Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Rügen Rügen: Wie Madlen (43) den Weg aus der Langzeitarbeitslosigkeit schaffte
Vorpommern Rügen

Rügen: Wie Madlen (43) den Weg aus der Langzeitarbeitslosigkeit schaffte

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:44 07.11.2021
Sabine Schäfer (l.) sitzt mit Madlen am Rechner und sehen sich die neuesten Stellenanzeigen an.
Sabine Schäfer (l.) sitzt mit Madlen am Rechner und sehen sich die neuesten Stellenanzeigen an. Quelle: Mathias Otto
Anzeige
Bergen

Madlen G. ist happy. Die 43-Jährige aus Bergen hat einen Job, und zwar unbefristet. „Das war auch mein großer Wunsch, so etwas hatte ich vorher noch nie“, sagt sie. Dass sie in einem Supermarkt an der Kasse arbeitet und dort auch im Lebensmittelbereich, hat sie Sabine Schäfer, Jobcoach bei der Bildungs- und Beschäftigungsgesellschaft Rügen mbH (BBR), zu verdanken. Und dass sie durch ihren eisernen Willen den Weg aus dem Tal geschafft hat. Viele ihrer Bekannten wissen gar nicht, was für eine schwere Zeit hinter der Frau liegt, deshalb möchte sie nicht mit komplettem Namen in der OZ erscheinen.

Wie kam es dazu, dass sie in dieses Loch fiel? Wie erging es der Frau, wenn Mahnungen und Pfändungsbescheide im Briefkasten liegen? Wodurch wurde die Kehrtwende eingeleitet? Die gelernte Verkäuferin hatte auf Rügen immer in der Saison gearbeitet, mal in der Textilreinigung im Verkauf, bei Juwelieren oder auch mal in einer Fleischabteilung. Im Winter war sie immer arbeitslos und startete im Frühjahr wieder voll durch. In ihrer Freizeit nähte sie gerne und war Mitglied in einer AG. Hier kam sie mit einer damals befreundeten Frau auf die Idee, sich selbstständig zu machen.

Eines nach dem anderen fiel weg

Drei Jahre lang verkauften sie ihre genähten Sachen an einem Stand auf der Strandpromenade in Binz. „Die Miete war schon heftig, dazu noch Strom und die Kurtaxe. Aber es hatte sich gelohnt. Hier kamen viele Leute vorbei“, sagt sie. Dann gab es einen Bruch mit ihrer Kollegin. Sie sprachen sich nie aus, gingen getrennter Wege. „Das war das Ende der Selbstständigkeit. Zum Transportieren der vielen Kartons benötigt man ein Auto. Ich hatte aber kein Auto“, sagt sie. Im gleichen Jahr starb ihre Oma, ein wichtiger Anker für sie in ihrem Leben, kurz darauf zog ihr Sohn aus.

„Das war die größte Hürde für mich. Ab diesem Zeitpunkt war es ganz aus mit mir. Ich war richtig depressiv. Ich habe gar keinen Sinn mehr im Leben gesehen. Das war die schlimmste Phase in meinem Leben“, sagt Madlen, die mit ansah, dass ihr sozialer Umkreis immer kleiner wurde. „Ich habe mich ja auch nicht mehr darum gekümmert.“ Zur Handarbeits-AG wollte sie nicht zurückkehren, weil sie ihrer ehemaligen Freundin nicht über den Weg laufen wollte. In einem Chor war sie auch sehr aktiv, kehrte diesem auch den Rücken. „So fiel eines nach dem anderen weg, was mein Leben gefestigt hatte.“

Lebenssituation stabilisieren

Wenn sie sich erinnert, ging sie ohne Ziel in den Tag, überlegte selbst beim Einkaufen, ob sie diesen verschieben könne, um nicht vor die Tür gehen zu müssen. „Meine Wohnung war meine Festung“, sagt die 43-Jährige. Der Tiefpunkt war erreicht. Sie bekam Post vom Arbeitsamt. „Dort stand, wenn ich mich nicht um Termine kümmere, bekomme ich kein Geld mehr. Dann bin ich aufgewacht.“ Zuvor hatte sie fast ein halbes Jahr alle Schreiben ignoriert und demnach keinen Überblick über das, „was ich gerade praktiziere“.

Der Vermittler vom Arbeitsamt erkannte auch schnell, dass sie professionelle Hilfe benötigt, um auf den Arbeitsmarkt wieder Fuß fassen zu können. Er vermittelte sie zur BBR. Genauer gesagt zu Sabine Schäfer. Sie kannte Madlen aus der Handarbeits-AG. „Sie war erleichtert, dass sie mich kannte. Denn hier gelangt man an einen Punkt, an dem man sich einer fremden Person offenbaren muss“, sagt sie. Zum Angebot der BBR gehört unter anderem die Analyse der beruflichen Situation, eine individuelle bedarfsorientierte Beratung, aber auch die Stabilisation der Lebenssituation.

Ihr Newsletter von Deutschlands größter Insel

Alle News und Tipps der Woche von der Insel Rügen im Überblick. Jede Woche Freitag gegen 18 Uhr als E-Mail in Ihrem Postfach.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Dieser Bereich hatte Priorität. Denn mittlerweile gab es sogar Sperrungen, weil sie etwa drei Monate lang keinen Strom mehr zahlte. Auf einmal wurden durch Mahnungen bis hin zum Gerichtsverfahren aus 130 gleich 600 Euro Schulden. „Ich habe angefangen, alles in kleinen Raten zu tilgen. Das war so schlimm, zumindest am Anfang, dass ich kein Geld mehr hatte, um einkaufen gehen zu können“, sagt Madlen G. Das ging so weit, dass sie sich plötzlich bei der Tafel wiederfand und dort ihre Lebensmittel abholte. „Ich wusste bis dahin nicht, dass es sie gibt. An meinem ersten Tag habe sogar Blumen bekommen, ich bin vor Rührung in Tränen ausgebrochen.“

Drei Monate lang nachbetreut

„Wir haben ihre Bewerbungsunterlagen neu erstellt. Dazu gehörte auch eine wöchentliche Recherche der Jobangebote. Als nach dem Lockdown der Kontakt wieder möglich war, haben wir viele Bewerbungen geschrieben“, sagt Sabine Schäfer. Auch wenn durch anschließende Bewerbungsgespräche Rückschläge kamen, gab Madlen G. nicht auf. „Dass die Rückschläge kommen werden, darauf muss man sich einstellen. Wir haben uns intensiv darauf eingestellt.“

Jetzt sei es wichtig, auch das gehört zum Angebot der BBR, dass sie drei Monate lang nachbetreut wird. Madlen hatte Glück und fing Mitte Oktober an zu arbeiten, die meisten aber zum Anfang eines Monats. „Dann wird gleich das Geld gestrichen. Und in den meisten Fällen gibt es den Lohn nur rückwirkend. Also müssen wir gemeinsam Formulare ausfüllen und Überbrückungsgelder beantragen“, so Sabine Schäfer. Die Nachkontrolle sei aber auch wichtig, um Mut zu machen und zu motivieren. „Bei Madlen bin ich aber sicher, dass sie es packen wird. Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, der so sparsam, ehrlich und zielgerichtet ist.“

Von Mathias Otto