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Rügen Schule Prora: Kartusche der Grundsteinlegung von 1972 entdeckt
Vorpommern Rügen Schule Prora: Kartusche der Grundsteinlegung von 1972 entdeckt
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07:53 30.05.2019
Bautechniker Jan Zielinski leert die Kartusche. Bürgermeister Karsten Schneider, Heinrich Gesch und Horst Harrfeldt betrachten die Geldstücke und Abzeichen (v.l.). Quelle: Gerit Herold
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Prora.

Die Zeitkapsel voller Erinnerungen ist geöffnet. Fast auf den Tag genau nach 47 Jahren war die Kartusche gefunden worden, die am 19. Mai 1972 bei der feierlichen Grundsteinlegung des Schulneubaus versenkt wurde. Im Beisein ehemaliger Lehrer, Schüler, Eltern sowie Interessierter wird die Dokumentenhülse in der Binzer Gemeindeverwaltung aufgemacht. Diesen spannenden Moment lässt sich auch der frühere stellvertretende Schulleiter Heinrich Gesch nicht nehmen, der als Zeitzeuge maßgeblich dazu beitrug, dass der historische Behälter überhaupt aufgespürt werden konnte. „Ich wusste ungefähr, wo er sein könnte“, sagt der 85-Jährige aus Prora.

Bevölkerung half beim Schul-Aufbau

Bautechniker Jan Zielinski und Hausmeister Hartmut Eichner brauchen einige Zeit, um das Behältnis aufzubrechen. Es ist eine Granathülse. Neben Zwei- und 20-Mark-Stücken kommen Pionierabzeichen, Abzeichen „Für gutes Wissen“, Lehrpläne für Musik, Sport und Mathe, die Zeitung Neues Deutschlands und die Zeitschrift Horizont sowie Schreiben über Schulentwicklung und Verpflichtungserklärungen der Lehrer und Erzieher zum Vorschein. Auch die OSTSEE-ZEITUNG vom 19. Mai 1972, die die Grundsteinlegung ankündigt, welche der Kommandeur der Unteroffiziersschule Prora vornimmt. Das Ministerium für Nationale Verteidigung hatte dem Bezirk Rostock die Finanzmittel für den Schulneubau vorgeschossen. In freiwilligen Arbeitseinsätzen, unterstützt durch Technik der NVA in Prora, war bereits durch die Bevölkerung ein Wert von 54000 Mark erarbeitet worden. In der Polytechnischen Oberschule „Egon Schulz“ lernten vor allem Kinder von NVA-Angehörigen.

Kinder lernten vorher in alten Baracken

Der Elternbeirat hatte maßgeblichen Anteil, dass die dringend benötigte Schule Wirklichkeit wird. Vorher waren die Kinder in zwei alten Holzbaracken aus Kriegszeiten untergebracht, die dunkel, schlecht beheizt und wenig geräuschdämmend waren. Die 260 Kinder hatten nur vier Toiletten. „Wald- und Wiesenschule“ wurde sie von den einen genannt, „grüne Hölle“ von den anderen.

An ihre Schulzeit erinnert sich Katrin Branke gut. „In der alten Schule haben wir gelitten. Die neue war hell, freundlich, modern. Erst hatten wir kältefrei, dann hitzefrei“, lacht die 57-Jährige. Als sehr gute Schülerin ergattert sie einen von sieben Studienplätzen der Afghanistik an der Humboldt-Uni. Heute lebt sie in Schweden und unterrichtet die Landessprache. Ihr Vater Ernst Schulz hatte für die neue Schule gekämpft, deren Leitung er dann übernahm. „Es war sein Traum, er wäre heute gerne dabei, musste aber ins Krankenhaus“, bedauert Branke. Mutter Helly (87), viele Jahre in Prora Lehrerin, ist mitgekommen. „Es war eine wunderschöne Zeit“, meint Horst Harrfeldt (89), damals Elternbeiratsvorsitzender. Steven Lowitsch (57) erinnert sich gern an die vielen Erfolge der Schule bei Sportwettkämpfen. „Wir haben in der großen Turnhalle der Armee trainiert“, so einstige 100-Meter-Sprinter.

Neugierig lauschen auch Bürgermeister Karsten Schneider, selbst Gymnasiallehrer, und Bauamtsleiterin Romy Guruz den Anekdoten. Die Gemeinde hat zu diesem ungewöhnlichen Treffen eingeladen. „Wir haben auch eine PDF mit den Zeitungen und Briefen aus der Kartusche gefertigt. Wir senden es allen Interessierten zu“, so Guruz.

Gelände wird Teil eines Wohnparks

Das beräumte Gelände der alten Schule soll einmal Teil eines aufgelockerten und grünen Wohnparks werden. Das Interessenbekundungsverfahren aus dem Jahre 2016 ist noch nicht abgeschlossen, fünf Investoren haben bereits ihre Ideen im Bauausschuss vorgestellt, so Guruz. Übergangshalber wird demnächst auf den Aral ein Parkplatz eingerichtet.

Seit Jahren ist die Gemeinde damit beschäftigt, den Bereich zu entwickeln. Zuerst plante sie, auf dem 13000 Quadratmeter großen Gebiet eine „Gartenhofsiedlung“ mit Reihenhäusern und Eigenheimen zu bauen. Aber die Nachfrage war mau. Dann erwarb ein Stuttgarter das gemeindliche Grundstück für 700000 Euro, der zwei Wohnhäuser für altersgerechtes Wohnen sowie Eigenheime errichten wollte. Doch der Kaufvertrag wurde rückabgewickelt, weil der Investor nicht zahlte. Zuletzt hatte der Binzer Unternehmer Jürgen Breuer die Idee für einen 104 Meter hohen Wohnturm. Dafür bot er der Gemeinde 3,5 Millionen Euro für das Grundstück an. Die Einwohner sprachen sich schließlich per Bürgerentscheid dagegen aus. 2017 hatte die Gemeinde aus Gründen der Sicherungspflicht und zur besseren Vermarktung mit dem Schulabriss begonnen, der vom Landkreis gestoppt wurde. Zuerst sollten für Fledermäuse neue Quartiere beschafft werden.

Wandbild soll an DDR-Geschichte erinnern

Von der Schule übrig geblieben sind neben den Erinnerungen die 320 Fliesen des früheren Mosaik-Wandbildes „Wehrbereitschaft der Jugend“ des Künstlers Klaus Rößler. Diese hatte eine Initiative um den Historiker Dr. Stefan Stadtherr Wolter, der sich für den Erhalt von DDR-Geschichte in Prora einsetzt, vor zwei Jahren auf eigene Kosten abmontiert und eingelagert. Im Sommer soll es als Teil eines Erinnerungsortes in Prora wieder aufgebaut werden.

Gerit Herold

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