Viele Teenager in MV kennen Impfung gegen Krebs nicht
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Rügen Greifswalder Ärztin: Viele Teenager in MV kennen Impfung gegen Krebs nicht
Vorpommern Rügen

Viele Teenager in MV kennen Impfung gegen Krebs nicht

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14:30 22.11.2020
Dr. Anja Winkler von der Abteilung für Gynäkologie der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Unimedizin Greifswald arbeitet mit einem Kolposkop – einer Art Mikroskop für gynäkologische Untersuchungen. Quelle: Unimedizin
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Greifswald

Humane Papillomviren (HPV) sind die häufigsten sexuell übertragenen Viren. Seit 13 Jahren existiert eine Impfung gegen mehrere HPV-bedingte Krebsarten. Das Robert Koch-Institut empfiehlt die HPV-Impfung für Mädchen und Jungen zwischen dem neunten und 14. Lebensjahr, also vor dem ersten Geschlechtsverkehr. Doch viele Eltern wissen noch immer nichts über die Folgen einer HPV-Erkrankung. Die OZ sprach mit Dr. Anja Winkler von der Abteilung für Gynäkologie der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Unimedizin Greifswald. Sie betreut die Dysplasie-Sprechstunde. Hier werden auffällige Befunde abgeklärt.

Stimmt es, dass 80 bis 90 Prozent aller Menschen im Laufe des Lebens eine HPV-Infektion durchmachen, ohne es zu spüren?

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Dr. Anja Winkler: Das ist zutreffend. Meist verläuft eine HPV-Infektion ohne Symptome, weil das Immunsystem die Erreger im Griff hat und meistens sogar ausschalten kann. Klappt dies jedoch nicht, entstehen anhaltende Infektionen, die Krebs hervorrufen können.

Bundesweit erkranken 4600 Frauen pro Jahr an Gebärmutterhalskrebs – ausgelöst durch HPV. Etwa 1500 Patientinnen sterben daran. Wie viele Frauen sind in MV betroffen?

Laut Krebsregister MV kam es allein 2018 zu 92 schweren Erkrankungen. Durch das Früherkennungsprogramm werden häufig bereits die Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs entdeckt und erfolgreich behandelt.

Warum lassen sich im Nordosten bislang nur etwa 52 Prozent der Mädchen und jungen Frauen impfen?

Es gibt mindestens zwei Gründe: Es fehlt noch immer an Information. Die Teenager gehen selten zu den J1-Untersuchungen, die für Jugendliche zwischen 12 und 14 Jahren angeboten werden. Dort wird auch über HPV aufgeklärt. Zudem sorgen sich manche Eltern um mögliche Impfschäden. Fakt ist, dass weltweit bislang weit mehr als 300 Milli0nen Impfdosen verabreicht wurden. Nur in seltenen Fällen kam es zu ungefährlichen Nebenwirkungen, etwa Hautrötungen. Diese sind ungefährlich, von kurzer Dauer und bilden sich komplett zurück. In puncto Aufklärung sind die Haus-, Kinder- und Jugendärzte, Gynäkologen sowie nicht zuletzt die Eltern gefordert.

Bei den Jungen sucht man einen solchen Impfschutz fast vergeblich. Ist HPV auch für Männer gefährlich?

Unter den HPV-Typen gibt es extrem aggressive Erreger. Diese verursachen unter anderem Mund- und Rachen-Tumoren sowie Penis- und Analkrebs.

Derzeit sind mehr als 200 HPV-Typen bekannt. Einige von ihnen verursachen Genitalwarzen. Sind diese Vorläufer einer Krebserkrankung?

Genitalwarzen treten sehr häufig auf. Sie sind keine Vorstufen von Krebserkrankungen, sollten aber umgehend beseitigt werden. Denn diese lästigen Hautanhängsel sind hochansteckend und werden unter anderem durch Geschlechtsverkehr verbreitet. Man kann sie operativ oder aber durch entsprechende Lösungen bzw. Cremes beseitigen.

Kann eine HPV-infizierte Mutter die Viren bei der Geburt auch auf ein neugeborenes Kind übertragen?

Das ist möglich. Bei einer vaginalen Geburt kommt das Neugeborene mit derartigen Erregern in Kontakt. Deshalb ist bei Risikofaktoren, etwa Genitalwarzen, eine Geburtsplanung mit einem erfahren Mediziner ratsam. Mitunter bleibt als Alternative dann nur der Kaiserschnitt.

Für Mädchen ist Impfung gegen HPV schon lange kostenfrei. Übernehmen die Krankenkassen bei den Jungen auch die Kosten?

Ja, die Kosten werden auch für Jungen übernommen.

Wie häufig muss eine Immunisierung erfolgen?

1,6 Millionen Schwedinnen untersucht

Eine HPV-Impfung schütztvor HPV-bedingtem Gebärmutterhalskrebs. Schwedische Wissenschaftler um Jiayao Lei vom Regional Cancer Center in Stockholm Gotland werteten das schwedische Gesundheits- und Bevölkerungsregister mit den Daten von mehr als 1,6 Millionen Mädchen und Frauen aus den Jahren 2006 bis 2017 aus.

Das Ergebnis:Von den 518 319 Frauen in der Auswertung, die vor dem 18. Geburtstag gegen HPV geimpft wurden, erkrankten nur 19 an einem Krebs des Gebärmutterhalses. Von den 528 347 Frauen der Auswertung ohne Impfung entwickelten dagegen 538 Frauen die Krebsart. Dies entspricht dem Dreißigfachen.

Empfohlen werden zwei Impfungen im Abstand von fünf Monaten. Bei über 15-Jährigen ist eine dritte Impfdosis ratsam. Mädchen sollten zudem trotz einer Impfung unbedingt die Angebote zur Krebsvorsorge nutzen, damit andere Erkrankungen nicht übersehen werden.

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Von Volker Penne