Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Rügen Vom Traditionshotel zum Flüchtlingsheim
Vorpommern Rügen Vom Traditionshotel zum Flüchtlingsheim
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:18 04.07.2019
Das Hotel Ratskeller im Jahr 1932. Quelle: Uwe Hinz
Anzeige
Bergen

Als der Hotelier Theodor Stange 1882 das „Hotel zum Ratskeller“ vom Vorbesitzer Emil Bley erwarb, veränderte er das Haus durch zeitgemäße Ein- und Umbauten, wie beispielsweise die vorgesetzte Holzveranda. Schließlich kamen zu jener Zeit zahlreiche Touristen nach Bergen, die den Wohlstand der Stadt förderten. Theodor Stange kam aus Kirchdorf i. M., wo er am 27. Februar 1853 geboren wurde. In einer Werbung wurde das Haus „als Hotel ersten Ranges“ angepriesen. Weiter hieß es dort: „Am Markt gelegen, neben der Post – ganz der Neuzeit entsprechend eingerichtet, hält sich den geehrten Herrschaften angelegentlichst empfohlen. Table d'hotel 1 Uhr -Speisen à la carte zu jeder Tageszeit. Hotelwagen zu jedem Zug am Bahnhof“. So warb Hotelier Stange 1894 für sein Haus und das mit Erfolg. Nach fast zwanzig Jahren Führung des Hotels ging er 1902 nach Greifswald. Zuvor hatte er das Hotel am 9. Mai 1901 an den 1871 in Rostock geborenen Ernst Magnus August Schult verkauft. Dieser kam wohl in wirtschaftliche Turbulenzen und so übernahmen Friedrich Orthmann und sein Schwiegersohn Gottlieb Festerling kurzzeitig die Geschicke des renommierten Hauses.

Der Zuschlag erfolgte am 21. Juni 1907. Bereits am 1. August des Jahres galt per Kaufvertrag Gustav Struck als neuer Eigentümer des Hotels. Der 1875 in Gingst geborene Gustav Struck wurde am 3. Dezember 1907 in das Grundbuch eingetragen. Er veränderte das Aussehen des Hotels und gab dem Ratskeller ein neues Gesicht. So beauftragte er die Bergener Steinmetzfirma „Rugia“ des Oswald Seifert mit dem Abriss der Holzveranda und dem Neubau eines aus Kunstsandstein bestehenden Vorbaus. Elektrizität gab es bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts in Bergen. Schon 1909 ließ Hotelier Struck eine moderne Zentralheizung in das Hotel einbauen. In den Jahren 1930 und 1931 bekam der Ratskeller ein neues Image. Hinter der Kunsteinveranda veränderte Struck das Aussehen des Hauses komplett. Es entstanden durch Aufstockung ein weiteres Geschoss und ein veränderter Dachaufbau mit mehren Gauben. Die Gastlichkeit wurde erhöht durch einen attraktiven „Speise- und Restaurationsraum“ und eine „Altdeutsche Bierstube“. Die Entwürfe gestaltete Baumeister Bruno Jasmund und die Ausführung lag in den Händen des Baumeisters Ernst Moeller. Die Gestaltung sollte der Zeit entsprechen und das Bild des Marktes aufwerten. Neu war in den Räumen eine zeitgemäße Hygiene und Sanitäranlage mit Kalt- und Warmwasser.

Anzeige

„Aktion Rose“ führte zu Enteignung

Was für die heutigen Menschen selbstverständlich ist, war zu der Zeit revolutionierend mit elektrischem Licht, fließendem Wasser und Toiletten mit Spülung. Die Malerarbeiten im Stil der Zeit führten die Malermeister Ewert und und Wolter aus. Für das nun runderneuerte Hotel erhielt Gustav Struck viel Anerkennung. Dabei soll nicht vergessen werden, dass seine Frau Antonie Struck, geborene Rüsch, ihm stets zur Seite stand und die Geschicke mit leitete. Die wirtschaftliche Krise der 20-er Jahre war in Handwerk und Handel sehr spürbar und so förderte Gustav Struck mit seinem Vorhaben das wirtschaftlich angeschlagene Handwerk durch seine Aufträge. Am 1. August 1932 feierten Gustav Struck und Ehefrau Antonie mit einer Jubelfeier das Bestehen und die Jahrhunderte gelebte Historie des „Ratskellers“. Drei Kinder, der 1907 geborene Sohn Heinz und die im Oktober 1909 geborenen Zwillingsschwestern Irene und Gerda, begingen gemeinsam mit Eltern und Freunden dieses Fest. In einer Anzeige von 1932 warb Gustav Struck wie folgt: „Altrenommiertes Haus 1. Ranges für Kaufleute - Zimmer mit und ohne fließendem Wasser. Zentralheizung. Bad. Ausstellungs- und Gesellschaftsräume. Garage und Einzelboxen – Gepäckwagen am Bahnhof.“

