist Vorstandsmitglied im Verkehrsclub Deutschland, Landesverband Nordost (Berlin, MV).

Dr. Wilfried Kramer ist promovierter Verkehrsökonom mit Schwerpunkt ÖPNV-Marketing. Er ist Vorstandsmitglied im Verkehrsclub Deutschland, Landesverband Nordost (Berlin, Mecklenburg-Vorpommern). Quelle: Uwe Driest

Auf Rügen findet derzeit eine Diskussion um Verkehrsmittel – insbesondere an den touristischen Punkten Kap Arkona und Jagdschloss Granitz statt. Wird die den Mobilitätsproblemen der Insel gerecht?Wilfried Kramer: Ganz klar nein! Bei einer Fahrt von Binz zum Kap Arkona werden etwa 90 Kilometer zurückgelegt und damit erhebliche Mengen Schadstoffe in die Naturlandschaft emittiert. Ähnlich wie beim Jagdschloss Granitz werden diese Emissionen nicht nennenswert reduziert, wenn man auf der letzten Meile Wegebahnen einsetzt. Dieses Mobilitätskonzept ist angesichts kilometerlanger Staus, hoher Schadstoff- und Lärmemissionen sowie immer größer werdender Parkflächen gescheitert.

Welchen Beitrag zur Lösung der Probleme kann der Einsatz von Elektro-Mobilität leisten?Ziel sollte ein weitgehend emissionsfreier Verkehr auf Rügen bis 2030 sein. Dafür kann die Elektromobilität einen wichtigen Beitrag liefern, aber nur, wenn sie alle Verkehrsarten umfasst. Warum gerade die 80 Dieselbusse der VVR in den Fokus geraten sind, ist für mich angesichts Zehntausender PKW, Tausender LKW sowie Hunderter Schiffe nicht nachvollziehbar, die Hauptverursacher von schädlichen Stickoxiden und Kohlendioxid sind. Anders als auf den hochbelasteten Straßenabschnitten in Hamburg mit dem ersten Fahrverbot werden in keiner Stadt in MV und erst recht nicht auf Rügen die festlegten Grenzwerte für Stickoxide überschritten.

Die Insel verzeichnet einen erneuten Bauboom mit der Folge weiter steigender Zahlen von Unterkünften, die weiteren Verkehr nach sich ziehen. Verträgt die Insel den zusätzlichen Verkehr?Aufgrund der akuten Probleme durch den wachsenden PKW-Verkehr auf Rügen müssten zusätzliche Unterkünfte eigentlich abgelehnt werden. Aber diese Ansicht dürfte sich weder mit der aktuellen Rechtslage noch mit dem Grundsatz der Gewerbefreiheit vereinbaren lassen. Andere Tourismusregionen zeigen, dass mit einem attraktiven öffentlichen Nahverkehr und einer verstärkten Nutzung des Fahrrads auch die bisherigen Gästezahlen und ein weiteres moderates Wachstum eher zu verkraften sind. Das setzt aber ein funktionierendes Mobilitätsmanagement voraus, denn noch immer reisen 75 Prozent der Rügen-Touristen mit dem eigenen PKW an und legen während ihres Aufenthaltes 200 Kilometer zurück. Dabei stehen Kap Arkona, Schaprode, Ralswiek und Königsstuhl ganz oben auf dem Programm. Es ist daher zu begrüßen, dass das neue VVR-Fahrplanangebot deutliche Verbesserungen in der Erreichbarkeit dieser touristischen Hotspots gebracht hat.

