Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Rügen Die Weihnachtsfrau: Rüganerin beschenkt Menschen, denen es nicht so gut geht
Vorpommern Rügen

Rüganerin beschenkt Menschen, denen es nicht so gut geht

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:00 23.12.2021
Pröpstin Helga Ruch (l.) hatte Christiane Dittberner (m.) das Ansgarkreuz verliehen. Rechts Pastorin Christel Handt.
Pröpstin Helga Ruch (l.) hatte Christiane Dittberner (m.) das Ansgarkreuz verliehen. Rechts Pastorin Christel Handt. Quelle: Thomas Klee
Anzeige
Zirkow

Den Küchentisch füllen bunte Tüten und Einschlagtücher, Schleifenband, Schokoladenweihnachtsmänner und zwei große Päckchen. „Das sind die ersten. Morgen fange ich an, sie zu verteilen“, sagt Christiane Dittberner. Sie greift zu einem dunkelblauen Pullover, der auf einem Stapel mit anderen Geschenken liegt.

Sie wird auch ihn liebevoll verpacken und ins Pflegeheim nach Binz bringen. Die warme Bettwäsche daneben ist für eine Sellinerin gedacht. Immer dienstags und donnerstags startet Christiane Dittberner ihre Touren zu Menschen, die jeden Cent dreimal umdrehen müssen oder die allein sind. Die Zirkowerin nennt diese „Rundflüge“, bei denen sie von Einkaufsmärkten zur Verfügung gestellte Lebensmittel verteilt.

Christiane Dittberner packt Päckchen für Menschen, denen sie eine kleine Freude machen möchte. Quelle: Gerit Herold

Die meisten Männer, Frauen und Familien kennt sie schon lange. Bis sie vor zehn Jahren in Rente ging, war sie 15 Jahre als Gemeindesozialarbeiterin im Südosten der Insel Rügen tätig und hat dabei viele menschliche Tragödien gesehen: Armut, Verwahrlosung, Gewalt, Alkoholmissbrauch, Drogen, Krankheit und Tod.

Sie wischte Erbrochenes und Kothaufen auf

Als „ihre Jungs“ starben, hat sie sich um ihre Beerdigung gekümmert. „Ihre Jungs“, das waren ein paar Trinker, die nach dem politischen Umbruch abgerutscht waren, weil sie Job, Einkommen, Frau und Familie und schließlich die Wohnung verloren. Sie hausten in Bungalows am Weißen Steg in Sellin oder saßen vor dem Einkaufsmarkt.

„Es können nicht alle auf der guten Seite sitzen“, weiß Christiane Dittberner. Deshalb ging sie dahin, wo niemand hingehen wollte und packte an. „Ich war der Hausmeister der Jungs, ich passte dazu und konnte das ab.“

Unzählige Male wischte sie Erbrochenes und Kothaufen auf, beseitigte Müllberge, kaufte ein und hörte zu. Oft war es so schlimm, dass sie ihren erwachsenen Sohn Volker anrufen und um Hilfe bitten musste. Wie einmal, als sie einen riesigen Madenhaufen aus der Wohnung schippen mussten oder die Couch so schwer war, weil sie im Inneren wie eine Kloschüssel gefüllt war.

Ihr Antrieb? „Ich finde, dass man nicht so schlecht leben soll.“ Sie machte weiter, selbst als man ein Messer nach ihr schmiss. Später waren es mehr familiäre Probleme, mit denen sie konfrontiert wurde: alleinerziehende Mütter, Schulden durch Kredite, Drogenkonsum. Sie kümmerte sich um den Papierkram, begleitete die Leute zum Amt, besorgte Essen, Kleidung und Möbel oder spendete Geld. Das macht sie noch heute so.

„Wir haben genug, da kann ich auch großzügig sein.“

„Ich habe keine großen Ansprüche, wir haben genug, da kann ich auch großzügig sein. Ich gebe gern, verborge aber kein Geld. Ich habe nie eine Handtasche dabei“, sagt die 69-Jährige. Denn wer nicht zurückzahlen könne, komme nicht mehr mit seinen Sorgen und falle schließlich noch tiefer.

