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Rügen Tagesmütter sauer:„Wir sind keine zuhausegebliebenen Muttis“
Vorpommern Rügen Tagesmütter sauer:„Wir sind keine zuhausegebliebenen Muttis“
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07:16 29.03.2018
Wilma (v.l.), Martha, Leni und Frida genießen die liebevolle Betreuung bei Tagesmutter Heike Zender in Kasnevitz
Wilma (v.l.), Martha, Leni und Frida genießen die liebevolle Betreuung bei Tagesmutter Heike Zender in Kasnevitz Quelle: Wenke Büssow-Krämer
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Putbus

Für April ist die erste Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht in Greifswald angesetzt. Dort wollen die Tagesmütter des Landkreises eine leistungsgerechte Entlohnung erkämpfen. Oftmals mehr als zehn Stunden hat der Arbeitstag einer Tagesmutter. „Dann haben wir nicht mal den Mindestlohn“, sagt Grit Krüger aus Lauterbach, die seit 19 Jahren als Tagesmutter im Einsatz ist. Denn laut Fördervereinbarung verpflichten sich Tagesmütter dazu, Ganztagesplätze – also eine Betreuung bis zu zehn Stunden am Tag – zu gewährleisten. Da sie meist allein arbeiten und nicht alle Kinder zur selben Zeit gebracht werden, wird der Tag jedoch oft länger.

499 Euro im Monat reichen nicht aus

Nachdem in den vergangenen fünf Jahren 456 Euro gezahlt wurden, bekommt eine Tagesmutter für ein Ganztagskind im Landkreis seit Jahresbeginn nun 499 Euro im Monat. „Dies ist aber nicht ausreichend“, betont Heike Zender, die in Kasnevitz Tagesmutter ist. Im Vergleich dazu verlangen die Kindertagesstätten der Umgebung für einen Vollzeitkrippenplatz zwischen 908 und 1016 Euro. Laut Heike Zender sind etwa 40 Prozent der Null- bis Dreijährigen der Stadt Putbus und den umliegenden Gemeinden in Betreuung bei einer Tagesmutter. Diese haben jedoch nicht das Recht, selbst mit der Kommune oder den Eltern in Verhandlung über ihre Kosten zu treten.

Knappe Kostenkalkulation

Die 499 Euro für einen Ganztagesplatz bei der Tagesmutter beinhaltet einen Sachkostenanteil von 100 Euro, der Rest ist der Beitrag zur Anerkennung der Förderleistung, also der Lohn der Tagesmutter. Der Sachkostenanteil soll alle Ausgaben wie Miete, Betriebskosten, Ausstattung, Reinigung oder Instandhaltung des Inventars decken. So sind dort zum Beispiel 33,60 Euro für die Miete eingeplant. Bei fünf Kindern kommen so 168 Euro zusammen. Damit sollen aber mindestens 35 Quadratmeter bezahlt werden. Das scheint kaum realisierbar, sollen diese Räumlichkeiten extra angemietet werden.

Investitionen aus eigener Tasche

Gerade aus diesem Grund betreuen die meisten Tagesmütter die Kinder im eigenen Haus. Befinden sich fünf Kinder in Obhut, kommen dann zehn Euro für Instandhalten, 25 Euro für Ersatzbeschaffungen zusammen. „Zu wenig, um davon dann auch mal einen neuen Sandkasten, Renovierungen der Zimmer, geschweige denn mal neue Bodenbeläge zu bezahlen“, erklärt Grit Krüger. „Ein vernünftiger Kinderstuhl kostet schon 50 Euro“, so Heike Zender. Das Budget der Sachkosten überziehen die Tagesmütter oft und investieren aus eigener Tasche. Wer dann nicht auf ein Polster durch ein geregeltes Familieneinkommen zurückgreifen kann – weil die Tagesmutter beispielsweise keinen gut verdienenden Mann an der Seite hat – gibt seinen liebgewonnenen Job sogar auf, wie die beiden Kolleginnen berichten. „Ich gehe davon aus, dass, wenn wir zehn Stunden zur Verfügung stehen müssen, dann auch das berechnet wird“, fordert Heike Zender.

Betreuung muss gewährleistet werden

„Nur wenn wir fünf Ganztagskinder haben, kommen wir knapp über den Mindestlohn.“ Besteht für die Kinder nur ein Anspruch auf einen Teilzeitplatz, weil zum Beispiel ein Elternteil arbeitslos wird oder die Mutter erneut in Elternzeit geht, bedeutet dies erhebliche Einschnitte für Tagesmütter. 170 Euro weniger werden dann gezahlt. „Auf so etwas haben wir aber keinen Einfluss. Auch hier muss politisch nachgebessert werden. Es kann nicht sein, dass wir dann die Leidtragenden sind“, meint Zender. Ein anderes Problem ist die Vertretungsregelung. Hier soll demnächst ein Programm erarbeitet werden, das klärt, wie bei Ausfall der Tagesmutter die Betreuung gewährleistet wird.Mindestens 100 Euro pro Ganztagskind mehr wollen die Tagesmütter sich nun erkämpfen, um in der Bezahlung nicht mehr als Schlusslicht in Mecklenburg-Vorpommern dazustehen. Kolleginnen in Rostock und Schwerin haben das schon erreicht. „Wir wünschen Gehör zu finden und leistungsgerecht bezahlt werden. Wir wollen nicht als zu Hause gebliebene Muttis gesehen werden, sondern als Berufsbild anerkannt sein“, sagt Heike Zender.

Wenke Büssow Krämer