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Rügen Peking, Zagreb, Sassnitz: Rügener Malerin ist mit ihren Werken international erfolgreich
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Peking, Zagreb, Sassnitz: Malerin von Rügen ist international erfolgreich

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14:52 13.01.2022
Die Bilder von Astrid Leukroth aus Sagard hingen schon in Galerien in Peking und Zagreb. Jetzt sind sie im Sassnitzer Grundtvighaus zu sehen.
Die Bilder von Astrid Leukroth aus Sagard hingen schon in Galerien in Peking und Zagreb. Jetzt sind sie im Sassnitzer Grundtvighaus zu sehen. Quelle: Maik Trettin
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Sassnitz

Der Wälzer, über den sich Astrid Leukroth beugt, ist unhandlich und mehrere hundert Seiten stark. Auf dem Einband prangen chinesische Schriftzeichen, innen wartet das Buch auf Hochglanzseiten mit Abbildungen von Kunstwerken auf. Der Katalog gehört zur Ausstellung „From Borders to Bridges“ (“Von Grenzen zu Brücken“). Gezeigt wurde sie 2016 im Museum für Gegenwartskunst (Museum of Contemporary Art) in Peking. Mit dabei: Acht Werke der Malerin aus Sagard.

Auch in Ludwigshafen, Karlsruhe und bei der internationalen Ausstellung FISAIC im vergangenen Jahr im kroatischen Zagreb zollte man den Arbeiten der gebürtigen Sassnitzerin Respekt. Seit Ende vergangenen Jahres und noch bis in den Mai hinein werden sie in ihrer Heimatstadt gezeigt. Das Grundtvighaus an der Seestraße in Sassnitz hat ihr eine Ausstellung gewidmet.

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Über dem Flügel hängt die „Tierparade“: Eine Reihe von Tieren marschiert offenbar von links nach rechts genau auf das Monster zu, das sie dort mit aufgerissenem Rachen erwartet. Nur ein kleiner Elefant läuft gegen den Strom. Es ist eines der Lieblingsbilder von Astrid Leukroth und hat einen Ehrenplatz in der Sagarder Wohnung, der aber regelmäßig durch andere Werke vorübergehend gefüllt wird. Die „Tierparade“ wurde des Öfteren in Ausstellungen gezeigt, nicht zuletzt auch in der chinesischen Hauptstadt. Dauerhaft aber würde sie sich für kein Geld der Welt von diesem Werk trennen. Es bedeutet ihr fast genauso viel wie ihr liebstes Bild, das „Tor zum Licht“.

Schmerz und Hoffnung in einem Bild

Das könnte man aufgrund seiner Position über der Tür zum Café und Ausstellungsraum fast übersehen, obwohl es mit einem kleinen Strahler angeleuchtet wird. In diesem Bild werde eigentlich so gut wie alles gesagt und ausgedrückt, was ihr wichtig sei, was ihre Weltsicht beschreibe, sagt sie. Der Schmerz und die Tragödien des Lebens ebenso wie die Hoffnung und der Trost, dass alles, was geschieht, Teil eines großen Ganzen ist. Wenn Astrid Leukroth auf das Bild blickt, sieht es aus, als sähe sie durch das „Tor“ hindurch, hinein in das große Licht, das sich hinter dem dunklen Vordergrund der Leinwand verbirgt. Nein, sagt sie, das habe nichts mit Religiosität zu tun. Aber irgendwie hänge doch alles zusammen, sei miteinander verknüpft und verwoben.

