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Rügen Prora-Zentrum erinnert an Ghettos des NS-Staates
Vorpommern Rügen Prora-Zentrum erinnert an Ghettos des NS-Staates
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10:06 08.04.2019
Die Leiterin des Prora-Zentrums, Susanna Misgajski, zeigt den Katalog zur Ausstellung, die bis zum 6. Juni läuft. Quelle: Mathias Otto
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Prora

Mit einer neuen Ausstellung erinnert das Prora-Zentrum an den Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 sowie an den zugleich beginnenden Holocaust, die Ermordung deutscher und europäischer Juden. Unter dem Titel „Im Angesicht der Vernichtung – Arbeit und Widerstand in den Ghettos 1941-1944“ geht es um die Frage, wie unterschiedlich sich diese Menschen „im Angesicht der Vernichtung“ verhielten.

Ausstellung läuft bis 6. Juni

Die deutsch-englische Präsentation „Im Angesicht der Vernichtung – Arbeit und Widerstand in den Ghettos 1941 – 1944“ bringt Einzelschicksale und -intiativen jüdischer Menschen in den Ghettos des NS-Staates den Besuchern nahe. Die Ausstellung dokumentiert die Vielfalt jüdischen Lebens sogar im Angesicht der Vernichtung.

Die Ausstellung ist bis zum 6. Juni täglich von 10 bis 16 Uhr im Prora-Zentrum zu sehen (ab Mai von 10 bis 18 Uhr). Zusätzlich ist ein Katalog für fünf Euro erhältlich.

Kurator Prof. Stephan Lehnstaedt vom Touro College Berlin hat zusammen mit den ehemaligen Studenten Svea Hammerle, Ayelet Eva Herbst und Maximilian Jung die insgesamt 28 Tafeln zusammengestellt. „Bemerkenswert ist, dass der Fokus auf die unterschiedlichsten Menschen, die damals in den Ghettos unter katastrophalen Umständen leben mussten, gelegt wurde. Besucher erfahren in der Ausstellung viel über das tägliche Leben der europäischen Juden“, sagt Susanna Misgajski, Leiterin des Prora-Zentrums.

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Oneg-Schabbat-Archiv

Seit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden knapp 1100 Ghettos in Osteuropa errichtet, in denen mehrere Millionen Juden interniert wurden. Das Bekannteste war das Warschauer Ghetto, in dem von Oktober 1940 bis Mai 1943 mehr als 450 000 Juden lebten. „Die Menschendichte dort war sechs mal so hoch wie das heutige Manhattan. Im Jahr 1941 ist im Warschauer Ghetto jeden Monat ein Prozent der Insassen gestorben“, so Susanna Misgajski. Besucher der Ausstellung erfahren, welche Strategien die Juden entwickelt haben, um ihren Alltag trotz der erbärmlichen Umstände so normal wie möglich zu gestalten. So wurden in den Ghettos Suppenküchen eingerichtet, Schulen wurden heimlich aufgebaut und in Hinterhöfen sowie auf Dachböden fanden kleine kulturelle Veranstaltungen statt. „Die Juden haben versucht, ihre Würde zu bewahren“, sagt die Leiterin des Prora-Zentrums.

In der Ausstellung tauchen Namen auf, die durch besondere Aktionen bekannt geworden sind. Etwa Emanuel Ringelblum, ein polnischer jüdischer Historiker, Politiker, Pädagoge und Publizist. Er baute das Oneg-Schabbat-Archiv – der Tarnname für das geheime Archiv im Warschauer Ghetto – auf und verfasste die Chronik der Ereignisse. „Er konnte im Warschauer Ghetto 30 Leute dafür gewinnen, das Erlebte zu Papier zu bringen. Er verfolgte das Ziel, die Situation der Juden sowie ihre Deportation und Ermordung durch die Deutschen zu dokumentieren und für spätere Historiker festzuhalten“, so Susanna Misgajski. Bevor er im März 1944 von den Deutschen erschossen wurde, versteckte er die knapp 25 000 Seiten in Milchkannen sowie Metall-Schachteln und vergrub diese Dokumente. Ein Jahr nach Kriegsende wurden die Archivalien wiedergefunden. 1999 wurde das Archiv in das Weltdokumentenerbe der Unesco aufgenommen.

Widerstand gegen die Nationalsozialisten

„Juden, die die Macht der Nationalsozialisten zu spüren bekamen, mussten sich Nischen suchen, um sich zur Wehr zu setzen, sich in Würde gegen dieses Regime stellen“, sagt Susanna Misgajski. So gab es Oswald Rufeisen, der im weißrussischen Mir die Gestapo in die Irre und die Insassen des Ghettos in die Freiheit führte. In Bialystok war Chaika Grossmann als Kurierin für den Widerstand tätig. Der größte Widerstand fand 1943 im Warschauer Ghetto statt. Die bewaffneten Juden erhoben sich und lieferten der nationalsozialistischen Besatzungsmacht mehrere Wochen lang erbitterte Gefechte.

Es gab auch Juden, die Hoffnung hatten auf ein Leben nach dem Ghetto. In der Ausstellung taucht der Name Efraim Barasz auf, Vorsitzender des Judenrats im Ghetto Bialystok. Er war sich des mörderischen Endziels der Deportation bewusst. „Aber er baute im Ghetto eine Produktionsstätte für Deutsche, weil er an die Rettung durch Arbeit geglaubt hatte“, sagt Susanna Misgajski. Er kam 1943 um. Es gab in der Zeit zwischen 1941 und 1944 auch Retter von außerhalb. So wird auf einen der 28 Tafeln über den Unternehmer Oscar Schindler berichtet. Schindler, dessen Geschichte vor 26 Jahren von Steven Spielberg verfilmt wurde, bewahrte knapp 1200 bei ihm angestellte jüdische Zwangsarbeiter vor der Ermordung in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten. In Polen leben heute weniger als 4000 Juden, aber es gibt mehr als 6000 Nachkommen der Schindler-Juden.

Mathias Otto

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