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Rügen „Nicht regional“: Insulaner drohen mit Boykott des Rügener Badejungen
Vorpommern Rügen „Nicht regional“: Insulaner drohen mit Boykott des Rügener Badejungen
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20:15 07.09.2019
Ein Rügener Supermarkt kennzeichnet den Badejungen als "nicht regionales Produkt" und Kunden kündigen an, den Weichkäse nicht mehr zu kaufen. Quelle: Uwe Driest
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Bergen

Einwohner, aber auch Gäste der Insel trauern dem „Rügener Badejungen“ nach. Weil der künftig im thüringischen Altenburg produziert wird, ist bereits von „Etikettenschwindel“ und „Mogelpackung“ die Rede. Nach dem Bericht der OSTSEE-ZEITUNG vom Ende der Produktion am Standort Bergen und dem Verkauf der Gebäude an der Gingster Chaussee mehrten sich in den Sozialen Netzwerken sogar Stimmen, die ankündigten, den Traditionskäse nicht mehr kaufen zu wollen.

„Dann nehme ich jetzt Abschied von dem Käse aus der Heimat“, schreibt beispielsweise Marie Bernstein auf der OZ-Facebookseite. Christine Hausmann findet: „Der falsche Weg. Gerade diese kleine Molkerei gehört zu Rügen. Regionale Produkte verbinden die Menschen mit Heimat. Die wirtschaftlichen Interessen haben wieder einmal einen Sieg errungen, leider!“

Kommentar: Marke braucht Herkunft

Auch Mareike Horitzky kündigt an, auf den Camembert verzichten zu wollen, wenn er nicht mehr von der Insel Rügen stammt und Thomtek Bels schreibt: „Nachdem der Badejunge Abschied von der Insel Rügen nahm, ist er kein regionales Produkt mehr und wird von mir nicht mehr gekauft. Dieser Käse sollte nach dem Abschied von der Insel auch nicht mehr den Namen ’Rügener Badejunge’ tragen. ’Thüringer Schluchtenjodler’ wäre passender.“

Lebensmittelmarkt weist auf fehlende Regionalität hin

„Wieder ein Stückchen Heimat kaputt“, „So verschwindet eins nach dem anderen von der Insel, traurig“ oder „Alles was gut ist, wird uns hier weggenommen“, heißt es dazu in den Netzwerken. Bernd Hermann klagt: „Und wieder ein Industriezweig abgeschafft in unserer Region, wo wir ja so viel davon haben; dann sich aber wundern über hohe Arbeitslosenzahlen“. Andreas Rutkowski ruft gar zum Boykott auf: „Alle Supermärkte von Rügen müssten den sofort aus ihrem Sortiment nehmen, echte Rüganer kaufen den eh’ nicht mehr.“

Tatsächlich reagierte der Betreiber des Edeka-Markts von Bergen-Süd und weist mit einem Schild darauf hin, dass es sich beim Badejungen nicht mehr um ein regionales Produkt handele. Das findet auch Danilo Goers vom Edeka-Markt in Garz nachvollziehbar. „Wir alle haben zwei Jahre lang gehofft, dass es ein gutes Ende nimmt und der Badejunge weiter auf der Insel produziert wird. Jetzt aber hat das nichts mehr mit Regionalität zu tun“, sagt Goers.

Die letzten Exemplare des "Rügener Badejungen" wurden bis zum Monatsende in der Bergener Molkerei verpackt. Quelle: Uwe Driest

Er findet es gut, was seine Bergener Kollegen tun und kündigt an: „Das mache ich auch“. Anders als zentral geführte Märkte wie Real werden die Filialen beispielsweise von Rewe oder Edeka ganz überwiegend durch lokale Selbstständige im Franchise geführt. So existiert auf Rügen und Hiddensee ein Dutzend Edeka-Filialen in der Hand von acht Einzelunternehmern.

Boykottstimmung unter Kunden

„Wir nehmen in den Sozialen Medien schon so etwas wie eine Boykottstimmung wahr", sagt Jörg Dahms von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG). „Viele Menschen verbinden den Badejungen mit ihrer Kindheit und haben sich sehr damit identifiziert“, erklärt er sich die Reaktionen. Konsequent wäre es zumindest, wenn die Bevölkerung insgesamt mehr beim Einzelhandel statt bei großen Ketten oder im Internet kaufen und so die regionale Wertschöpfung ankurbeln würde.

Wer heute noch die Nummer der Molkerei anruft, landet bei Annett Wolfgram. Die war 35 Jahre lang im Betrieb und wird ab Oktober gemeinsam mit ihrem Mann bei Rügen Fisch in Sassnitz anfangen. „Es kann gut sein, dass ich diejenige bin, die Ende September abschließen muss“, sagt sie mit unüberhörbarer Wehmut.

Traditions-Camembert wird künftig in Thüringen hergestellt

Der Traditions-Camembert wird künftig in Thüringen hergestellt – natürlich ohne die Milch von Rügener Kühen. 1953 hatte Karl Wilhelms das Rezept auf die Insel gebracht. Seitdem wurde der Käse dort produziert. Er gilt als der meistverkaufte Camembert in Deutschland. Trotzdem soll das Werk in Bergen erheblichen Verlust gemacht haben. Nach Angaben des Betreibers, des Deutschen Milchkontors (DMK), lag das Defizit zuletzt bei rund zwei Millionen Euro pro Jahr.

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Von Uwe Driest

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