„Blue Wonder“, „Blaues Wunder“, heißt diese Arbeit von Astrid Leukroth. Quelle: Maik Trettin

Ihre Einstellung zum Leben und ihre Erkenntnisse sähen ohne die Malerei wohl anders aus, vermutet sie. Astrid Leukroth, ein Spross aus der alteingesessenen Sassnitzer Fischerfamilie Gensch, wurde in Sassnitz geboren und wuchs in der Altstadt auf. Sie war schon als Kind das, was man damals vermutlich einen „Wirbelwind“ nannte: immer aktiv, immer auf Draht. „Ich konnte nie einfach still sitzen und nichts tun“, sagt sie. „Das kann ich heute noch nicht.“ Sie sang bei den legendären „Uferschwalben“ von Georg Ladendorf. Sie ist ein Sport-Ass, aktiv bei Empor Sassnitz und 2020 zweifache Landesmeisterin im Badminton geworden. Sie peppt alte Möbel auf, unterstützt ihren Mann Peter bei der ehrenamtlichen Arbeit im Mukraner Seemannsclub und werkelt gern mit den Händen. Sie hat sich beim Töpfern ausprobiert und auch in der Steinbearbeitung. „Aber das ist nicht meine Art, mich auszudrücken“, sagt Astrid Leukroth. Das gelinge ihr am ehesten in der Malerei.

Nie einen Malkurs besucht

Künstlerisch begabt war sie offensichtlich schon immer. Beruflich spielte ihre Kreativität allerdings jahrelang keine Rolle. Nach der Schule wurde sie Wirtschaftskauffrau im Fischkombinat, arbeitete jahrelang in verschiedenen Buchhaltungen und später in den Bord-Shops der Fährschiffe „Warnemünde“ und „Sassnitz“. Dort lernte sie auch ihren Mann Peter kennen. Ans Malen dachte Astrid Leukroth in dieser Phase ihres Lebens nicht. Es bedurfter zweier Schicksalsschläge, bevor sie beschloss, es damit einfach mal zu versuchen. Astrid Leukroth hat keinem Maler über die Schulter gesehen, keinen Mal-Kurs besucht. Sie ist Autodidaktin. „Ich habe im Jahr 2014 Pinsel und Leinwand gekauft und einfach losgelegt.“

„Welle“ hat Astrid Leukroth dieses Bild genannt. Quelle: Maik Trettin

Das Ergebnis hat nicht nur ihre Familie und Freunde begeistert, sondern auch Kunstexperten. Als sie das „Tor zum Licht“ gemalt hatte, wollte die Sagarderin eine professionelle Meinung zu ihren Bildern einholen und schrieb eine Hamburger Galerie an. „Die haben sich wirklich zurückgemeldet“, ist sie noch heute erstaunt. Über die Galerie kamen Astrid Leukroths Bilder in die Ausstellung nach Peking. Der New Yorker Multimedia-Künstler Steven Malski Niles hat mehrere Werke von Astrid Leukroth als Illustrationen in einem seiner Bücher verwendet: „The Power of Art in Healing and Transformation“ (wörtlich: Die Kraft der Kunst bei der Heilung und Verwandlung). Heilung durch Kunst? „Ja, das geht“, sagt Astrid Leukroth. „Bei mir jedenfalls hat es funktioniert.“

Im vergangenen Jahr hat das Stadtmuseum in Bergen eine Auswahl ihrer Arbeiten gezeigt. Astrid Leukroth ist dort mit vielen Menschen ins Gespräch gekommen und hat auch Kinder für die Kunst begeistern können. „Die können sich oft durch Malerei, Musik oder Sport viel besser ausdrücken und anderen mitteilen“, sagt sie. So geht es auch Astrid Leukroth. Sie malt nichts Gegenständliches ab, sie läuft nicht mit einem Skizzenblock durch die Landschaft und niemand wird sie je mit ihrer Staffelei an einem Feldrand oder am Strand sehen. Die Bilder aus Acryl und Öl entstehen im heimischen Atelier – und die Ideen dazu in ihrem Kopf. Dass sie irgendwann einmal nicht mehr malen wird, kann sie sich nicht vorstellen. „Es ist ein so gutes Gefühl, wenn ich merke, dass meine Bilder den Menschen etwas geben – auch später, wenn ich einmal nicht mehr bin.“

Von Maik Trettin