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Rügen Mindestens drei Abbrüche an Wissower Klinken
Vorpommern Rügen Mindestens drei Abbrüche an Wissower Klinken
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06:35 19.02.2019
Die Wissower Klinken in ihrer ganzen vergangenen Pracht: Bei mehreren Küstenabbrüchen stürzten die markanten Kreidezinnen auf Rügen im Februar 2005 an den Strand. Quelle: Silvestris/Rosing
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Sassnitz

Es hat gerumst, soviel ist sicher: Als am späten Nachmittag des 23. Februar 2005 Zehntausende Kubikmeter Kreide ins Meer vor Rügen stürzten, wurden die Erschütterungen von einem auf der Insel stationierten Seismographen aufgezeichnet. Zwei größere Abbrüche habe es an den Wissower Klinken innerhalb von zehn Minuten gegeben, sagte Dr. Michael Dietze vergangene Woche in einem Vortrag in Sassnitz (die OZ berichtete). Und ganz sicher noch mindestens einen weiteren, ergänzt Manfred Kutscher. Der Sassnitzer war seinerzeit stellvertretender Leiter der Nationalparkverwaltung auf Jasmund und am 24. Februar jenes Jahres vor Ort. Als der von ihm prognostizierte Abbruch entdeckt wurde, habe ein Teil der markanten Küstenformation mit den Kreidezacken noch gestanden. Dieser Teil der Zinnen lag erst am 25. Februar 2005 am Strand. „Es muss also wenigstens noch einen dritten größeren Abbruch gegeben haben“, schlussfolgert Kutscher. Auch danach seien immer noch kleinere Mengen dieses Kreidefelsens abgerutscht.

Markante Zinnen erst durch Erosion entstanden

Letzteres deckt sich mit Erkenntnissen, zu denen Dietze nach fast zweijähriger Untersuchung der Rügener Kreideküste gelangt ist: In der Regel folgen einem Abbruch innerhalb kürzester Zeit zahlreiche weitere. So verschwand nur wenige Tage nach den Wissower Klinken am 5. März ein weiteres Stück des Hochufers in diesem Bereich, auf dem zuvor noch Sitzbänke gestanden hatten.

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Manfred Kutscher war früher stellvertretender Leiter der Nationalparkverwaltung auf Jasmund. Quelle: Trettin Maik

Die Veränderung, der die Kreideküste Jasmunds unterworfen ist, wird an dieser Stelle besonders deutlich. Die markante Kreidewand mit der gezackten Krone gab es noch gar nicht so lange. „Die Wissower Klinken, wie wir sie kennen und in Erinnerung haben, waren lange Zeit von anderen Schichten bedeckt und dadurch touristisch völlig unattraktiv“, sagt Manfred Kutscher. Mergel und Sand umgaben einst die Felsformation von mehreren Seiten. Durch Erosion wurden die Kreidewände vermutlich zwischen 1860 und 1880 zu freistehenden Gebilden. Eine der frühen Ansichtskarten, die es von Rügen gab, zeigt eine Zinne der Wissower Klinken mit einer „Haube“ aus Buschwerk und Baumbewuchs. Auch diese obere Mergelkappe verschwand wenig später und die einem Felsgrat gleichende Formation entstand.

Caspar David Friedrich kannte die Großen Wissower Klinken nicht

Ein ähnlicher geologischer Prozess hatte sich geraume Zeit zuvor offenbar 120 Meter südlich von dieser Stelle entfernt ereignet. Dort waren – vermutlich auf die gleiche Weise – die ersten „Wissower Klinken“ entstanden. Die ebenfalls scharfkantige Kreideformation trug später zur Unterscheidung den Namen „Kleine Wissower Klinken“ und war viel früher in den Karten der Jasmunder Küste verzeichnet. Ihre Überreste brachen um 1975 ab.

Nicht zuletzt durch den Maler Caspar David Friedrich und seine Skizzen und Gemälde zu den Kreidefelsen auf Rügen sind die Wissower Klinken zu der neben dem Königsstuhl berühmtesten Formation der Rügener Kreideküste avanciert. Ein Missverständnis, wie Manfred Kutscher nicht müde wird zu beteuern. „Zur Zeit von Caspar David Friedrich waren die uns jahrzehntelang bekannten Zinnen noch von anderen Schichten bedeckt und mit Pflanzen bewachsen.“ Wenn der Maler dort gewesen wäre, hätte er direkt auf den späteren Klinken gestanden und an der Stelle eine Kreideküste wie andernorts auch vorgefunden. Manfred Kutscher ist sich sicher, dass die Küstenpartie, die Friedrich seinerzeit fasziniert und inspiriert hatte, die Kleine Stubbenkammer war. Darauf deute auch ein ähnliches Motiv eines Stahlstichs von Friedrichs Zeitgenossen Rosmäsler. Dieses Werk trägt den Titel „Kleine Stubbenkammer“.

Maik Trettin