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Rügen Lernen am Raddas: Von der höheren Bildungsanstalt zum Inselgymnasium
Vorpommern Rügen Lernen am Raddas: Von der höheren Bildungsanstalt zum Inselgymnasium
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12:00 24.05.2019
Zur 300-Jahrfeier von Bergen am 19. Juni 1913 zogen auch die Gymnasiasten mit. Quelle: Uwe Hinz
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Bergen

Ich hoffe, dass es Ihnen Freude bereitet, wenn meine drei Teile um einen vierten Teil erweitert werden. So möchte ich weiter erzählen, beginnend mit der Ernst-Moritz-Arndt-Schule und ihrer Geschichte.

Die städtischen Gremien der Stadt Bergen erwogen einen ansprechenden Neubau für eine Schule. Am 25. Oktober 1911 erging ein entsprechender Beschluss. Der Ort war gut gewählt. Nordwestlich des Erholungsparks Raddas, in naturgegebener Landschaft wurde am 3. Dezember des Jahres feierlich der Grundstein zum Bau der Schule gelegt. Mit dem Entwurf und der Errichtung wurde das Bergener Unternehmen von August Backendorf betraut. Die Bauleitung lag in den Händen von Maurermeister Boldt. Beaufsichtigt wurde der Bau durch ein Gremium Bergener Bürger bestehend aus den Herren Festerling, Eckfeldt, Plötz und Seifert.

1. April 1913 war die Geburtsstunde einer neuen Bildungsstätte

Damals war das Umfeld noch nicht verbaut und die Blicke konnten weit übers Land bis nach Stralsund schweifen. Außerdem kam den zahlreich anreisenden Schülern der nahe gelegene Bahnhof entgegen. Gegenüber dem Bahnhof lag das „Pilansche Haus“, das seit Ostern 1906 eine private Knabenschule für höhere Bildung war. Nach dem Bau der Arndt-Schule 1913 wurde das Haus als Landwirtschaftsschule genutzt. Bereits auf dem Kreistag vom 14. Dezember 1911 wurde vorgeschlagen, die Schulanstalt Ernst-Moritz-Arndt-Schule zu benennen. Und so kam es dann auch. Im Juni 1912 war Baubeginn. Am 1. April 1913 war der Bau soweit gediehen, dass mit Schuljahresbeginn der Unterricht beginnen konnte. Damit ist der 1. April 1913 die Geburtsstunde einer neuen Bildungsstätte und Ära für Rügen. Schulbildung repräsentiert die jeweilige Ideologie einer Gesellschaft.

Spruch fand nicht immer Wertschätzung

Sie impliziert den Menschen mehr oder weniger freien Bildungsraum. Über dem Portal des Gymnasiums steht heute wie selbstverständlich ein Sinnspruch eines der bedeutenden rügenschen Patrioten des 18./19. Jahrhunderts Ernst- Moritz- Arndt(1796- 1860): „Sei Mensch und Mann, sei wahr und treu, Steh fest, so steht die Welt dir fest!“ Dieser Spruch, einst gut gedacht, fand nicht immer gebührende Wertschätzung. Die Nationalsozialisten sahen darin den Anspruch der „deutschen Rasse“ und die DDR ließ ihn einfach überputzen und so verschwinden. Ihnen war wiederum die patriotische Gesinnung zu hervorgehoben.

Erst das geeinte Deutschland fand wieder die entsprechende Würdigung und so kündet dieser Spruch heute sichtbar vom Denken und Handeln unserer Urväter. Interessant ist allerdings der erste Jahresbericht der Ernst-Moritz-Arndt-Schule i.E. von Ostern 1914. Hier finden wir einen ganz anderen Spruch, der dann zur Einweihung über dem Hauptportal in aufgetragenen Lettern angebracht war. Da heißt es: „Willst Du, mein Sohn, frei bleiben, so lerne was Rechtes und halte Dich genügsam und nie blicke nach oben hinauf“, von Johann Wolfgang von Goethe (1749- 1832).

Knaben- in Realschule umgewandelt

Wurde der Spruch erst später verändert oder gibt es 1914 ein gedankliches Versehen? Arndt war der Patriot, jedoch Goethe der deutsche Dichterfürst! Ein Indiz für den Goethe-Spruch zur Weihe der Schule 1913 ist allerdings, dass auf den ersten Fotos ein Vierzeiler über dem Portal steht und in Aufnahmen nach 1930 ist es ein Dreizeiler. War der Spruch eines Tages zu gut bürgerlich und nicht angepasst genug? Auch wenn es im 21. Jahrhundert um Arndts „Antisemitismus“ viel Zerwürfnis gibt, so bleiben seine Verdienste unangefochten. Außerdem war Arndt ein Kind seiner Zeit mit allen Stärken, Schwächen und Widersprüchen, wie wir Menschen heute.