Nach dem fahrpreislosen öffentlichen Verkehr auf dem Mönchgut kommt nun auch Binz hinzu. Sind dies geeignete Schritte, den Anteil der Nutzung von Autos zugunsten von Bus und Bahn zu senken?Der entgeltlose ÖPNV auf Mönchgut hat für deutlich mehr Nachfrage von Urlaubern auf der Buslinie 20 gesorgt. Leider konnte sie in den Sommermonaten die Staus auf der B 196 trotzdem nicht verhindern. Grundsätzlich ist zu loben, dass jetzt auch Binz seit dem 1.Juni die kostenlose Beförderung mit der Kurkarte eingeführt hat. Die neue Ortsbuslinie 27, die auch zum Naturerbezentrum Prora fährt, ist schon jetzt sehr gut nachgefragt. Das kostenlos zu nutzende Liniennetz sollte auf die gesamte Insel – inklusive Bahn-Netz – ausgeweitet werden. Bis es soweit ist, sollte ein attraktives und preisgünstiges Touristenticket zum häufigeren Umstieg auf Busse und Bahnen einladen und kurzfristig sollte der entgeltlose ÖPNV auch in Glowe, Juliusruh/ Breege, Lohme und Sassnitz eingeführt werden.

Wenn es sich um geeignete Maßnahmen handelt, warum werden diese erst jetzt umgesetzt?Das ist eine gute Frage! Aus meiner Sicht gibt es zu viele Einzelinteressen von Gewerbetreibenden und Touristikern, die einem einheitlichen Agieren für einen nachhaltigen Qualitätstourismus auf Rügen entgegenstehen. Die Tourismusmobilität muss im Mittelpunkt stehen, wenn wir die einmalige Naturlandschaft Rügens erhalten und der Tourismusstandort dauerhaft sichern wollen. Andere Tourismusregionen, wie der Schwarzwald, der Bayerische Wald oder das Saarland sind dort deutlich weiter. Auch das jüngste Beispiel der Kaiserbäder auf Usedom mit einem einheitlichen Ansatz für den öffentlichen Nahverkehr zeigt, dass man dort die Zeichen der Zeit erkannt hat. Die Nutznießer eines wachsenden Tourismus müssen auch auf Rügen Verantwortung für die Mobilität ihrer Gäste übernehmen.

Besteht aus Ihrer Sicht ein zukunftsfähiges Mobilitätskonzept für die gesamte Insel, dessen Ziel wäre, den motorisierten Individualverkehr zu senken?Nein! Wir erleben eher ein Verkehrschaos, dem weder das Land noch der Landkreis Maßnahmen entgegensetzen. Im Gegenteil ist von dem unzureichenden Baustellenmanagement auch der Busverkehr erheblich betroffen. Eine Alternative für staugeplagte Autofahrer auf Schiene und im Bus ist nicht in Sicht. Der ÖPNV scheint aus dem öffentlichen Leben Rügens entrückt. Die kommunale VVR agiert bei der störungsfreien Nutzung des Straßennetzes zurückhaltend und wirbt kaum um neue Kunden.

Was könnte aus Ihrer Sicht Abhilfe verschaffen und wäre vergleichsweise zügig umsetzbar?Für eine deutliche Entlastung würde eine Veränderung bei der An- und Abreise der Rügen-Touristen mit der Bahn sorgen. Hier sehe ich großes Potenzial, da von den wichtigsten Bundesländern meist sogar Direktverbindungen mit ICE und IC bestehen. Damit ist Rügen deutlich besser angebunden als die meisten Seebäder an Nord- und Ostsee. Am kommenden Sonnabend werden wieder zwei ICE von München über Erfurt und Berlin direkt in etwas mehr als acht Stunden auf die Insel fahren. Leider ist dieses hervorragende Angebot weder bei vielen potenziellen Urlaubern noch bei den meisten Tourismusverantwortlichen Rügens bekannt. Die Züge des Fern- und Regionalverkehrs fahren übrigens schon seit langem „elektromobil und größtenteils mit Null-Emissionen“ und leisten damit einen wesentlichen Beitrag zur Umweltentlastung. Wer diese nutzt, wird sich auch auf Rügen mit Bus und Bahn fortbewegen. Wesentliche Bedingung dafür ist aber, dass diese auch attraktive Angebote und durchgehende Mobilitätsketten haben, um die Top-Sehenswürdigkeiten auf Rügen zu erreichen.

Uwe Driest

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