Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Rügen Petition auf Rügen: Kostenloser Strandzugang für Insulaner gefordert
Vorpommern Rügen Petition auf Rügen: Kostenloser Strandzugang für Insulaner gefordert
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:56 15.08.2019
Tageskurkartenautomat am Hauptstrand von Baabe Quelle: Gerit Herold
Anzeige
Binz

Kirsten Hagemann nimmt kein Blatt vor den Mund. „Kurtaxe für Inselbewohner ist für mich eine Frechheit“, sagt die Dalkvitzerin. „Ich sehe es nicht ein als Insulaner, der hier seine Steuern zahlt, in Binz zum Arzt geht, zum Einkaufen, zur Sparkasse, zur Schule gegangen ist, für die wenige Freizeit, die man dann am Strand verbringen möchte, zahlt, nur weil man nicht dort, sondern sechs Kilometer vor Binz wohnt.“

Als die 56-Jährige vor einer Woche nach dem Dienst zum Baden nach Binz gefahren war, hatten dort zwei Kontrolleure 2,80 Euro Tageskurtaxe von ihr haben wollen. „Da ich als Rüganer nicht bereit war, diese zu zahlen, wurde mit der Polizei und Strandverbot gedroht“, so Hagemann. Man habe ihr zehn Minuten Zeit gelassen, den Strand zu verlassen.

Petition richtet sich an Bürgermeister

Kirsten Hagemann will das nicht hinnehmen. Sie hat auf der Plattform „openPetition“ die Onlinepetition „Keine Kurtaxe für Rüganer! Kostenloser Strandzugang für Insulaner“ gestartet, die an die Bürgermeister der Ostseebäder der Insel Rügen gerichtet ist. Inzwischen haben schon mehr als 3000 Menschen unterschrieben. In rund 1400 Kommentaren haben Insulaner, auf Rügen geborene und weggezogene Menschen, aber auch viele Urlauber ihren Unmut über die derzeitige Situation geäußert.

Einheimische fühlen sich benachteiligt

Viele Inselbewohner sind empört und verstehen nicht, warum sie an „ihren“ Stränden plötzlich bezahlen sollen. Sie fühlen sich verdrängt, ausgegrenzt und benachteiligt gegenüber den Urlaubern. Sie seien keine Touristen und leben auch mit den Nachteilen, den der Tourismus mit sich bringe, so der Tenor. Die Inselbewohner würden zudem hier arbeiten und ihre Steuern zahlen. Die Kurtaxe für Einheimische sei nun das i-Tüpfelchen auf die niedrigen Löhne in teuren Hotels, saisonabhängige Benzinpreise, verstopfte Straßen, fehlende Parkplätze, hohe Parkgebühren, volle Läden. Kurz: auf die erhöhten „Insel-Preise“ bei vergleichsweise geringen Gehältern. Manch ein Einheimischer würde sich fühlen wie ein Mensch zweiter Klasse. Ein Unterstützer fragt: „Soll man irgendwann sich das Leben in der eigenen Heimat nicht mehr leisten können?!“

„Personalausweis muss reichen“

Ein anderer formuliert es so: „Menschen die am Meer wohnen, haben natürlich auch das Recht, ohne Gebühr im Meer zu baden! Es ist wichtig, die mittelalterlichen Raubrittermethoden im Keim zu ersticken, damit nicht andere Gemeinden diese unseriöse Art von Geldeintreibung nachahmen. Wie wäre es mit dem Umkehrschluss, dass alle, die für den Tourismus arbeiten, von der Gemeinde Provision für jeden Urlauber bekommen?“

Ein Kommentar lautet: „Wenn eine Region im Tourismus bestehen will, dann sollte sie ihre Einheimischen pflegen und gut behandeln. Dadurch, dass sie da vor Ort bereits Werte schaffen, erwirtschaften sie das, was die Gemeinden überhaupt in die Lage versetzt, Kurtaxe zu nehmen. Ein Personalausweis mit Rügen als Hauptwohnsitz muss als ‚Kurkarte‘ reichen!“

Auch Urlauber melden sich zu Wort. Einer findet, dass es „ein geborenes Recht aller Rüganer sein muss, die eigenen Strände kostenlos nutzen zu dürfen. Ich als Urlauber zahle natürlich, das ist okay.“ Ein anderer meint: „Ich denke, dass wir Touristen manchmal ganz schön den eigenen Lebensraum der Insulaner und der anderen Bewohner der Ostseeküste beschränken. Ihnen sollten zumindest die Strände kostenlos zur Verfügung stehen.“

Jahrespauschale wäre akzeptabel

Einige Unterstützer der Petition halten eine Rügenkurkarte ganzjährig für alle Seebäder und Kurorte für akzeptabel. „Ich finde wichtig, dass Einheimische die Möglichkeit haben, jederzeit die Schönheit ihrer Heimat zu genießen, ohne möglicherweise mehrmals am Tag zur Kasse gebeten zu werden, nur weil sie mal den Ort gewechselt haben. Wenn Kurtaxe für Rüganer, dann bitte eine Jahrespauschale, die für die ganze Insel gilt“, schlägt ein Kommentator vor.

