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Rügen Obdachlos in Vorpommern: Wohnungslose werden immer jünger
Vorpommern Rügen Obdachlos in Vorpommern: Wohnungslose werden immer jünger
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12:02 03.12.2019
Ein Obdachloser schläft im Schutz einer Hauswand. Die Menschen, die in Vorpommern eine Obdachlosenunterkunft aufsuchen, werden immer jünger. Quelle: Roland Scheidemann/dpa
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Stralsund

Die Zahl der Obdachlosen in Deutschland steigt. Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe waren im Jahr 2018 rund 678 000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung. 2017 lag die Zahl noch bei 650 000 Menschen. Und wie sieht die Situation in den Landkreisen Vorpommern-Greifswald und Vorpommern-Rügen aus?

„Zahlenmäßig gibt es in unserer Einrichtung keine gravierenden Veränderungen“, sagt Christine Schleusner, stellvertretende Leiterin der Obdachlosenunterkunft (Oluk) in Stralsund. 2018 habe man 59 Zugänge gehabt, in diesem Jahr seien es bis November 51 gewesen. „Aber wir haben den Eindruck, dass es mehr Obdachlose gibt.“

Das bestätigt auch ihre Kollegin aus Greifswald, Ilona Martens, Leiterin des Obdachlosenhauses. „Im Moment leben 17 Leute bei uns – zwei Frauen und 15 Männer. Sonst haben wir eine durchschnittliche Belegung mit zwölf bis 13 Bewohnern.“

Drei Unterkünfte in der Region

Unterkünfte für Menschen, die kein Dach mehr über dem Kopf haben, gibt es derzeit in Sassnitz, Greifswald und Stralsund. Wobei die Herausforderungen in den einzelnen Einrichtungen ganz unterschiedlich sind. „Bei uns können 22 Menschen leben“, erklärt Heike Martens, Leiterin der Oluk in Sassnitz. „Derzeit sind 18 Plätze belegt, darunter zwei Frauen und zwei Kinder.“

Das Obdachlosenheim in Sassnitz bietet 18 Plätze. Quelle: Udo Burwitz

In der Sassnitzer Unterkunft sind die Heimbewohner zwischen sieben und 72 Jahre alt. Sie alle befinden sich in schwierigen Lebenssituationen und „können in den meisten Fällen nicht damit umgehen“, sagt Heike Martens. Mietschulden und die daraus resultierende Zwangsräumung sind oft nur das Ende einer Spirale, die sich schon viel früher begonnen hat zu drehen. „Wir arbeiten deshalb auch präventiv“, erklärt die Sassnitzer Leiterin.

Man stehe in engem Kontakt zu den Wohnungsgesellschaften. „Wenn wir einen Hinweis bekommen, dass jemand seine Miete gar nicht mehr zahlen kann, suchen wir zu demjenigen Kontakt und bieten unsere Hilfe an.“

Dadurch wisse man auch, dass einige Menschen, die von einer Zwangsräumung betroffen sind, nicht den Weg in das Obdachlosenheim gehen. Sie kommen bei Bekannten oder Verwandten unter. „Die Dunkelziffer der Obdachlosen dürfte weitaus höher sein“, ist Heike Martens überzeugt.

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Immer jüngere Menschen kommen in die Unterkünfte

Eine Beobachtung teilen die Mitarbeiter aller Unterkünfte: Die Zahl der jüngeren Obdachlosen steigt. „Besonders im Sommer sind viele junge Leute bei uns gewesen“, sagt Christine Schleusner, stellvertretende Leiterin der Stralsunder Einrichtung. „Sie sind oft unterwegs und ziehen durch das ganze Land“, erklärt sie und spricht damit eine weitere Veränderung in den vergangenen Monaten an: „Die Zahl der sogenannten Berber hat zugenommen.“

Diese kommen aus ganz Deutschland und bleiben meistens nur für eine kurze Zeit, bevor sie weiterziehen. Sie kommen aus Großstädten, doch dort sei die Kriminalität so gestiegen, dass diese Menschen weiterziehen in ruhigere Gegenden.

Christine Schleusner, stellvertretende Leiterin der Stralsunder Obdachlosenunterkunft Quelle: Miriam Weber

Dadurch sei es auch zu erklären, dass die Bewohner der Oluk in Stralsund sozusagen aus der ganzen Republik stammen, während in den anderen Einrichtungen in den beiden Landkreisen vor allem Menschen aus der unmittelbaren Umgebung untergebracht werden.

In Greifswald beschränkt sich das Einzugsgebiet auf die Hansestadt und die Amtsbereiche Landhagen und Züssow. Auch in diesem Haus hat Leiterin Ilona Martens den Eindruck, dass die Wohnungslosen immer jünger werden. „Oftmals haben sie keinen Schulabschluss oder keine Ausbildung und nicht selten hatten sie auch noch nie eigenen Wohnraum“, sagt sie.

Doch bei den Jüngeren sei der Wunsch, die Unterkunft schnell wieder zu verlassen, groß. „Die Verweildauer unserer Bewohner ist unterschiedlich, aber es ist schwieriger, ältere Leute wieder in eigene vier Wände zu bringen.“

Zum Weihnachtsfest wird Einsamkeit besonders spürbar

Dieses Phänomen kennt auch Christine Schleusner. „Die Vereinsamung der Menschen insgesamt nimmt immer mehr zu. Schon bevor einige den Weg zu uns finden, sind sie von sozialen und familiären Kontakten abgeschnitten. Bei uns gibt es immer einen Ansprechpartner vor Ort.“ Viele von den Bewohnern würden zwar gern wieder in einer eigenen Wohnung leben, aber nicht allein.

Weihnachten ist in den Unterkünften immer eine besondere Zeit. „Ein Großteil der Menschen, die hier sind, hat keinen Kontakt mehr zu seinen Familien, zur Weihnachtszeit wird ihnen das dann noch einmal deutlich bewusst“, sagt Christine Schleusner. Umso schöner sei es, dass in allen Häusern eine Weihnachtsfeier gemacht werden kann. Möglich wird das vor allem durch Spenden.

Obdachlosenunterkunft in Stralsund in der Mühlgrabenstraße Quelle: Ines Sommer

„Bei uns in Greifswald verkauft der Oberbürgermeister am 1. Advent Stollen und dieser Erlös kommt der Obdachlosenunterkunft zugute“, sagt Ilona Martens und ihre Kollegin aus Sassnitz ergänzt: „Wir haben seit vielen Jahren das Glück, dass zwei Damen von der Insel zweimal im Jahr ein Fest für uns ausrichten. Im Sommer gibt es ein Grillfest und zum Jahresende das Weihnachtsfest. Dafür sind wir dankbar.“

Auch in Stralsund ist es eine Gastronomin, die privat seit mehreren Jahren ein Weihnachtsessen zaubert. „Wir sind auch in diesem Jahr wieder eingeladen und freuen uns darüber, dass unsere Bewohner in gemeinsamer Runde ihr kleines Weihnachtsfest feiern können.“

Keine festen Unterkünfte in Ribnitz und auf Usedom

Alle drei Frauen betonen, dass das Netzwerk zu Ämtern und Institutionen eine wichtige Säule ihrer Arbeit sei. „Wir sind froh darüber, dass wir da gut aufgestellt sind und sehr strukturiert arbeiten können“, sagt Christine Schleusner. „So können wir den Bewohnern viele Hilfestellungen und Unterstützung bieten.“

Von Miriam Weber

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