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Rügen Magyaren auf der Kohlrabi-Insel
Vorpommern Rügen Magyaren auf der Kohlrabi-Insel
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09:44 28.03.2018
Imre Sebök und seine Frau Regina mit den Kindern Yvette und Nico. Der gebürtige Ungar kam vor genau 50 Jahren auf Rügen an und lebt seitdem auf der Insel.
Imre Sebök und seine Frau Regina mit den Kindern Yvette und Nico. Der gebürtige Ungar kam vor genau 50 Jahren auf Rügen an und lebt seitdem auf der Insel. Quelle: Maik Trettin
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Sagard

Es war gerade Frühling geworden und sie kamen mit dem Bus. Rund 30 Männer stiegen an jenem 21. März in Güttin aus, von den Dorfbewohnern neugierig beobachtet. Eine von ihnen war die junge Regina. „Vor 50 Jahren sind die Magyaren eingefallen“, erzählt sie schmunzelnd über dieses Ereignis. An einen der jungen Ungarn kann sie sich ganz besonders gut erinnern. „Er kam lediglich mit einem rot karierten Campingbeutel an.“ Imre hieß der 22-Jährige, wie sie später erfuhr, als sich beide füreinander zu interessieren begannen. Der gelernte Motorenschlosser hatte seinen Heimatort zwischen Budapest und Balaton verlassen, um während eines Jugendaustauschs drei Jahre in der DDR zu arbeiten. Geblieben ist er für ein halbes Jahrhundert.

Jahr für Jahr hat er am 21. März an den Tag seiner Ankunft in Deutschland zurückgedacht. Am vergangenen Mittwoch haben Familie und Freunde den Sagarder mit einer Feier anlässlich dieses Jubiläums überrascht. „Gesprochen hat er oft von diesem Tag vor 50 Jahren, den er nie vergessen wird“, sagt sein Sohn Nico. Er und alle anderen Familienmitglieder ließen den Vater bis zuletzt glauben, dass sie den Jahrestag ignorieren würden. Nico Sebök schüttelt den Kopf: „Allein für diesen Mut, mit praktisch nichts in der Hand in ein völlig fremdes Land zu gehen, verdient man einfach Respekt.“ Offizier wäre Imre Sebök damals gern geworden, wurde aber wegen einer Farbenschwäche beim Sehtest ausgemustert. Seine Enkelin, auf die er sehr stolz ist, will seinen beruflichen Traum wahr werden lassen. „Ohne dich und deinen großen Mut gäbe es uns alle nicht“, hat sie ihm dankbar zum Jubiläum geschrieben.

Er klingelte täglich, um die Tochter des Hauses zu sehen

Die jungen Ungarn waren seinerzeit von der dortigen Jugendorganisation für das Austauschprogramm mit der DDR geworben worden. Imre Sebök hatte nach seiner Lehre den Wehrdienst absolviert und sich wie viele andere seiner Altersgenossen gemeldet. „Für uns war das ein großes Abenteuer“, sagt er. Die Landsleute, die mit ihm im Zug nach Rostock saßen, kannte er nicht. Außer ein paar persönlichen Sachen und Palinka, dem berühmten ungarischen Obstbrand, hatten sie nichts dabei. „Wo bringen die uns bloß hin?“, dachte Imre Sebök mit Bangen, als auf die lange Zufahrt noch eine zweistündige Bustour bis nach Rügen folgte. Die „Kohlrabi-Insel“, wie er Rügen nach wie vor scherzhaft nennt, war ihm ebenso fremd wie die Sprache. „Küss die Hand“, war das einzige, was er auf Deutsch sagen konnte.

Oft genug stand er in den kommenden Tagen und Wochen vor der Tür von Ida Nagorny. Mal brauchte er ein Wörterbuch, mal wollte er sich ein Bügeleisen ausleigen. „Dabei konnte er gar nicht bügeln“, winkt die 90-Jährige ab. Er habe lediglich immer wieder einen Vorwand gesucht, um ihre Tochter Regina zu sehen. Aus beiden wurde schließlich auch ein Paar; sie heirateten ein Jahr später, bekamen erst ihre Tochter Yvette, später Sohn Nico.

