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Rügen Vorpommerns Foto-Pionieren auf der Spur
Vorpommern Rügen Vorpommerns Foto-Pionieren auf der Spur
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00:00 28.02.2017
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Sassnitz

Seine Schätze versteckt Frank Biederstaedt im Dunkeln. Es ist weniger die Angst vor Dieben, sondern mehr die vor der Vergänglichkeit der wertvollen Stücke aus Papier. Die Fotos, die der Sassnitzer Stadtarchivar privat sammelt, zeigen nicht nur ein Stück vorpommersche Heimatgeschichte. Sie sind selbst Historie. In seiner Doktorarbeit will der 37-Jährige diese nun beleuchten: Er erforscht die Entwicklung der Fotografie in Vorpommern in ihren frühen Jahren zwischen 1839 und 1880.

Wann die ersten Lichtbilder zwischen Stettin und Damgarten sowie Demmin und Kap Arkona auftauchten, ist nicht genau bekannt. Vermutlich erreichte auch dieser technische Fortschritt den Landstrich später als andere Gegenden. „Erste Hinweise lassen sich nach gegenwärtigem Kenntnisstand auf das Jahr 1843 datieren“, sagt Biederstaedt. Sechs Jahre zuvor hatte Louis Jacques Mandé Daguerre ein nach ihm benanntes Verfahren entwickelt, bei dem Fotos mit Hilfe von Kochsalzlösung und Quecksilberdämpfen auf versilberten Kupferplatten fixiert wurden. „Das waren alles Unikate und entsprechend teuer“, sagt Biederstaedt. Eine Daguerreotypie kostete zwei Taler. Das Jahresgehalt einer Lehrerin lag bei rund 30 Talern. „Außer Gutsbesitzern, Adligen, Industriellen und einigen erfolgreichen Kapitänen konnte sich das in Vorpommern kaum jemand leisten.“

Viel Geld kostete auch die Ausrüstung, weshalb es anfangs nur wenige Fotografen gab, die eine solche Investition wagten. Sie reisten meist zu der betuchten Kundschaft. Kein Wunder, dass auf den ersten Fotografien aus Vorpommern in erster Linie wichtige Persönlichkeiten, ihre Familien und deren Besitztümer zu sehen sind. Ansichten von Landstrichen oder Ortschaften mit ihren schlichten Bürger- und Bauernhäusern tauchen in der Geschichte erst später auf, als die Fotografie sich technisch weiterentwickelt, einfacher und weniger kostspielig wird.

Frank Biederstaedt hat sich anfangs in erster Linie für die Motive auf den alten Fotografien interessiert, für die Ansichten der uns heute vertrauten Region vor mehr als 100 Jahren. „Eines meiner ersten alten Fotos, die ich bei Auktionen ersteigerte oder mit anderen Sammlern tauschte, war eine Ansicht aus dem Jahre 1890, die das damalige Hotel Stubnitz in Sassnitz zeigt.“ 40 Euro musste er dafür hinblättern. Andere Fotos aus der Region wechseln auch mal für 200 Euro den Besitzer. Besonders nachgefragt und entsprechend teuer sind Motive von Rügen. „Es gibt einfach sehr viele Sammler, die sich mit der Insel beschäftigen“, erklärt Biederstaedt schulterzuckend. Und es gibt natürlich zahllose Bildbände voller historischer Fotos von Rügen und Usedom, aus Stralsund oder Greifswald.

Selten erfährt man dabei etwas über den Fotografen. Doch genau das interessiert den jungen Stadtarchivar aus Sassnitz: „Wem verdanken wir die Fotos? Wer waren die Fotografen? Und warum hat jener genau diese und keine andere Ansicht gewählt?“ Zu einigen Akteuren hat Frank Biederstaedt schon privat geforscht und etwas in Erfahrung gebracht. Etwa über Gottfried Linde, der in Putbus, der damaligen Residenzstadt, ein Fotoatelier eröffnete und 1865 zum Hoffotografen ernannt wurde. Oder über den Stralsunder Fotografen Julius Krüger. Der schaffte es mit einer Aufnahme aus dem Jahr 1867 sogar ins Handbuch der Fotografie. Krüger hatte Sassnitz von See aus abgelichtet. Wegen der langen Verschlusszeiten ging das nicht von Bord eines Bootes aus. Krüger baute sich deshalb eigens für diese Aufnahme aus drei starken und langen Stangen ein riesiges Stativ ins Meer, das mit schweren Ketten in zehn Metern Tiefe auf dem Grund der Ostsee befestigt wurde. Den Auslöser der darauf montierten Kamera betätigte er über einen Kautschukschlauch vom Boot aus.

Zur „Fotografie im Großherzogtum Mecklenburg“ hat die Autorin Sandra Schwede vor Jahren ein Buch verfasst. In Vorpommern, sagt Frank Biederstaedt, wurde die Fotografiegeschichte bislang stiefmütterlich behandelt. Er will sie nun in seiner Doktorarbeit beleuchten und ist mit dem Thema bei seinem Doktorvater am Caspar-David-Friedrich-Institut der Greifswalder Universität auf großes Interesse gestoßen. Seitdem ist der Rüganer in seiner Freizeit den „Pionieren der Fotografie“ auf der Spur. Eine der ältesten Daguerreotypien Vorpommerns hängt in den Räumen der Schiffercompagnie in Stralsund. „Viele andere alte Fotografien befinden sich in Privatbesitz“, ist sich der Stadtarchivar sicher.

Er will wenigstens einen Teil von ihnen ausfindig machen, um die Geschichte der frühen Fotografie in Vorpommern erforschen zu können. „Interessant sind ausschließlich Fotos, die in der Zeit zwischen 1839 und 1880 entstanden sind.“ Wichtig ist, dass sie ein Motiv aus Vorpommern zeigen, egal, ob einen Menschen, ein Gebäude oder eine Landschaft. Frank Biederstaedt möchte die Bilder nur sehen.

„Schön wäre es, wenn ich sie mit der Erlaubnis der Besitzer abfotografieren dürfte. Das muss aber nicht sein. Die Originale verbleiben auf jeden Fall beim Eigentümer.“

Maik Trettin

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