Petitions-Initiatorin Kirsten Hagemann ist über die große Resonanz überrascht und erfreut. „Innerhalb des ersten Tages wurden schon knapp 2000 Unterschriften gesammelt und von den Unterstützenden gaben über die Hälfe an, direkt betroffen zu sein“, so Rita Schuhmacher von „openPetition“. Auffällig sei auch die hohe Anzahl an Kommentaren. „Das zeigt deutlich, dass die Unterstützenden Redebedarf bei diesem Thema sehen“, so Schuhmacher. „OpenPetition“ unterstützt die Petenten dabei, ihre Petition zu erstellen, Unterschriften zu sammeln und die Petition beim entsprechenden Empfänger einzureichen.

Kurdirektor: „Wir sind der falsche Adressat“

„Wir sind aber der falsche Adressat“, erklärte Binz’ Kurdirektor Kai Gardeja auf der Sitzung des Betriebsausschusses Kurverwaltung am Montag und verwies Kirsten Hagemann, die extra zur Sitzung gekommen war, an die Landesregierung und auf das Kommunalabgabengesetz MV. „Wir folgen der Gesetzgebung“, so Gardeja. Die Kurabgabesatzung stehe dabei vor dem Wasserrecht.

Gemeint ist dabei das Wassergesetz MV, wonach jeder die Küstengewässer unentgeltlich zum Baden und zum Wasser- und Eissport benutzen und hierzu den Strand betreten darf. „Es geht nicht darum, das Wasser zu nutzen, sondern darum, dass man sich im Erhebungsgebiet aufhält“, betonte Gardeja. Und in diesem gelte die Kurabgabepflicht. Seit diesem Jahr werde in Binz konkret kontrolliert, früher habe man auf Ehrlichkeit vertraut. „Wir sind bemüht, keine Fehler zu machen. Wir können verklagt werden, wenn wir keine Tageskurkarte nehmen.“ Die Zeit sei vorbei, dass sich Binz ständig entschuldigen müsse, so Gardeja. Die Gemeinde Binz muss rund 450 000 Euro im Jahr zahlen, damit die Binzer Einwohner touristische Infrastruktur kostenfrei nutzen können. Die Aufwendungen für andere Rüganer könnten weder Binz noch die Binzer Urlaubsgäste mitfinanzieren.

Solidarisches Gemeinschaftsprinzip

Kleine Orte der Insel wären dazu nicht in der Lage, einen Anteil für ihre Einwohner bereitzustellen, befand Kirsten Hagemann. Das sieht der Binzer Kurchef anders. „Wenn sie es wollen, können sich auch kleine Gemeinden das leisten“, so der Kurdirektor und appellierte an das „solidarische Gemeinschaftsprinzip“. „Es ist die Infrastruktur einer Insel, wir müssen ein gemeinsames Tourismusverständnis entwickeln.“ Und, an Kirsten Hagemann gerichtet: „Ich finde es super, dass Sie hier sind, lassen Sie uns teilhaben an der Diskussion.“

Öffentliche Debatten anzustoßen sowie einen Dialog und eine Stellungnahme von Entscheidungsträgern einzufordern, dazu können Online-Petitionen gut beitragen, weiß Rita Schuhmacher. „Wir finden, nicht nur die Petenten verdienen eine Antwort, sondern jeder und jede, die das Anliegen unterstützen.“

Die von Andreas Henning fand Kirsten Hagemann befremdlich. Es könne sich doch jeder aussuchen, wo er wohnt und die Strände nutzen, wo keine Kurabgabe entrichtet werden muss, meinte das Ausschussmitglied.

Mehr zur Autorin gibt es hier.

Mehr zum Thema:

Kurkarten-Chaos auf Rügen stört den Inselfrieden

Kurtaxe für Tagesgäste: Die Zeit ist reif für ein neues Gesetz

„Die Kurtaxe muss auf den Prüfstand gestellt werden“

Beschwerden über Kurtaxe in MV reißen nicht ab

Von Gerit Herold

Verbandsversammlung wählte Bergener Bürgermeisterin an die Spitze / Klärschlammverbrennung nach Probebetrieb an Verband übergeben

15.08.2019
Rügen Bergen gestern & heute – Der Rugard Der Rugard in Bergen wurde eine Stätte der Ideologien

Der Rugard stand immer im Fokus für Veranstaltungen und Unterhaltung. Im Dritten Reich und in der DDR wurde das Naherholungsgebiet für politische Aktionen genutzt. Heute gibt es hier zahlreiche Freizeitangebote.

15.08.2019

Im März 1945 musste Anneliese Kollig ihre Heimat auf Wollin verlassen. Monate später wurden sie und ihr zweijähriger Wolfgang zurückgeschickt. Sohn und Enkel wandern noch einmal die Strecke.

15.08.2019