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Rügen Nationalpark auf Rügen: Hunderte Bäume werden gefällt
Vorpommern Rügen Nationalpark auf Rügen: Hunderte Bäume werden gefällt
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11:27 20.02.2019
Baumfällungen an der Landesstraße zwischen Sassnitz und dem Baumhaus Hagen. In einem 30 Meter breiten Streifen links und rechts der Fahrbahn wird der Wald durchforstet. Quelle: Maik Trettin
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Sassnitz

Rico Markmann mag seine Arbeit. Als Revierförster gehört er zu den Menschen, die sich in erster Linie um den Schutz des einzigartigen Waldgebietes auf Jasmund kümmern. Dem wird gerade tüchtig zugesetzt – und zwar durch den Menschen. Hier, wo Natur einfach Natur sein soll, stapelt sich das abgesägte Holz am Straßenrand zwischen Sassnitz und dem Baumhaus Hagen. Zwischen den Bäumen, die von der Säge verschont blieben, ducken sich tausende Stümpfe auf den lichten Flächen. „Nein, schön sieht das nicht aus“, sagt Markmann und presst die Lippen zusammen. An solchen Eingriffen in den Baumbestand habe niemand Spaß, dem der Wald auch nur ein wenig am Herzen liege. Den 40-Jährigen, der täglich im Revier unterwegs ist, schmerzt dieser Anblick vermutlich noch mehr als die Autofahrer, die hier unterwegs sind und die Fällarbeiten günstigstenfalls mit einem Kopfschütteln kommentieren. Dennoch: An dieser Radikalkur führe leider kein Weg vorbei, sagt Rico Markmann. „Auch wir müssen der vielzitierten Verkehrssicherungspflicht nachkommen.“

Seit Jahresbeginn sind die Forstarbeiter im Einsatz. Nachdem in den vergangenen Jahren der Baumbestand an der Straße zwischen Sassnitz und der Kreuzung Werder ausgelichtet wurde, folgt nun der „große Rest“: Zwischen dem Abzweig Werder und Nipmerow werden in diesem Jahr hunderte Bäume links und rechts der Fahrbahn fallen. Dann werde man mit den großen Maßnahmen im Wesentlichen durch sein, kündigte der Leiter des Nationalparkamtes Vorpommersche Boddenlandschaft, Gernot Haffner, auf OZ-Nachfrage an.

Rico Markmann, Revierförster im Nationalparkamt Jasmund Quelle: Maik Trettin

Was derzeit entlang der Stubbenkammerstraße geschieht, widerspricht nicht nur dem ästhetischen Empfinden vieler Naturfreunde, sondern auch dem Grundprinzip des Nationalparks. „Aber wir sind rechtlich verpflichtet, so etwas wie Korridore an der Grenze zu den Siedlungsbereichen und Verkehrswegen freizuhalten“, sagt Revierförster Markmann. Diese Streifen sollten theoretisch zwei Baumlängen breit sein – auf beiden Straßenseiten. Im Falle der Stubbenkammerstraße würde das zwei bis zu 90 Meter breite Schneisen bedeuten. Damit sei man rechtlich gewiss auf der sicheren Seite – aber eben auch noch tiefer im Nationalpark. In Absprache mit dem Ministerium habe man sich auf die Breite einer Baumlänge geeinigt. In diesem Bereich soll der Wald so gestaltet werden, dass die Bäume weder bei Sturm noch unter Schneelast und schon gar nicht aus Altersgründen abbrechen und auf die Straße stürzen können. Die Bäume stehen dicht an dicht. Den Kampf um Licht und Nährstoffe tragen sie im Nationalpark normalerweise ganz unter sich, ohne Zutun des Menschen aus. Der Stärkere setzt sich durch, die anderen räumen nach und nach den Platz, brechen ab oder kippen mitsamt des Wurzeltellers um. „Hier am Straßenrand dürfen wir das aber nicht zulassen“, erklärt der Revierförster die Situation, die hier ganz besonders sei: Die Trasse ist wie eine künstliche Lichtung. Die Bäume versuchen, in diese Richtung zu wachsen, stehen schräg und drohen auf die Fahrbahn zu stürzen. Solche Exemplare werden derzeit ebenso abgesägt wie die, die zu dicht stehen. Rico Markmann lässt den Blick an einem Buchenstamm bis nach oben wandern: Eine ganz schmale Krone und ein kleiner Wurzelbereich – viel kann ein solcher Baum den Naturgewalten nicht entgegensetzen. „Für einen stabilen Stand braucht er Platz für die Wurzeln und die Krone.“ Den sollen die Forstarbeiter derzeit mit ihren Sägen schaffen. Rund 70 Jahre ist ein Großteil der Buchen, die auf den Flächen entlang der Straße wachsen. Die letzten 30 Jahre sei an dieser Stelle forstwirtschaftlich nichts geschehen. Jetzt soll der Bestand soweit ausgelichtet werden, dass der jeweilige Baum sich ungestört entwickeln kann – ohne Konkurrenz zu seinen Nachbarn. Eingriffe in diesem Umfang würden in absehbarer Zeit nicht mehr nötig sein.

Besonders dramatisch sieht es gegenüber der so genannten Jagdhütte aus. Von dort aus blickte man über die Straße hinweg auf einen Fichtenbestand. Jetzt ragen dort fast nur noch Baumstümpfe aus dem einstigen Ackerboden, der vor 57 Jahren aufgeforstet wurde. An dieser Stelle waren fast alle Fichten vom Borkenkäfer befallen. Die Bäume sterben ab und brechen um, wenn ihnen der Mensch nicht mit der Säge zuvorkommt. „Wir hoffen, dass an dieser Stelle auch der Borkenkäferbestand zusammenbricht“, sagt Markmann. Eine Wiederaufforstung durch den Menschen ist an dieser Stelle derzeit nicht geplant. Was daraus wird? Rico Markmann hockt sich neben einen Baumstumpf und pult aus einer Schicht aus abgesägten Zweigen einen Fichtenschößling hervor. Der Revierförster strahlt: „Vielleicht hat die Natur das schon für sich geklärt.“

Maik Trettin