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Rügen „Locker bleiben“ auch im Schulstress
Vorpommern Rügen „Locker bleiben“ auch im Schulstress
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00:00 09.03.2017
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Sassnitz

Manchmal, nach einem langen Schultag, vor einer Klassenarbeit oder bei einem Test, dröhnt Johannes förmlich der Kopf. „Mir wird dann richtig schlecht“, erzählt der Zehnjährige. Ähnliche Symptome kennen auch seine Klassenkameraden. „Vor allem dieser Keks-Test“, stöhnt Dominik. Bei der so genannten Kompetenzerfassung in Kindergarten und Schule müssen die Viertklässler Aufgaben unter Zeitdruck abarbeiten. „Das nervt“, sind sich die Mädchen und Jungen der 4c an der Nationalpark-Grundschule „Ostseeblick“ in Sassnitz einig.

Eine Massage zur Entspannung – auch so kann man Stress abbauen, haben die Mädchen und Jungen der Klasse 4c der Nationalpark-Grundschule „Ostseeblick“ in einem Projekt gelernt. Quelle: Foto: Maik Trettin

Der Stress, über den die Erwachsenen klagen, ist schon seit langem in den Schulen angekommen. Wie man ihm begegnet, lernen Schüler der 4. Klassen in Sassnitz derzeit in einem Projekt der Techniker-Krankenkasse. „Bleib locker!“ lautet der Titel. Genau das fällt auch Kindern zunehmend schwer. Kira erzählt, dass sie vor Klassenarbeiten oder Vorträgen Bauchschmerzen plagen. Im Klassenzimmer herrscht hin und wieder dicke Luft. „Wenn zwei Leute Mist bauen, wird die ganze Klasse angemeckert“, erzählt Bente. Das sorgt für zusätzliche Anspannung bei den Kleinen. Andere fühlen sich genervt, wenn sie in der Pause von jüngeren Geschwistern auf Schritt und Tritt verfolgt werden.

Ricarda Grübler kennt diese Probleme. Die Lehrerin bildet an der Universität in Lüneburg ihre Berufskollegen aus und betreut unter anderem mit ihrer Mitstreiterin Svenja Kiel im Auftrag der Krankenkasse das Stressabbau-Projekt an den Schulen. Dass sie ausgerechnet in Sassnitz gelandet sind, hat nicht mit einer besonderen Häufung der Stresssituationen in dem Haus zu tun. „Wir profilieren uns ja bekanntlich als gesunde Schule“, sagt die Schulsozialarbeiterin Grit Drews. Da gehöre ein gesundes Lernklima selbstverständlich dazu. Aus diesem Grund heißt es dieser Tage in der Einrichtung an der Schulstraße auch nicht zum ersten Mal „Bleib locker!“.

Leon gelingt das schon ganz gut: mit Muskelentspannung. Das hat er in dem Kurs gelernt. Man streckt sich wie eine Katze oder zieht den Kopf ein wie eine Schildkröte. Ricarda Grübler nickt. Bestimmte Muskelpartien anzuspannen und dann zu lockern, funktioniere sehr häufig gerade bei Jungen besonders gut, um Stress zu überwinden. Eine vorwiegend bei Mädchen beliebte Variante sind die Fantasiegeschichten: Man hört eine Geschichte und träumt sich in sie hinein, erklärt Bente. „Ich bin dabei eingeschlafen“, sagt Rokas. Sein Mitschüler Dominik ebenfalls.

Ricarda Grübel lacht. „So weit soll die Entspannung in der Regel nicht gehen.“ Verwunderlich ist die Reaktion der Kinder nicht. Viele Grundschüler schlafen zu wenig, und zwar ungewollt. Leons Augen fallen erst abends um zehn zu. „Aber ich bin morgens um vier schon wieder wach.“ Jule geht eine Stunde vor Leon ins Bett, kann aber oft vor Mitternacht nicht einschlafen. Doch zwischen fünf und sechs müssen die meisten wieder raus, um pünktlich zur ersten Stunde in der Schule zu sein.

Über die Belastungen in der Schule spricht offenbar kaum ein Kind mit seinen Eltern. „Das traue ich mich nicht. Die haben ja selbst genug Stress“, sagt eine Zehnjährige ganz leise. Sie und ihre Klassenkameraden haben sich Nicht-Stören-Schilder gebastelt, die sie an ihre Kinderzimmertüren hängen, wenn sie sich mal zurückziehen wollen. Und dabei vielleicht die Entspannungs-CD hören, die sie zum Abschluss des Kurses bekommen haben.

Können sie jetzt mit Stress besser umgehen? Die Viertklässler aus Sassnitz sind sich da sicher. Vor der nächsten Arbeit will Bente einfach an etwas Schönes denken. Und sie haben gelernt, sich nicht von den schweren Aufgaben einschüchtern zu lassen, sondern stattdessen erst einmal mit den einfacheren zu beginnen. Sich schütteln, die Kräfte im Bauch sammeln und dann hopp – ob der „Sprung in die Wachheit“ müden Kindern im Unterricht künftig hilft, wird sich zeigen. Manchmal fehlt einfach nur ein bisschen Flüssigkeit, um den Denkapparat wieder in Gang zu setzen. „Wenn wir zwischendurch auch mal was trinken dürften im Unterricht, wäre das besser“, sind sich Johannes und Kira einig. Und auch, wenn die Massagen im Projekt vielleicht nicht jedermanns Sache waren: „Jeden Mittwoch den ganzen Tag lang so zu entspannen, wäre cool“, sagt Jule sehnsuchtsvoll.

Stress-Symptome bei Kindern keine Seltenheit

72 Prozent der Kinder im Alter zwischen acht und zehn Jahren haben in einer Befragung angegeben, wenigstens einmal pro Woche an Erschöpfung zu leiden.Stress entsteht bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen, wenn sie sich einer Situation nicht gewachsen und überfordert fühlen. Schweißausbrüche, Magen- oder Kopfschmerzen sind häufige Symptome.

Auslöser können Probleme im Elternhaus ebenso sein wie die Belastung durch die schulischen Anforderungen.

Maik Trettin

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