Theater Rügen feiert 200. Geburtstag
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Rügen 200. Geburtstag: Buntes Programm zu Ehren des Rügener Theaters
Vorpommern Rügen

Theater Rügen feiert 200. Geburtstag

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07:00 27.10.2020
Am Tag der historischen Theater spielten Ulrike Mai und Lutz Gerlach Musik aus den vergangenen 200 Jahren. Quelle: Uwe Driest
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Putbus

Da trafen zwei schöne Anlässe unter allerdings weniger schönen Bedingungen zusammen. Das Theater der Insel Rügen gibt es seit 200 Jahren und weil die Geburtstagsfeier im Juli coronabedingt verschoben werden musste, wurde am Sonntag nachgefeiert. Jedes Jahr am 25. Oktober feiern altehrwürdige Kulturstätten in ganz Europa den „Tag der historischen Theater“.

In MV zählt dazu neben dem Schauspielhaus Neubrandenburg und dem Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin auch das Theater in Putbus. Das liegt zudem am – je nachdem, wie man will – Anfang oder Ende der „Europäischen Route historischer Theater“. An diesem Tag werden überall besondere Aufführungen, Vorträge und Führungen geboten.

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„Classic meets Jazz & Tradition trifft Moderne“

Putbus wartete mit einem musikalisch-literarischen Programm unter dem Motto „Classic meets Jazz & Tradition trifft Moderne“ auf. Ulrike Mai und Lutz Gerlach spielten Musik aus den vergangenen 200 Jahren. In einer Lesung stellte der Autor und Dramaturg Holger Teschke Texte aus der Literatur vor, in der das Theater Putbus vorkommt.

Teschke wurde in Bergen geboren, war erstmals im Alter von zwölf Jahren im damals noch in rot gehaltenen Theater und verfasste unter dem Titel „Ein Schauspielhaus zwischen Himmel und Meer“ bereits ein Buch zu dessen Geschichte. „Es sitzt sich gut auf neuen Stühlen, da kann man sich trotz Kunst zuhause fühlen“, reimte er am Sonntag. Alle Akteure des Abends waren indes voll des Lobes für „eines der schönsten, noch bespielten Theatern“, wie es der ausrichtende Verein sieht.

In einer Lesung stellte der Autor und Dramaturg Holger Teschke Texte aus der Literatur vor, in der das Theater Putbus vorkommt. Quelle: Uwe Driest

Der „Walkürenritt“ im Theater von Putbus

Auch Pianist Lutz Gerlach war nach den ersten Proben „frisch verliebt in die Akustik dieses außergewöhnlichen Hauses“. Gerlach gilt der Fachzeitschrift „PianoNews“ als „jazzbeeinflusster Romantiker“. Den wegen der Schutzmaßnahmen nur 75 zugelassenen Besuchern bot das Piano-Duo bearbeitete Versionen von Bachs „Jesus bleibet meine Freude" oder Vivaldis barockem „Frühling“. Den schrieb Gerlach kurzerhand auf einen Dreivierteltakt um und bot ihn gemeinsam mit Ulrike Mai vierhändig am Flügel und mit jazzigen Girlanden verziert.

Holger Teschke verfasste ein Buch über die Geschichte des Theaters Putbus. Quelle: Uwe Driest

Zwischendurch gewährte Holger Teschke immer wieder Einblicke in die wechselvolle Geschichte des Hauses durch mehrere Kriege und politische Systeme hindurch. So ließ er Bilder von der Eröffnung im Jahr 1820 entstehen, als das Publikum unter den Blicken des Apoll durch das marmorne Foyer flanierte und zählte namhafte Prominente auf, die als Gäste des Fürstenhauses das Theater entweder besucht oder darin gar gespielt haben. So Clara Schumann, die mit dem Pferdeschlitten den Strelasund überquerte oder der ihr verbundene Johannes Brahms, der 1876 nach Rügen gereist war. Auch dessen Walzer in h-Moll gaben Gerlach und Mai am Sonntag zum Besten. Und wurde auch in dem „kleinen, charmanten und intimen Theater“ noch nie eine Wagner-Oper aufgeführt, sollte sich auch das an diesem Abend ändern. Wohl nur für Eingeweihte erkennbar, komponierte Gerlach dabei aus den Tönen von Wagners Tristan-Akkord seinen „Walkürenritt“. Der Maler Lyonel Feininger machte sieben Mal Urlaub auf dem Mönchgut und beschäftigte sich ab 1921 auch mit der Komposition musikalischer Werke. Inspiriert von Feinigers Bild „Stiller Tag am Meer“ stellte Ulrike Mai die Register ihres E-Pianos auf eine alles durchdringende Kirchenorgel.

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Kleinod stand mehrfach vor dem Aus

Mehrfach in seiner Geschichte war das Theater in seiner Existenz bedroht. So lobte Teschke jenen Bergener Beamten, der 1882 den vom Fürsten angestrebten Umbau des Theaters zur Kirche verhinderte und verteidigte die „architekturhistorische Notlüge“, das Theater sei von dem berühmten preußischen Baumeister Karl Friedrich Schinkel erbaut worden. Derer hätten sich Liebhaber des Theaters nur bedient, um dringend benötigtes Geld von der Deutschen Notenbank der DDR zu ergattern. Mit Erfolg. Zur Neueröffnung des Theaters Anfang September 1953 habe die OSTSEE-ZEITUNG gelobt, während im Westen Theater schließen würden, weil es Geld nur für Kriegsgerät gebe, werde in Putbus „Minna von Barnhelm“ aufgeführt. Gleichwohl versiegte auch dieses Geld und 1992 retteten Restauratoren das Theater erneut vor dem endgültigen Verfall.

Darf das Schicksal des Theaters heute auch als gesichert gelten, ersparte Lutz Gerlach den Besuchern am Ende nicht einen Hinweis auf die wirtschaftliche Situation von Künstlern in Zeiten der Pandemie.„Es wird irgendwann eine Wirtschaftskrise geben und wenn es dann keine Kultur gibt, fallen wir mit Keulen übereinander her“, glaubt Gerlach. Seiner neuen CD gab er gleichwohl den zuversichtlichen Titel „Aufwärts“.

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Von Uwe Driest