Kreidefelsen: Spezialfirma von Rügen baut Plattform am Königsstuhl
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Rügen Kreidefelsen: Rügener Spezialfirma baut für über sieben Millionen Euro neue Aussichtsplattform am Königsstuhl
Vorpommern Rügen

Kreidefelsen: Spezialfirma von Rügen baut Plattform am Königsstuhl

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17:03 12.05.2021
Eine Animation zeigt die geplante Plattform am Königsstuhl auf Rügen
Eine Animation zeigt die geplante Plattform am Königsstuhl auf Rügen Quelle: NPZ/Liebnau
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Sassnitz

Als er per Telefon die gute Nachricht über die Entscheidung der Sassnitzer Stadtvertreter bekam, war Martin Hurtienne gerade bei der offiziellen Schlüsselübergabe der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Dort war die Lauterbacher FLZ Stahl- und Metallbau GmbH unmittelbar an der Sanierung beteiligt. Das Rügener Unternehmen, dessen Geschäftsführer Hurtienne ist, war mit der Ausführung der anspruchsvollen Arbeiten an den Glasflächen und den Stahlkonstruktionen beauftragt worden. Ein Prestige-Objekt für die Insulaner, in deren Auftragsbuch jetzt schon das nächste steht: Die Lauterbacher Spezialfirma wird die Plattform am Königsstuhl errichten. Die Stadt Sassnitz hat dem Insel-Unternehmen den Zuschlag für die Arbeiten erteilt.

Anspruchsvolle Aufgaben bei Sanierung von Berliner Museen

Das hat sich weit über die Grenzen der Insel hinaus einen Namen gemacht. Bei vielen großen Projekten waren und sind die Lauterbacher Fachleute im Einsatz. Sie kümmerten sich unter anderem um die mit Außenplatten verkleidete Fassade des Ozeaneums, zeichneten für die Stahl- und Glasarbeiten bei der Sanierung des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel verantwortlich und montierten auf dem Berliner Pergamon-Museum einen speziellen stählernen Dachstuhl. Die neue Aufgabe am Wahrzeichen der Insel Rügen ist für sie eine neue, spannende Herausforderung. Das Projekt des Büros Schlaich, Bergermann und Partner ist ein spezielles. Eine solche Brücke beziehungsweise Plattform in dieser Form haben die Lauterbacher bislang noch nicht gebaut. „Aber die einzelnen Schritte, die dafür notwendig sind, kennen wir schon aus anderen Projekten“, sagt der FLZ-Geschäftsführer.

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Neben den Lauterbachern werden noch andere Kollegen auf der Baustelle am Königsstuhl zu finden sein. Für bestimmte Arbeiten ziehen die Insulaner andere Fachfirmen hinzu, zum Beispiel beim Betonbau. Sieben Bohrpfähle mit einem Durchmesser von 1,20 Metern werden rund 50 Meter tief in den Boden neben dem Nationalparkzentrum am Königsstuhl gesetzt. Darauf kommen Betonköpfe, an denen später unter anderem die Seile befestigt werden, die die Plattform tragen. Auch den 40 Meter hohen Stahlmast werden nicht die Insulaner selbst fertigen. Er wird vermutlich in den Niederlanden hergestellt und per Tieflader bis zur Baustelle am Königsstuhl gebracht. Die Stahlseile wird vermutlich eine österreichische Spezialfirma liefern. Bei den Metallarbeiten bekommt die FLZ GmbH Unterstützung von den Kollegen der Stralsunder Ostseestahl GmbH & Co. KG, die in der Region als Spezialisten für dreidimensional verformte Bleche gelten.

Hohlköper aus starken Blechen

Am Mittwoch, dem 12. Mai, werden sich die Beteiligten zu einer ersten Bauberatung treffen und die nächsten Schritte besprechen. Martin Hurtienne rechnet damit, dass die notwendigen Bohrungen im Sommer erfolgen. Mitte kommenden Jahres könnte die neue Plattform an dem Rügener Kreidefelsen dann fertig sein. Sie wird im Prinzip ein aus Blechen zusammengesetzter Hohlkörper sein, sagt Martin Hurtienne. Aus stabilen Blechen, wie er hinzufügt, die bis zu 80 Millimeter stark sind und durch aufwendige Schweißarbeiten miteinander verbunden werden.

Franziska Trommer schließt den neuen Info-Cube am Königsstuhl auf Quelle: Maik Trettin

Entgegen den ursprünglichen Ideen der Planer werden die Rügener Metallbauer den Königsweg nicht erst in den Himmel bauen und die Plattform dann absenken. Die würde dann während der Errichtung 70 Meter in den Himmel ragen – „und das auf der gut 110 Meter hohen Kreideküste“, rechnet Martin Hurtienne vor. „Das zusammen wäre etwa die Hälfte des Berliner Fernsehturms.“ Unmittelbar an der Küste in solchen Höhen zu arbeiten, ist aus seiner Sicht nicht die erste Lösung. Die Lauterbacher setzen auf das „klassische Vorschubverfahren“. Dabei wird der äußerste Rand der künftigen Plattform zuerst gebaut und dicht über dem Boden waagerecht in Richtung Felsen und Meer hinausgeschoben. Von hinten kommen immer weitere, jeweils rund 15 Meter lange Segmente dazu. Hilfsseile, die vorübergehend an dem 40 Meter hohen Mast befestigt werden, halten die Konstruktion derweil.

Sonden überwachen Bewegungen der Felsen

Während der Bauarbeiten wird das Areal an der Kreideküste penibel auf geologische Veränderungen überwacht. Mess-Sonden werden jede noch so kleine Bewegung im Boden registrieren. Wie es mit der Errichtung des über sieben Millionen Euro teuren Bauwerks vorangeht, können Besucher auf einer Webcam im Internet auf der Seite www.koenigsstuhl.koenigsweg.com rund um die Uhr sehen. Im kommenden Winter wird es dort allerdings wenig zu gucken geben. Die Konstruktion wird für einige Monate eingerüstet und verhüllt. „Wir werden dann vermutlich heizen müssen“, sagt Martin Hurtienne. Nicht damit es die Arbeiter schön kuschelig haben. „Um die Farbe und die Beschichtung aufzubringen, bedarf es gewisser Temperaturen. Die haben wir in der Regel im Winter nicht.“

Mark Ehlers, Geschäftsführer des Nationalparkzentrums am Königsstuhl, begibt sich im Info-Cube auf einen virtuellen Rundgang über die geplante Plattform am Königsstuhl, den sogenannten Königsweg. Quelle: Maik Trettin

Wann der jetzige Zugang zum Königsstuhl endgültig für die Besucher gesperrt wird, steht noch nicht fest. Das hänge vom Bauablauf ab, sagen Sassnitz’ Bürgermeister Frank Kracht und der Geschäftsführer des Nationalparkzentrums Mark Ehlers unisono. Beide eröffneten gestern den sogenannten Info-Cube auf dem Außengelände des Zentrums. In Sichtweite des markanten Kreidefelsens sollen sich die Besucher über das Projekt informieren können – sobald Museen und andere öffentliche Einrichtungen wieder öffnen dürfen. Neben einem Modell des Königswegs im Maßstab 1:200 gibt es einen animierten Film, in dem die Zuschauer die zukünftige Plattform auch aus der Vogelperspektive erleben können. Und schon lange vor der Fertigstellung können sie das Bauwerk betreten – zumindest virtuell dank zweier Spezialbrillen, mit deren Hilfe man sich auf dem Königsweg umsehen kann.

Von Maik Trettin