Die Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis Mai 1945 endete mit der Kapitulation Deutschlands und brachte für Rügen und Bergen Veränderungen. Sowjetische Soldaten und die Kommandantur nahmen in Bergen Quartier. Viele Bürger kämpften ums Überleben und wer eine kleine Landwirtschaft hatte, erwirtschaftete notwendige Lebensmittel, wie Milch, Obst und Gemüse. Sicherlich hatte auch die Familie des Hotelier Struck keine leichte Zeit. Zahlreiche Bürger flohen beim Anrücken des sowjetischen Militärs in die von westlichen Alliierten besetzen deutschen Gebiete und ließen Hab und Gut zurück. Mit Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 wurde die Existenz von privaten Gewerken, Gewerbe, Hotels und Landwirtschaft stark unter Druck gesetzt. Die neue Devise war Enteignung und Überführung in Volkseigentum. Das betraf auch das Hotel Ratskeller. 1953 kam die „Aktion Rose“, die die Enteignung der Hotels vorsah. Oft wurden unter fadenscheinigen Beschuldigungen, wie Schwarzhandel oder Diebstahl, Hausdurchsuchungen vorgenommen und die Besitzer verhaftet und schadlos enteignet. Auch die Familie Struck ereilte dieses Schicksal. Es gründete sich eine neue staatliche Handelsform , die „HO“ (Handelsorganisation). So ging auch das Hotel Ratskeller in diese HO-Gaststätten ein. In der DDR-Zeit gab es bauliche Eingriffe am Haus Markt 27. Es wurde die „Seifertsche Kunststeinveranda“ durch einen modernen zweistöckigen Vorbau ersetzt. Im Erdgeschoss befand sich der Eingangsbereich und eine Wendeltreppe führte in das darüber liegende Café mit seinen großen marktseitigen Fenstern. In der ersten Etage befand sich ein besonderer Raum, das Ratszimmer. Hier wurde der alten städtischen Traditionen und der geschichtlichen Bedeutung gedacht. Das Ratszimmer diente besonderen Veranstaltungen und hatte an den Wänden in Emaille gestaltet auch Abbildungen der Wappen des Kreises sowie der Städte Bergen, Garz, Saßnitz und Putbus

Nach der Wende entstand Neubau

Neben dem Ratszimmer gab es in der ersten Etage ein Weinzimmer und im Erdgeschoss existierte eine Bierstube. Das Stralsunder Bier war damals zwar gewöhnungsbedürftig, aber es wurde auch mal ein Schweriner oder Radeberger gezapft. Manches hing schon von dem Organisationstalent des jeweiligen Gastronomen ab. Einige der Damen und Herren sollen hier erwähnt werden ohne Anspruch auf Vollzähligkeit: Frau Huster, Frau Bertram, Herr Knoff, Herr Wüstenberg, Herr Strehlow, um nur einige zu nennen. Damit die Gäste in Ruhe speisen konnten, war vor dem großen Gastraum eine dünne Kordel gespannt mit einem Schild daran und der Aufschrift: „Sie werden platziert“. Das wurde auch so von den Gästen akzeptiert. Im alten Hotel hinter dem Vorbau ging es zu den Hotelzimmern und da knarrten die Holzdielen manchmal verdächtig.

