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Rügen Geheime Orte auf Deutschlands größter Insel
Vorpommern Rügen Geheime Orte auf Deutschlands größter Insel
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09:00 17.08.2019
Volker Barthmann (v.), Chef von Hanomag-Tours und zertifizierter Natur- und Landschaftsführer, mit einer Gästegruppe bei der Wanderung auf dem Höhenweg entlang der Kreidebrüche bei Sassnitz. Quelle: Volke Penne
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Sassnitz

Knatternd springen die 70-PS-Diesel der Allradfahrzeuge an. Geschickt manövrieren die Fahrer vier Hanomags auf dem Gelände des Ferienheims Birkengrund bei Sassnitz auf Rügen. Dann starten die gut 50 Jahre alten Wagen zu einer von insgesamt acht Safari-Touren, die von Süd-Rügen, Nord-Muttland bis hin auf die Halbinsel Wittow führen.

Erkundung abseits der Touristenpfade

Die Abkürzung der Oldtimer steht für den Hersteller – die Hannoversche Maschinenbau AG. Insgesamt 10 dieser 4,9 Tonnen schweren Ungetüme finden sich im Fuhrpark von Volker Barthmann. Er ist der Chef von Hanomag-Tours. „Ich möchte den Besuchern abseits der Touristenpfade weniger bekannte Seiten der Insel zeigen“, sagt der zertifizierte Natur- und Landschaftsführer. Der 56-Jährige erkundet an diesem Augusttag mit einer Touristengruppe den Kreideabbau auf der Halbinsel Jasmund – eine Spurensuche.

Mit dem Hanomag zu den Kreidebrüchen: Hanomag-Chef Volker Barthmann (v. r.) mit einer Gästegruppe um Rebekka Steimmel aus Dortmund, Esther Wolter mit Joshua sowie Sandra Grobosch aus Stendal, Birgit Peil aus Leipzig und Anne Fahldieck aus Bremen Quelle: Christian Rödel

Per pedes und mit dem Oldtimer

Birgit Peil (46) aus Leipzig freut sich auf die Exkursion per pedes und an Bord eines der einstigen Spezialwagen der Bereitschaftspolizei. Die Umweltpädagogin, die hier die Ruhe suchte und fand, campt seit einigen Tag im Birkengrund. Von hier aus geht es eine steile Anhöhe hinauf. Zügig ist ein von Buchen dominierter Waldabschnitt des Nationalparks Jasmund erreicht. Vorbei an einem Großsteingrab führt der Weg entlang umgestürzter und fast abgestorbener Bäume. An deren Rinde finden sich Zunderschwämme. „Diese Pilze befallen geschwächte Laubbäume“, erklärt Barthmann seinen Gästen Esther Wolter (39) und Sandra Grobosch (36) aus Stendal (Sachsen-Anhalt). Der Tourleiter erläutert, dass die Buchen alle anderen Pflanzen überschatten. Der Mensch greife in diesen Arealen nicht mehr aktiv ein.

Einzigartig in Europa

Das Kreidemuseum Rügen in Gummanz ist das einzige seiner Art in Europa. Hier im Norden der Insel wurde nicht nur bis 1962 Kreide abgebaut, hier steht auch der Kleine Königsstuhl. Er überragt mit einer Höhe von 124 Metern den Großen Königsstuhl auf Stubbenkammer.

Das barrierefreie Museum in Gummanz 3a, 18551 Sagard, ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Mehr Infos unter www.kreidemuseum.de und www.hanomag-tours.de

Natur erobert Terrain zurück

Auf dem Hochuferweg oberhalb der Stadt Sassnitz geht es zum ersten stillgelegten Kreidebruch. Der Bruch am Lentzberg wurde von 1873 bis 1900 betrieben. Die steilen weißen Wände sind fast begrünt, ein schilfbedeckter See, Büsche, kleine Bäume – die Natur erobert Terrain zurück. „Ein idyllisches Fleckchen“, schwärmt Rebekka Steimmel (36) aus Dortmund (Nordrhein-Westfalen). Sie ist zum ersten Mal auf Rügen und auch von dem sich wenig später bietenden Panorama beeindruckt. Ihr Blick schweift über die Prorer Wiek. In der Ferne ist das Ostseebad Binz zu erahnen.

Kreide mit Spitzhacke aus der Wand geschlagen

Der Kreideabbau war ein Knochenjob. So wurde die Rohkreide von den abgeseilten Arbeitern aus der Wand geschlagen. Per Spitzhacke. „In wassergefüllten Bottichen trennte ein Rührwerk die Feuersteine von der Kreide. Über Absetzrinnen floss die ‚Kreidetrübe‘ in das Absetzbecken zum Nachreinigen“, erläutert Barthmann. Dort habe sich der Kreideschlamm abgesetzt. Weiter geht es auf dem schmalen Trampelpfad.

