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Rügen Meeresforscher für Lachsfangverbot vor Rügen: Existenzangst bei Angelguides
Vorpommern Rügen

Meeresforscher für Lachfangverbot vor Rügen: Existenzangst bei Angelguides

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08:57 24.09.2021
Der Wahl-Schweriner Heinz Galling fing diesen Lachs im Frühjahr etwa zehn Seemeilen vor Rügen. Das 13 Kilo schwere und und 1,08 Meter lange Exemplar überlistete er am 3. März beim Schleppangeln.
Der Wahl-Schweriner Heinz Galling fing diesen Lachs im Frühjahr etwa zehn Seemeilen vor Rügen. Das 13 Kilo schwere und und 1,08 Meter lange Exemplar überlistete er am 3. März beim Schleppangeln. Quelle: privat
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Rügen

Bilder, wie Angler stolz in die Kamera blicken und einen großen Lachs im Arm präsentieren, wird es bald nicht mehr geben. Zumindest wenn es nach dem Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) geht. Er hat kürzlich die jährliche Fangempfehlung für den Ostseelachs veröffentlicht und empfiehlt die Lachsfischerei in der Ostsee mit Ausnahme des Finnischen Meerbusens zu schließen. Und zwar nicht nur für Berufsfischer, das betrifft auch die Freizeitfischerei. Die endgültige Entscheidung will der EU-Ministerrat Mitte Oktober treffen. Das heißt, nicht mehr drei Lachse pro Angler pro Tag, sondern auf unbestimmte Zeit gar keinen mehr.

Diese Meldung trifft vor allem diejenigen auf Rügen sehr hart, die von geführten Bootstouren auf die Ostsee leben. Quotenreduzierung für den Dorsch, für den Hering ist eine Nullquote vorgeschlagen worden. „Das kann bedeuten, dass wir sie nicht mehr angeln dürfen. Der Hecht ist im Bestand gefährdet, Gegenmaßnahmen noch nicht in Sicht. Jetzt noch ein Lachsfangverbot? Irgendwann wird es schwer, als Guide seinen Lebensunterhalt zu verdienen“, sagt der Putbusser Angelguide Norbert Matzick von Angelparadies Vorpommern.

Saison startet am 15. Dezember

So wie er sehen viele ihre Existenz in Gefahr, sollten sie nicht mehr ihre Touren anbieten können. Petra Bachmann von TP-Rügenangeln besitzt ein Boot zum Trolling und vermietet kleinere Boote. Auf ihrer Internetseite sind viele glückliche Angler zu sehen, die zusammen mit einem gefangenen Lachs posieren. Werden keine weiteren Bilder hinzukommen? Jedenfalls plant sie ab dem 15. Dezember diese Touren, denn ab diesem Tag beginnt die Lachssaison. Die Nachfrage ist wie gewohnt hoch. Auch, nachdem coronabedingt schon zwei Saisons sprichwörtlich ins Wasser gefallen sind.

„Für den Angeltourismus wäre das drastische Herunterfahren beim Lachs eine Katastrophe. Die Touren sind immer ausgebucht“, sagt Petra Bachmann. Sie lebt davon, wie sie sagt, denn die Mietboote werden hauptsächlich in der Saison gebucht. Davor und danach kommen die Lachsangler. „Allein in den Orten Glowe, Wiek oder Schaprode machen die Trollingboote einen Großteil der belegten Plätze aus. Die Häfen würden sonst leer aussehen“, sagt sie.

Ein Lachs pro Tag pro Angler

Sie vergleicht die derzeitige Situation mit der, als der Dorschbestand anfing, zurückzugehen. „Damals hatte man uns Angler die Schuld an der Misere gegeben“, sagt sie. Ein Blick auf der App Marinetraffic genüge, um zu sehen, welche Fischerboote hier ihre Kreise ziehen. „Zum Beispiel Schweden, Dänen, Polen fischen vor unsere Küste, teilweise auch durch Schongebiete, und wir kleinen Angler sind schuld, weil wir angeblich mit unseren kleinen Pilkern den Meeresgrund kaputtmachen. Das ist lächerlich“, so Petra Bachmann.

Sie würde sich auf einen Kompromiss einlassen und das sogenannte Baglimit nicht ganz so drastisch herabsetzen: ein Lachs pro Tag pro Angler. „Man könnte rausfahren und der ganze Tourismus, der damit verbunden ist, würde nicht zusammenbrechen“, sagt sie. Diesen Vorschlag gehen auch Norbert Matzick und auch Jörg Dobke von Master Guiding mit.

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„Das hätte man schon vor Jahren machen können. Aktuell ist es so, dass jeder drei Lachse fangen darf. Bei vier Teilnehmern an Bord wären das zwölf Fische pro Tag, der der Ostsee entnommen werden könnten. Diese Zahl halte ich für viel zu hoch“, sagt Jörg Dobke. Aber ein Fisch pro Gast sollte aus seiner Sicht machbar sein. „Wir fahren ja auch nicht immer mit vier Gästen und haben auch mal Einzelfahrten oder sind zu zweit unterwegs. Dementsprechend bliebe die Zahl der gefangenen Fische übersichtlich.“

„Angler lässt viel Geld auf der Insel“

Er macht darauf aufmerksam, was alles wegbrechen würde, wenn es die geführten Lachstrolling-Touren nicht mehr geben würde. Er hat zwei Boote, die bezahlt werden müssen. Damit meint er nicht nur die Anschaffung, sondern auch kostspielige Instandsetzungsarbeiten oder die Gebühren für die Liegeplätze, die oft im voraus gezahlt werden müssen.

„Wir Angler sind aber aus wirtschaftlicher und touristischer Sicht die kleinste Einheit.“ Alles, was damit zusammenhängt, wenn tausende Angler pro Jahr auf die Insel kommen. Supermärkte, Hotels, Ferienwohnungen, Restaurants oder Tankstellen. „Der Angler lässt oft viel Geld auf der Insel, der wirtschaftliche Schaden wäre enorm“, sagt er.

Verband ist der Bestandspflege verpflichtet

Alle hoffen nun auf Anglerverbände und die Politik, dass dieses Vorhaben nicht umgesetzt wird. Dass es ein sehr großes finanzielles und sogar existenzielles Problem für die Lachstourenanbieter geben wird, wenn ein niedriges Baglimit oder gar ein Fangverbot folgt, ist sich auch Bernd Dickau, Präsident des Landesanglerverbands sicher.

„Der Fisch entscheidet jederzeit selbst, einen angebotenen Köder aufzunehmen oder nicht. Für Angler bedeutet es vor allem, dass sie den begehrten Fisch nicht mitnehmen dürften, wenn er ihnen beim Angeln an den Haken ginge“, sagt er. Und weiter: „Wer einmal einen Lachs am Haken hatte und den fantastischen Fisch aus dem Wasser drillen konnte, weiß, dass es einen Verlust darstellt, den Fisch nicht entnehmen und verzehren zu dürfen.“

Jedoch sei der Landesanglerverband als größter Naturschutzverband des Landes auch der Bestandspflege verpflichtet. „Insofern hieße es, die bittere Pille zu schlucken und das Vorhaben soweit zu unterstützen, dass sich der beeindruckende Fisch in seinem Bestand in unseren Gewässern schnellstmöglich wieder erholen kann“, sagt Bernd Dickau.

Von Mathias Otto