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Rügen Kurkartenzwang in Rügens Seebädern
Vorpommern Rügen Kurkartenzwang in Rügens Seebädern
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12:08 02.11.2019
Die Prinz-Heinrich-Brücke von Binz um 1910. Wer auf die Landungsbrücke wollte, zahlte zu dieser Zeit 10 Pfennige Brückengeld, zusätzlich zu seinem normalen Kurtax-Tarif. Quelle: Repro: Archiv A. Farin
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Sassnitz/Binz

Über Sinn und Unsinn der Kurtaxe wird an der Ostseeküste wieder einmal lauter diskutiert. So auch auf der Insel Rügen, wo Badegäste diese Abgabe schon lange zahlten, bevor sie der preußische Gesetzgeber festgeschrieben hat.

Im Juli 1893 nämlich verabschiedete der preußische Landtag das Kommunalabgabengesetz und erlaubte damit bestimmten Gemeinden ab Januar 1895, eine Kurabgabe zu erheben. Diese in Paragraf 12 geregelte Vergütung sollte „für die Herstellung und Unterhaltung der zu Kurzwecken getroffenen Veranstaltungen“ dienen. Die Touristen bekamen im Gegenzug eine Kurkarte, die als Quittung und als „auf den Namen lautendes Legitimationspapier“ galt. Damit durften sie, so beschreibt es eine Abhandlung zum preußischen Verwaltungsrecht, auch an den für „Kurgäste reservierten Veranstaltungen“ teilnehmen und ausgewählte Einrichtungen besuchen.

Auch auf Usedom üblich: Kurkarte aus dem Jahr 1899 aus Heringsdorf Quelle: WLG

Erste Nachrichten von kurtaxpflichtigen Orten der Insel Rügen finden sich aber bereits in Reiseführern der 1880er-Jahre, wie in H. Dunker’s Rügenheft des Jahres 1887. Darin werden Sassnitz, Lohme und Göhren als Badeorte erwähnt, die eine Kurtaxe von drei Mark pro Person kassierten; Familien zahlten zwischen fünf und sechs Mark. In Sassnitz galt die Regel, dass ein Aufenthalt bis zu acht Tagen frei war. Trotzdem gab es dort schon erste Kritik an dem System, wie wir in einer Reisebeschreibung lesen: „Die Kurtaxe wird für das Halten des Badearztes erhoben; für Verschönerungen wäre sie ungerechtfertigt, denn für diesen Zweck geschieht seit Jahren wenig.“ Man sprach in dem Zusammenhang auch von „Passanten“, die nur für eine Nacht in dem Ort weilten und dennoch die Kurabgabe zahlen mussten.

Ärger über „Herbergs- und Bettsteuer“

Das neue Gesetz brachte für die verärgerten Reisenden, unzufriedenen Gastgeber und klammen Badedirektionen keine wesentlichen Änderungen oder Vereinfachungen. Denn die Höhe der zu zahlenden Abgabe durften die betroffenen Gemeinden selbst festlegen – je nach Aufwand und Bedarf. Gerade aus diesem Grunde variierten die Bezeichnungen dafür. Während man offiziell von Kurtaxe sprach, fanden manche Inselorte vereinfachende oder wohlklingende Namen wie „Zuschussmiete“ in Breege, „Verwaltungsbeitrag“ in Göhren oder „Herbergs- und Bettsteuer“ in Putbus.

Jeder Ort hatte seinen eigenen Tarif

Daher verwundert es auch nicht, dass sich in allen Badeorten an Rügens Ostküste innerhalb von nur 20 Jahren ganz eigene und ortsspezifische Kurtaxtarife entwickelten. In „Grieben’s Reiseführer“ der Saison 1914/1915 werden diese in den Darstellungen der sehenswerten Ortschaften genau aufgelistet. In Sassnitz zum Beispiel zahlten „alle Fremden … für jede Nacht 50 Pfennige“ und konnten sich sicher sein, dass diese Pflicht nach „12 Zahlungstagen“ aufhörte. In anderen kleineren Orten lag die Kurtaxe bei sechs Mark für einzelne Personen und wurde am dritten, vierten oder fünften Tag des Aufenthalts fällig (Regelungen in Sellin, Baabe, Göhren, Thiessow und Wiek).

Binz setzte auf moderate Preise

Das meistbesuchte Ostseebad Binz orientierte sich, wie wir lesen, „an den Preisen in Swinemünde, Ahlbeck und Heringsdorf.“ Kurdirektor Oberst a. D. Seelmann ließ die Wochenpreise für die Aufenthalte von Besuchern genauestens auflisten. Ein Gast zahlte bei einem Besuch bis zu einer Woche einen moderaten Preis von drei Mark; jede weitere Woche kostete weitere drei Mark. Und nur mit diesem Ticket durfte man beispielsweise das Familienbad besuchen, das mit einem Kurkartenzwang belegt war. Anders als das von dem Baumeister Heinemann errichtete „neue prächtige Luft-, Sonnen- und Seebad“ am sogenannten Lidostrand. Dort konnte man sich ohne Eintritt von den Strapazen des Alltags erholen oder sich einfach nur in neuestem Outfit sehen lassen. So versprach es jedenfalls der Autor des 65. Bandes aus dem Hause „Grieben’s Reiseführer“.

Eine junge Ende Mai 1956 vor einem Automaten, an dem sie eine Tageskurkarte für 50 Pfennig kaufen kann. Das Betreten des Strandes ist nur mit Kurkarte erlaubt. Quelle: Hans Kripgans

10 Pfennig fürs Betreten der Prinz-Heinrich-Brücke

Andere Leistungen in Binz kosteten zusätzlich Geld. Für die Strandbäder löhnten die Badelustigen in der Kernzeit zwischen 9 und 14 Uhr 50 Pfennige anstatt 20. Man konnte sogar Blocks zu 10 Karten erwerben und dabei eine Mark sparen. Ein Abo in Höhe von 60 Pfennigen wurde für den Besuch des „neuen Bades“ angepriesen. Einen Strandkorb mietete man für zwei Mark wöchentlich. Den Reigen der Gebührenliste, von der heutige Kurdirektoren noch etwas abschreiben könnten, beendet das Brückengeld für die Prinz-Heinrich-Brücke. 10 Pfennige zahlten Schaulustige, um die sehenswerte Seebrücke zu betreten und der Ostsee noch ein Stückchen näher zu sein. Auch diese Gebühr wird etwas in den Kurhaushalt eingebracht haben, wenn man bedenkt, dass im Sommer 1914 gut 26 000 Badegäste in 20 Hotels und 160 Villen übernachteten. Der Fantasie zur Erhebung von ganz unterschiedlichen Abgaben waren also schon in früheren Zeiten keine Grenzen gesetzt.

Information: Um die Höhe der im Text erwähnten Kurtaxe bewerten zu können, zieht man Vergleichswerte um 1900 zu Rate: 1,50 Mark für 1 Kilogramm Schweinefleisch, 20 Pfennige für 1 Liter Milch oder 2,63 Mark für 1 Zentner Kartoffeln. Der Lohn eines Hamburger Hafenarbeiters lag bei 61 Mark, ein Chemiearbeiter verdiente das Doppelte.

Von Von André Farin

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