Dann ging mit dem 9. November 1989 mit dem Fall der Mauer die DDR ihrem Ende entgegen. Neben seriösen Bürgern fassten auch viele Glücksritter und Spekulanten Fuß auf der Insel Rügen. 1990 wurde die Treuhand gegründet, eine Gesellschaft zur Abwicklung von Betrieben und Einrichtungen, die vielfach nicht zum Wohl der hier lebenden Menschen agierte. In der Nachfolge der HO-Gaststätten gründete sich die „Rugia Hotel Gastronomie GmbH“ auf Rügen. So war es möglich, dass 1991 der Bergener Gerhard Peters das „Hotel Ratskeller“ erwerben konnte und drei Jahre später auch das dazu gehörende Grundstück. Schließlich hatte er in diesem Haus jahrelang gearbeitet und kannte es bis ins kleinste Detail. Der alte Ratskeller sollte einem neuen Bau weichen und so wurden 1992 die Bauanträge gestellt. Um eine günstigere Ausgangsposition zu bekommen, blieben Fassadenteile des bisherigen Ratskellers stehen. Eine komplette Entkernung wurde vorgenommen und bis auf wenige Reste entstand ein Neubau des Hotels. Allerdings fiel der Status des Denkmalschutzes.

Nach Versteigerung wurde Ratskeller Flüchtlingsunterkunft

Projektierungsteam war das in Bargteheide ansässige Planungsbüro Onnen. Noch heute erinnert sich aus dem Team Herr Witt an die damaligen Geschehnisse und Funde. Die Bauakte wurde mit Ende der Bautätigkeiten 1996 geschlossen. Bei Ausschachtungsarbeiten legten Archäologen Teile des ursprünglichen Friedhofes um St. Marien frei. Dieser war 1829 geschlossen worden. Des Weiteren wurde der Rechtsstein wieder gefunden, der einst sichtbar zwischen dem historischen Ratskeller an der Schließerei und St. Marien lag. Heute liegt er vor dem Ratskeller und erzählt von unserer Rechtsgeschichte. Es entstand ein modernes Hotel, das leider nicht mehr auf die historische Bedeutung dieses Hauses hinweist. Das Stadthotel lebte mit den Annehmlichkeiten und auch Schwierigkeiten in einer City-Lage. Als Ausgleich für fehlende Parkmöglichkeiten schuf Bauherr Peters eine Tiefgarage. Ein gepflegtes Restaurant und ein ansprechender Speisesaal, nebst zahlreichen Hotelzimmern rundeten das Bild ab. Das Hotel wurde in den letzten Jahren stark durch Reisegruppen genutzt und als Mittelpunkt für Fahrten über die Insel gewählt. Die Zeiten wurden für den Hotelier schwerer, trotz Mitwirkung von Ehefrau und Sohn. Und so musste Hotelier Peters in Insolvenz gehen, wie schon so mancher Vorgänger des Ratskellers. Es wurde ab März 2012 zunächst durch den Hotelier Finn Nielsen weitergeführt. In der dann stattgefundenen Versteigerung wurde er allerdings überboten.  Sonst hätte Herr Nielsen das Hotel als solches weitergeführt.

Der Zuschlag für das „Hotel Ratskeller“ ging am 4. Juni 2015 an zwei deutschtürkische Damen aus Berlin. In Absprache mit dem Landkreis Vorpommern-Rügen wurde das Hotel dann zum Aufnahmeheim für Asylsuchende umfunktioniert. Das geschah gegen den Willen vieler Bergener Bürger, da diese der Meinung waren und sind, dass es für diese Menschen andere gleichwertige Wohnungen gegeben hätte. Durch die Umnutzung wurde der Stadt ein Stück Integrität genommen. Der Vertrag mit dem Landkreis läuft über drei Jahre und dann wäre es wünschenswert, wenn der Ratskeller wieder eine für Bergen angemessene Nutzung erhalten würde. So endet hier eine lange Reise eines geschichtsträchtigen Hauses und möge es wieder die Funktion erlangen, die einem Ratskeller angemessen zusteht.

Traditionsbau im Wandel der Zeit

Uwe Hinz

04.07.2019
Rügen 610 000 Euro Fördergeld für Straßenbau-Projekt auf der Insel Rügen - Land unterstützt Ausbau der Ortsdurchfahrt Neuenkirchen
04.07.2019