Um 1900 existierten 35 Kreidebrüche

Bereits 1832 wurde die erste Kreidefabrik Deutschlands auf Rügen eröffnet. „Der Forscher Friedrich von Hagenow (1797-1865) erhielt eine Abbau-Lizenz“, erzählt Dr. Peter Dietrich (63). Der Geschäftsführer des Kreidemuseums Rügen in Gummanz verweist darauf, dass es um 1900 auf Jasmund 35 Rohkreidebrüche, zum Teil mit Schlämmereien, gab.

Wertvolles Naturprodukt

Kreide ist reines Naturprodukt. Das Sedimentgestein besteht zu etwa 95 Prozent aus reinem Calciumcarbonat und sehr kleinen Anteilen von Magnesium-, Eisen-, Silicium-, Aluminium-, Jod- und Phosphorverbindungen. Es ist allergenfrei sowie weitgehend geruchs- und geschmacksneutral.

Der wertvolle Rohstoff ist vielseitig einsetzbar. Ob als Dünger für die Verbesserung der Bodenqualität und des Pflanzenwachstums, als natürlicher Calciumlieferant für die Tiere, Kalk für Seen, um saures Wasser zu verhindern, als Heilkreide für den Menschen sowie für fast alle Bereiche der Industrie ist er von großem Wert: Gummiteile, Bremsbeläge, Rohre, Fliesen, Glas, Parfum, Porzellan, Farbe, Papier ... Kreide findet sich überall.

Interessanter Kontrast

Ab 1912 begann beispielsweise das Kreidewerk C. Galitz Erben mit dem Abbau von Rohkreide in Sassnitz. Noch heute sind die Dimensionen eines der größten Kreidebrüche seiner Zeit erkennbar. „Der Besitzer Rudolf Galitz beschäftigte bis zu 100 Arbeitskräfte. Das Werk hatte einen eigenen Gleisanschluss zur Reichsbahn“, sagt Barthmann. 1962 wurde der Abbau eingestellt. Die Wandergruppe blickt in eine dutzende Meter tiefe halbkreisförmige Schlucht. Im Tal bilden die Häuser von Sassnitz, die Molen und die riesige Wasserfläche einen interessanten Kontrast zu den weißen Felswänden.

In Wittenfelde hat sich großer See gebildet

Auf Waldwegen erreicht die Gruppe den renaturierten Kreidetagebau Buddenhagen. Hier sei unter anderem die geschützte Rotbauchunke wieder heimisch, so der Tourleiter. Nach dem etwa sechs Kilometer langen Fußmarsch und einer Mittagspause geht es vom Birkengrund aus per Hanomag weiter. Der Oldtimer biegt in Richtung Negast ab. Erster Stopp nach gut zwei Kilometern am seit 2005 stillgelegten Kreidetagebau Wittenfelde: In mehr als zehn Jahren haben Oberflächen- und Schichtenwasser einen mehrere Hektar großen See gebildet. Dichtes Buschwerk, Birken, Eichen und Weiden umrahmen ihn. Rund 15 Millionen Tonnen Kreide, die auf vielfältigste Art und Weise genutzt wird (siehe Kasten), sind hier abgebaut worden.

Die Bremerin Anne Fahldieck genießt mit ihrem Hund Moppi (ein zehn Jahre alter Coton de Tulear) den Blick auf den Kreidetagebau Promoisel. Quelle: Christian Rödel

Toller Ausblick auf Tagebau und Bodden

Der einzige noch in Betrieb befindliche Kreidetagebau auf Rügen ist die wenige Kilometer entfernte Förderstätte in Promoisel. Leicht schwankend bewältigt der 2,50 Meter hohe Hanomag Kopfsteinpflasterpisten und Feldwege. Der Außenbereich des Areals, auf dem 1996 der Abbau begann, ist erreicht. Die Bremerin Anne Fahldieck (34), die ihren Hund Moppi dabeihat, genießt den tollen Ausblick. Hinter den Baggern, Lkw und den etwa 2,5 Kilometer langen Förderbändern erstrecken sich der Kleine und Große Jasmunder Bodden. Etwa 450 000 Tonnen Kreide werden hier im Tagebau laut Dr. Dietrich jährlich abgebaut. Allein etwa 50 Prozent davon dienen der Rauchgasentschwefelung in den Kraftwerken Jänschwalde (Brandenburg) und Rostock, so der Experte.

Schätzungen besagen, dass die erschlossenen Vorkommen in Promoisel noch etwa 20 Jahre reichen. „Doch in Sichtweite lagern weitere mächtige Kreideschichten“, erklärt Barthmann, der seinen Safari-Bus gekonnt Richtung Basislager chauffiert.

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