Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Rügen Wie Sassnitz tickt: Künstler befragen Einwohner zum Ende der Fischerei und zu Nord Stream 2
Vorpommern Rügen

Sassnitz: Künstler befragen Einwohner zu Fischerei und Nord Stream 2

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:03 28.10.2021
Sven Johne (li.) und Sebastian Orlac im Sassnitzer Stadthafen. Der war einst ein wichtiges Zentrum der Fischerei. Welche Wunden das Ende dieses Industriezweigs in einer Gesellschaft hinterlässt, ist eine der Fragen, der die beiden Künstler in ihrem Projekt nachgehen.
Sven Johne (li.) und Sebastian Orlac im Sassnitzer Stadthafen. Der war einst ein wichtiges Zentrum der Fischerei. Welche Wunden das Ende dieses Industriezweigs in einer Gesellschaft hinterlässt, ist eine der Fragen, der die beiden Künstler in ihrem Projekt nachgehen. Quelle: Maik Trettin
Anzeige
Sassnitz

Sassnitz. Wie „ticken“ die Sassnitzer? Zwei Künstler befassen sich seit Beginn des Monats mit dieser Frage. Sven Johne und Sebastian Orlac haben dazu dutzende Menschen aus der Hafenstadt befragt. Die Berliner führten Interviews mit Politikern, Vertretern der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens ebenso wie mit „Otto Normalverbraucher“, der in Sassnitz lebt und arbeitet. Sie wollen die Ergebnisse in eine künstlerische Arbeit fließen lassen. „Das kann ein Film sein oder ein Buch oder etwas ähnliches“, sagt der Autor Sebastian Orlac. „Auf die Form haben wir uns im Vorfeld nicht festgelegt.“ Möglicherweise werde es eine Text-Foto-Arbeit.

Auf jeden Fall soll das Werk die Risse deutlich machen, die auch – oder gerade – im Zusammenleben der Sassnitzer erkennbar sind. Sebastian Orlac kommt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet und ist heute in Berlin und auf Rügen zu Hause. Sven Johne stammt von der Insel, ist in Sassnitz aufgewachsen und hat bis 1987 hier gelebt. Seit Jahren beschäftigt er sich mit den Umbrüchen, die seit 1990 im Osten Deutschlands stattgefunden haben. „Mich interessieren die Unterschiede zwischen arm und reich, zwischen Ost- und Westdeutschen, zwischen liberal und illiberal, aber auch zwischen den Bewohnern von Stadt und Land.“ Letzteres zum Beispiel lasse sich in Sassnitz gut studieren, weil hier unter anderem durch die Tourismuswirtschaft ein städtisch geprägtes Publikum auf ein ländliches treffe.

Ihr Newsletter von Deutschlands größter Insel

Alle News und Tipps der Woche von der Insel Rügen im Überblick. Jede Woche Freitag gegen 18 Uhr als E-Mail in Ihrem Postfach.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Künstler ist gebürtiger Insulaner

Mit der Deutschen Einheit haben sich viele Risse aufgetan, vorwiegend im Osten Deutschlands. Sven Johne verarbeitet sie seit Jahren künstlerisch. Viele Collagen, Fotos oder Filme hat er dazu gemacht; einige seiner Beiträge sind in Museen, Filme auch in der ARD oder im Internet zu sehen. Dass sich Sven Johne für sein neues Kunstprojekt ausgerechnet die Rügener Hafenstadt ausgesucht hat, liegt natürlich zum Teil in seinen familiären Wurzeln begründet. „Hier zu arbeiten und die Situation zu beleuchten, ist für mich seit Langem ein Herzenswunsch.“ Als gebürtiger Insulaner habe er in den Gesprächen einen spürbar leichteren Zugang zu den einheimischen Interviewpartnern.

Sassnitz teilt sein Schicksal mit anderen Städten

Doch es gibt auch objektive Gründe. Einer davon findet sich in der Sassnitzer Geschichte: Die Stadt wurde nicht zuletzt durch die Fischerei und die Fischverarbeitung zu DDR-Zeiten ein wichtiger Industriestandort der Region. Der mit der Wiedervereinigung fast überall im Osten Deutschlands einsetzende Niedergang vieler Industriezweige habe die Hafenstadt besonders betroffen. „Sassnitz hat tiefere Wunden als manch andere Stadt davongetragen“, sagt Sven Johne. Sehr gut sei das unter anderem in der gerade zu Ende gegangenen Ausstellung „Im Netz der Zeit“ im Alten Kühlhaus dokumentiert gewesen.

Allerdings: Diese Entwicklung ist nicht ungewöhnlich. „Es gibt viele andere Städte und Regionen in Europa, in denen sich die Geschichten ähneln.“ So werde – auch durch die Kunst – das Individuelle zum Typischen.

Besondere Besitzverhältnisse auf Rügen

Und doch ist einiges in Sassnitz anders und macht die Stadt für die Künstler besonders spannend. „Die Besitzverhältnisse auf Rügen sind im Vergleich zu anderen Regionen ziemlich speziell“, sagt Sven Johne und erinnert an die Nachfrage nach Ferienimmobilien. Zum anderen haben er und sein Kollege Sebastian Orlac in ihrer vom Energiekonzern E.on finanzierten „künstlerischen Feldforschung“ auch die Risse ausgemacht, die durch den Streit um die Erdgasleitung Nord Stream 2 sichtbar wurden. Dazu gebe es auch unter den Sassnitzern durchaus gegenteilige Meinungen.

Von Maik Trettin