Beide Zitate haben ihre Berechtigung und ihren Wirkungskreis bis heute. Der Erfolg der Bildungsstätte blieb nicht aus und am 28. März 1913 erging der Ministerialerlass, die Knabenschule in eine Realschule umzuwandeln, der am 1. April des Jahres in Kraft trat. Die Umwandlung der Schulstruktur zog sich bis Ostern 1918 hin, mit der Sexta und der Untersekunda. Damit wurde sie dem Provinzialschulkollegium unterstellt. Aus Stadt und Kreis bildete sich ein Kuratorium, um die äußeren Geschicke zu leiten. Ihm gehörte der Bürgermeister der Stadt Bergen als Vorsitzender an, der Landrat von Rügen, der Schuldirektor, weitere Vertreter von Stadt und Kreis und später dann ein Studienrat als Vertreter der Bildungsanstalt.

Gymnasium wurde Seuchenlazarett

Erster Direktor wurde mit Schulbeginn am 2. April 1913 der Oberlehrer Dr. Walter Baetke und blieb es bis 1935. Zwischen 1930 und 1933 wurde aus der Oberrealschule ein Reformrealgymnasium. 1944 gab es die letzten Reifezeugnisse. Manche der hier Lehrenden und Lernenden wurden Opfer des fatalen Zweiten Weltkrieges und fielen für eine sinnlose Ideologie Hitlers und der Seinen. 1945 wurde das Gymnasium Seuchenlazarett. Noch im selben Jahr begann wieder der Unterricht am Gymnasium. Nach Gründung der DDR 1949, wurde 1959 die „Erweiterte allgemeinbildende polytechnische Oberschule“ mit dem Kürzel im Volksmund „EOS“gebildet.

Direktor war lange Jahre der Oberstudienrat Karl Hagspiel, ein Mensch, der die DDR Ideologie mit besonderer Härte vertrat. Angeschlossen an die Bildungsstätte war ein Internat. Als noch das Schützenhaus im Nesselgrund im Raddas stand, nutzte das Gymnasium es als Sporthalle und zum Kindertag am 1. Juni herrschte dort fröhliches Treiben. Mit der Einheit Deutschlands und den ersten freien Wahlen 1990 entwickelte sich auch das Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium in Bergen auf Rügen zu einer weltoffenen Bildungsstätte, die heute den Namen EUROPA- SCHULE trägt und damit große Verantwortung für das zukünftige Zusammenleben der Völker impliziert. Heute stehen neben dem altehrwürdigen Gymnasium aus der Gründerzeit neu erbaute Gebäude zur Verfügung.

Internat zu DDR-Zeiten

Ein besonderer Anziehungspunkt ist das an der Waldstraße 1995 erbaute sechsstöckige Fachgebäude mit einer breit angelegten Glasfassade. Hier befand sich noch zu DDR-Zeiten das Internat, ein zweistöckiger Holzbau. Das Mehrzweckgebäude, einst auch als Sportsaal genutzt, wurde in einer interessanten architektonischen Leistung aufgestockt und für Lehrzwecke neu nutzbar gemacht. Die Sporthalle, nicht ohne Widerspruch 2001 erbaut, ist auch die größte Sportstätte der Insel Rügen. Neu ist die Mensa und bietet eine ausgewogene Ernährung an. Dem Gymnasium steht derzeit als Schulleiter Herr Christoph Racky vor.

Für die Bildung in der Stadt Bergen trägt ein Gebäude eine ganz besondere Aura. Es ist die Altstadtschule in der Breitsprecherstraße. Halten wir einen Moment inne und gedenken wir in Dankbarkeit der Leistungen des Rektors Adolf Hermann Breitsprecher (1833- 1904), der in Bergen von 1862 bis 1894 für eine angemessene höhere Bildung wirkte. Den Bau der Volksschule erlebte er nicht mehr. Es war aber sehr in seinem Sinne, als am 14. Oktober 1928, zehn Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, unter Bürgermeister Dr. Alfred Jasmund und dem Mitwirken der städtischen Körperschaften, der Grundstein für eine neue Stadtschule gelegt wurde. Zum Richtfest Frühling 1929 wurde durch den Ratsherrn Ridder besonders auf die Anstrengungen hingewiesen, dass diese Bildungsstätte unter besonders schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen zu errichten sei.

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