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Rügen Rügener Milchbauern erhielten Zuspruch für Brief an Vorstand
Vorpommern Rügen Rügener Milchbauern erhielten Zuspruch für Brief an Vorstand
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05:16 23.06.2018
Die Molkerei in Bergen auf Rügen soll 2019 geschlossen werden. In der Firma wird seit mehr als 60 Jahren Ost-Traditionsmarke „Rügener Badejunge“ hergestellt. Die Camembert-Produktion wird nach Thüringen verlagert.
Die Molkerei in Bergen auf Rügen soll 2019 geschlossen werden. In der Firma wird seit mehr als 60 Jahren Ost-Traditionsmarke „Rügener Badejunge“ hergestellt. Die Camembert-Produktion wird nach Thüringen verlagert. Quelle: Norbert Fellechner
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Bergen

Etwa 400 Mal haben Rügens Milchbauern ihren offenen Brief verschickt. Mehrere Stunden brachten Jochen Vömel aus Parchtitz und mehrere seiner Berufskollegen damit zu, das Papier übers Fax zu jagen. Nicht nur innerhalb von Mecklenburg-Vorpommern, auch nach Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Brandenburg, Hessen und Thüringen ging der Brief. Die Rüganer kritisieren darin den „unverantwortlichen Umgang mit genossenschaftlichem Vermögen“ bei der für 2019 geplanten Schließung der Milchkontor-Molkerei in Bergen, in der seit mehr als 60 Jahren der Kultkäse „Rügener Badejunge“ hergestellt wird .

Derzeit sinkt bei Deutschlands größtem Molkereikonzern wieder der Milchpreis – auf 32 Cent, fünf Cent unter dem Durchschnittspreis des Vorjahres. „Vor diesem Hintergrund darf man nicht zusehen, wie Vermögen der Mitglieder verschleudert wird“, meint Landwirt Vömel.

Adressaten des offenen Briefes waren Vorstand und Aufsichtsrat des Deutschen Milchkontors (DMK), Politiker, Mitglieder der Vertreterversammlung, außerdem die ehrenamtlichen Beiräte der Genossenschaft. „Wir haben viel Resonanz bekommen“, sagt Vömel, der den Brief im Namen von rund 20 Rügener Milcherzeugern zusammen mit Jürgen Habbe (Dumsewitz), Uwe Meerkötter (Siggermow) und Johann Trophoff-Kaup (Neklade) unterschrieben hatte. Da der Konzern es bisher ablehnt, die Immobilie samt Technik an einen Interessenten aus der Milchwirtschaft zu verkaufen, entstehe der Genossenschaft „ein enormer finanzieller Schaden“, meinen die Landwirte. Eine kleine Molkerei mit Camembert-Produktion sei „in keinster Weise eine Konkurrenz“ für den Milchriesen mit derzeit 23 Standorten. Auf rund sieben Millionen Euro hatte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten die Kosten für Stilllegung, Abriss und Abfindungen geschätzt.

Die Rügener Milchbauern sind selbst Genossenschaftsmitglieder, haben ihre Mitgliedschaft aber zu Ende Dezember 2018 gekündigt. In ihrem Schreiben wandten sie sich direkt an die demokratischen Gremien der Genossenschaft. „Bitte überdenken Sie Ihre Entscheidung“, hieß es in dem Brief. Ob sie dies tun, damit halten sich Vertreter aus Mecklenburg-Vorpommern auffallend zurück. Marion Dorn aus Wolde (Seenplatte) und Phillipp Kowolik aus Hohendorf (Vorpommern-Greifswald) verweisen auf die Pressestelle in Bremen. „Die geben Auskunft, wir möchten uns nicht äußern“, meinen beide. Marion Dorn sagt immerhin so viel: „Der Betrieb sollte meistbietend verkauft werden.“ Das meint auch Thomas Kröchert aus Daberkow. „Man sollte so verkaufen, dass am DMK die wenigsten Kosten hängen bleiben.“

Vorpommern-Staatssekretär Patrick Dahlemann (SPD) stellt sich hinter die Bauern. Die Molkerei habe in der Region „große Bedeutung, mit Blick auf Arbeitsplätze und Wertschöpfung“. Deshalb sei „jeder Rettungsversuch zu begrüßen“. DMK-Sprecher Oliver Bartels betont, dass der Milchriese „offen für die Weiternutzung des Standortes Bergen“ sei – jedoch nur durch einen Investor aus einem nicht-milchwirtschaftlichen Bereich. In Bad Bibra (Sachsen-Anhalt) zum Beispiel sei für das ebenfalls auf der Streichliste stehende Milchwerk bereits ein branchenfremder Käufer gefunden worden. Offiziell dementiert das DMK die von der Gewerkschaft NGG in die Öffentlichkeit getragenen Kosten. „Die zu kalkulierenden Kosten für die Schließung der Molkerei liegen im niedrigen einstelligen Millionenbereich“, heißt es aus der DMK-Pressestelle. Auf der jüngsten Vertreterversammlung in Altentreptow habe ein DMK-Manager jedoch die Zahlen weitgehend bestätigt. „Vier Millionen Euro sind für Abfindungen geplant, 2,5 Millionen als Stilllegungskosten, außerdem 1,5 Millionen für den Abriss“, berichtet ein Augenzeuge. Gegengerechnet würde der Erlös aus dem Verkauf von Technik und Grundstück.

Das Schweriner Wirtschaftsministerium sei „offen für jeden Investor, der auf Rügen Arbeitsplätze schafft oder erhält – egal aus welcher Branche“, sagt Sprecher Gunnar Bauer. Im Agrarministerium schweigt man dazu lieber. Hinter den Kulissen wird ein „Deal mit dem DMK“ vermutet: Vielleicht sei es wichtiger, die Groß-Molkereien in Dargun und Waren zu erhalten und dafür die Schließung der kleinen Insel-Molkerei zu tolerieren. Bergens Bürgermeisterin Anja Ratzke (parteilos) ist es aber gelungen, die Abwicklung des Milchwerkes vorerst zu stoppen: Sie ließ Gebäude samt Produktionstechnik auf die Denkmalliste setzen: „Die Molkerei ist seit 65 Jahren ein Teil der Stadtgeschichte. Wir sollten Jubiläum feiern statt abzuwickeln.“

Ehlers Elke

23.06.2018
23.06.2018
23.06.2018