Heimweh hat er nie erlebt

Die deutsch-ungarische Beziehung hält bis heute. Auch wenn sie in kulinarischen Fragen anfangs auf einige Proben gestellt wurde. Um Gulasch aus Schweineohren zu lieben, muss man wahrscheinlich mit der ungarischen Küche groß geworden sein. Und bei der Zubereitung des typisch ungarischen Hammelpörkölt verlässt Regina Sebök auch heute noch fluchtartig die Küche, während er an sauren Hering und Stinker-Käse nicht rankommt. Verständnislos sah er sie an, als sie das erste Mal Porreegemüse servierte. Er schob den Teller empört von sich: „Sowas fressen bei uns die Enten!“

Ein Leben im Luxus war es nicht, was Imre Sebök in der DDR suchte und fand. Die jährlichen Reisen zu Verwandten in die 1600 Kilometer entfernte „alte Heimat“, anfangs mit dem Motorrad, später mit dem Trabi, mussten sich der Schlosser und die Landwirtin schwer erarbeiten. Da wurden nach Feierabend noch Rüben verzogen oder Kartoffeln sortiert, um in den Ferien nach Ungarn fahren zu können. Für immer dort zu bleiben, darüber hatte das Paar nie nachgedacht. Viele seiner Landsleute, die damals in Güttin und Sassnitz-Lancken ankanen, haben Deutschland mittlerweile den Rücken gekehrt. Einige zog das Heimweh ganz schnell wieder nach Ungarn zurück. Imre Sebök litt darunter nicht. Er hatte auf der „Kohlrabi-Insel“ seine Familie und sein Zuhause gefunden.

Über die Grenze durfte er nicht mit dem Lkw

Warum behielt er dennoch viele Jahre lang die ungarische Staatsbürgerschaft? „Wegen der Reisefreiheit“, erklärt er. Die war in Ungarn praktisch grenzenlos, jedenfalls für die, die die notwendigen Devisen besaßen. Die Antwort auf die Frage, ob er sich mehr als Ungar oder als Deutscher fühlt, bleibt der 72-Jährige für einen Moment schuldig. „Das spielt bei uns keine Rolle“, sagt er. Vorbehalte gegen irgendeine Nation gebe es in der Familie nicht. „Es gibt überall solche und solche Menschen, in jedem Land, in jedem Volk.“ Seine Schwiegermutter kam als Kriegsflüchtling aus Weißrussland, sein Sohn bildet im ungarischen Spezialitäten-Restaurant der Familie einen jungen Afghanen zum Koch aus.Laut Pass ist Imre Sebök Deutscher. Er war einer der ersten „Ausländer“ auf Rügen, die nach der Wiedervereinigung die deutsche Staatsbürgerschaft beantragten. Die Gefahr, die Reisefreiheit aufzugeben, war gebannt. Dafür lauerte eine neue: Arbeitslosigkeit. Der Wahl-Insulaner hatte die Milchviehanlage in Sagard mit aufgebaut und zog 1974 mit der Familie von Güttin nach Jasmund. In dem Landwirtschaftsbetrieb fanden er und seine Frau Arbeit. Später ging „der Ungar“ als Fahrer zur Fleischwirtschaft. Lieber hätte er bei „Ostseetrans“ einen Brummi im internationalen Fernverkehr gesteuert. „Aber dafür hätte ich die DDR-Staatsbürgerschaft und ein Parteibuch haben müssen.“ Sebök wurde auch auf seinen Insel-Touren glücklich. „Er kennt sich dadurch hier besser aus als ich“, sagt seine Frau, die Rüganerin. Und er wurde bekannt wie der sprichwörtliche „bunte Hund“.

Das einzige ungarische Spezialitäten-Restaurant der Insel geründet

Das half ihm bei der Suche nach einem neuen Job nach der so genannten Wende allerdings nicht weiter, dafür der Humor und die Kraft, die die Familie gab. Zusammen richteten sie einen alten Imbisswagen her. Berühmt waren sie nicht nur in Glowe und Umgebung für die Pommes Frites. „Das Rezept habe ich an Nico übergeben, der nach wie vor danach arbeitet“, sagt Imre Sebök. Als der Imbiss-Boom vorbei war, eröffnete die Familie am Sagarder Markt ein Hotel und das einzige ungarische Spezialitäten-Restaurant der Insel namens „Puszta“.

Unter der Bezeichnung kennen es die wenigsten Einheimischen. Auch wenn Sohn Nico hier schon seit Jahren das Zepter schwingt, heißt es noch immer: „Wir gehen zu Imre.“ Wenigstens einmal am Tag lässt sich der frühere Chef hier auch blicken, hält ein Schwätzchen mit dem Personal und den Gästen. Ungarn sind selten darunter. Dabei leben noch drei oder vier von denen, die damals mit ihm beziehungsweise der zweiten Gruppe auf Rügen ankamen, auf der Insel. „Eigentlich“, überlegt er, „müssten wir uns doch mal alle treffen – so nach 50 Jahren.“

Driest Uwe