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Rügen Der letzte Wunsch: Abschied von der Heimat
Vorpommern Rügen Der letzte Wunsch: Abschied von der Heimat
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07:22 21.03.2019
Ingolf Wendt (vorn im Rollstuhl) ist schwerkrank. Mit dem Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes ist der ehemalige Sassnitzer von seinem jetzigen Wohnort in Bayern in die alte Heimat gereist, um noch einmal Freunde und Verwandte zu treffen. Mit dabei seine Ehefrau Ursula Wendt (re.) sowie die ASB-Ehrenamtler Erwin Weis (li.), Anna Henrikus (2. v.l.) und Inge Weis. Quelle: Maik Trettin
Sassnitz

Den Blick aus dem Fenster ihres Zimmers im Sassnitzer Rügen-Hotel kann Ursula Wendt gerade nicht genießen. Konzentriert öffnet sie ein Ventil an einem fast mannshohen Behälter, der an der Wand steht. Es zischt und ein wenig Dampf entweicht, als sie das Gas in eine Metallflasche umfüllt, die einem Feuerlöscher ähnelt. Die steckt sie in einen Rucksack, wirft ihn über die Schulter und schließt die Tür. Sie muss sich sputen. Unten in der Eingangshalle des Hotels sitzt ihr Mann im Rollstuhl und wartet. Ohne den Sauerstoff aus der Flasche kann er kaum noch atmen. Ingolf Wendt hat Lungenkrebs. Er weiß, dass er nicht mehr lange leben wird. Doch diese Reise von München nach Sassnitz wollte er unbedingt noch machen: Seine Heimatstadt zu sehen, ist sein letzter Wunsch.

Als er sie vor acht Jahren verließ, war es aus familiären und wirtschaftlichen Gründen. Auch wenn bei den Bajuwaren nicht alles Gold ist, was glänzt: Hier leben seine Tochter und das Enkelkind, hier gab es für ihn und seine Frau Arbeit. Ingolf Wendt fiel der Abschied schwer. Er kam 1966 im Sassnitzer Krankenhaus auf die Welt, ist in der Merkelstraße aufgewachsen, hatte im Bergener Plattenwerk gelernt und zuletzt in Mukran gearbeitet. In der Stadt kennt er fast jeden Zweiten und fast jeder Zweite kennt ihn. „Wenn wir zu den Hafentagen nach Sassnitz gefahren sind, brauchten wir Stunden, um von einem Ende der Festmeile zum anderen zu kommen“, erinnert sich seine Frau und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht: Ständig traf ihr Ingolf Bekannte, mit denen er auf ein Schwätzchen stehen blieb. Das ist fast zwei Jahre her. Im Oktober 2017 waren sie zuletzt in ihrer Heimat. Zwei Monate später bekam Ingolf Wendt von den Ärzten die Diagnose „Lungenkrebs“.

Krankenkassen zahlen solche Touren nicht

Am Anfang war es ein ständiges Husten. Jetzt ist der 52-Jährige auf künstliche Sauerstoffzufuhr angewiesen. Sonst, sagt er, wären die Schmerzen beim Atmen unerträglich. Weil ihm die Luft zu knapp wird, bewegt er sich nur noch im motorgetriebenen Rollstuhl fort. Die Hoffnung, noch einmal nach Rügen zu kommen, hatte der Ur-Sassnitzer eigentlich schon beerdigt: Die Distanz von 1100 Kilometern zwischen ihrem ihrem neuen Zuhause und der alten Heimat ist einfach zu groß. Allein an dem fehlenden Sauerstoffvorrat würde ein solches Vorhaben scheitern.

Dass Ingolf Wendt doch noch einmal in seiner Heimatstadt ist, haben Freunde und ehrenamtliche Helfer möglich gemacht: Mit dem „Wünschewagen“ des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) ist er am Montag Abend in Sassnitz angekommen. Das Gefährt ähnelt stark einem Krankenwagen und ist wie dieser mit medizinischem Gerät ausgestattet. Transportiert werden damit keine „Patienten“, wie Erwin Weis vom ASB München klar stellt. Wer in diesen Wagen einsteigt, ist ein „Fahrgast“. Weis und seine Frau Inge sowie Anna Henrikus arbeiten ehrenamtlich bei dem Wohlfahrtsverband. Sie sind Krankenschwester, Fach- oder Rettungssanitäter. Um Ingolf Wendt den letzten Wunsch zu erfüllen, haben sie sich Urlaub genommen und auf den weiten Weg von Bayern bis nach Rügen gemacht. Die beiden Frauen waren zum ersten Mal hier; Anna Henrikus nutzte die Chance für ein kurzes Bad in der bitterkalten Ostsee. Es ist nicht das Fernweh, weswegen sie sich für das ausschließlich aus Spenden finanzierte Projekt engagieren. „Hier sehe ich, wo das Spendengeld hinkommt und dass es wirklich die Menschen erreicht“, sagt Inge Weis. Die Krankenkassen zahlen solche Touren nicht. Die Ehrenamtlichen sind es, die sterbenskranke Menschen noch einmal zu seinem Lieblingsbäcker bringen, um eine Tasse Kaffee zu trinken oder einen Vater kurz vor seinem Tod in die Kirche, um bei der Kommunion seines Sohnes dabei sein zu können. Ein anderes Mal wollte sich eine todkranke Frau noch von ihrem Pferd verabschieden, um das sie sich 20 Jahre gekümmert hatte.

Verwandte und Freunde noch einmal treffen

Silvana und Nico Hölzle sind seit Jahrzehnten mit den Wendts befreundet; Ingolf Wendt ist der Patenonkel von Silvanas Sohn Nick. Im Internet erfuhren sie von dem Projekt und nahmen den Kontakt auf. Gleichzeitig fragten sie beim Rügen-Hotel nach einer Unterkunft für die Ex-Sassnitzer an. Einen Moment lang hatte Mirko Frost von der Rezeption einen Kloß im Hals – auch er kannte den 52-Jährigen. Ohne lange zu zögern sprachen die Geschäftsleitung und die Inhaber eine Einladung aus und stellten den Wendts kostenlos ein behindertengerechtes Zimmer zur Verfügung. Ingolf Wendt hat das sehr gerührt. Was er fern der Heimat am meisten vermisse? „Die Freunde“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Die hat der Insulaner in Bayern nicht so leicht gefunden. Seine Sassnitzer Kumpels wird er in diesen Tagen noch einmal treffen. Sich von ihnen zu verabschieden, ist sein größter Wunsch. Und vermutlich sein letzter.

Maik Trettin

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