Früher hat sie sich immer als Weihnachtsmann verkleidet, wenn sie am 25. Dezember mit Geschenken, Entenkeule, Klößen und Kartoffelsalat zu ihren Schützlingen fuhr. Den Weißbärtigen mit Sack und Rute hat sie nur neulich noch einmal gemimt, als sie den Feuerwehrleuten aus dem Ort selbst gestrickte Hausschuhe brachte. „Ich wollte mal Danke sagen“, so Dittberner, die bevor sie Weihnachtsfrau wurde, lange Feuerwehrfrau in Zirkow war.

Stricknachmittag in Zirkow ins Leben gerufen

Auch in ihrem Dorf hat sie immer ein offenes Ohr für die Menschen. „Sie steht vielen mit praktischer Hilfe zur Seite. Auch wenn es Sorgen um den Friedhof gibt oder wenn jemand Hilfe bei der Vorbereitung einer Beerdigung benötigt“, weiß Pastorin Christel Handt.

Die Küsterin schmückt die Kirche mit Blumen, gestaltet den Kirchengemeindenachmittag einmal im Monat aus und hat einen Stricknachmittag ins Leben gerufen. Immer mittwochs treffen sich Frauen im Pfarrhaus und fertigen Socken und Hausschuhe an, deren Verkaufserlös dem Gotteshaus zugutekommt. „Bei den verschiedenen Bauabschnitten der Sanierung der Kirche und des Pfarrhauses hat Frau Dittberner die Schlüsselgewalt und ist die Ansprechpartnerin vor Ort“, so Christel Handt.

Ansgarkreuz

Das Ansgarkreuz – eine Brosche mit einem violetten Kreuz – ist die höchste Auszeichnung für ehrenamtliche Arbeit in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. Sie wird an Personen verliehen, die sich durch persönlichen und ehrenamtlichen Einsatz in der kirchlichen Arbeit ausgezeichnet haben. Die Verleihung geschieht in Gedenken an Ansgar von Bremen, einem Erzbischof aus dem 9. Jahrhundert, der in ganz Norddeutschland und Skandinavien gewirkt hat und als „Apostel des Nordens“ bezeichnet wird.

Für ihr Engagement hat die Küsterin das Ansgarkreuz verliehen bekommen – die höchste Auszeichnung für ehrenamtliche Arbeit in der evangelisch-lutherischen Kirche in Norddeutschland. Diese hatte ihr Pröpstin Helga Ruch beim Erntedank-Gottesdienst überreicht.

„Ich war so überrascht, dass ich gar nicht sprechen konnte“, erinnert sich die Geehrte an diesen Moment.

Vor 50 Jahren ihrem Mann in sein Heimatdorf gefolgt

Küsterin ist die Zirkowerin eher zufällig geworden. Weil sie genau gegenüber von Pfarrhaus und Kirche wohnt, habe sich das vor gut 30 Jahren so ergeben. Vor 50 Jahren war die aus dem mecklenburgischen Karow stammende Christiane Dittberner ihrem Mann Eberhard in sein rügensches Heimatdorf gefolgt.

Sie hatten sich in Wismar kennengelernt, wo er seine Armeezeit verbrachte. Die gelernte Papiermacherin, Jüngste von neun Geschwistern, ging dann in Dalkvitz in den Schweinestall. Später arbeitete sie im Ferienlager und im Kindergarten und zog die zwei Kinder groß. Heute haben sie und ihr Eberhard, der gerade 75 geworden ist, noch zwei Enkelkinder und ein Urenkelkind.

Vor allem auch für sie kämpft sie seit Monaten gegen eine schwere Krankheit. Der trotzt sie auf ihre Art. „Ich hatte ein Gespräch mit dem lieben Gott. Wir beide sind noch nicht fertig“, sagt Christiane Dittberner. Dann packt sie das nächste Geschenk ein. Vor der Tür sind ihr Mann und ein Bekannter gerade dabei, den Tannenbaum aus ihrem Garten rüber zur Kirche zu tragen.

Von Gerit Herold