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Rügen Umdenken in der Forstwirtschaft gefordert
Vorpommern Rügen Umdenken in der Forstwirtschaft gefordert
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07:44 04.05.2019
Im Februar fanden Baumfällungen an der Landesstraße zwischen Sassnitz und dem Baumhaus Hagen statt. Quelle: Maik Trettin
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Putbus

„Nicht der Klimawandel, sondern die Forstwirtschaft ruiniert den Wald“, lautet das ebenso eindeutige wie vernichtende Urteil von Peter Wohlleben. Der Förster und Bestseller-Autor von inzwischen fast zwei Dutzend Büchern referierte am Dienstag in der Orangerie von Putbus vor rund 60 Zuhörern. Eingeladen zu dem Abend unter dem Titel „Umgang mit Wald auf Rügen“ hatten die Kulturstiftung Rügen und der Verein „Insula Rugia“. „Rügen ist eine waldarme Insel“, hatte dessen Vorsitzender, Hans Dieter Knapp, zuvor in das Thema eingeführt. Während die Waldfläche in Deutschland auf etwa ein Drittel und im Agrarland Mecklenburg-Vorpommern gar auf ein Viertel zurückgedrängt worden sei, wären es auf Rügen nur noch ganze 17 Prozent. Wälder stünden seit zwanzig Jahren unter großem Druck. „Wenn wir als Bürger im Naturschutzgebiet ein Maiglöckchen pflücken, ist das eine Ordnungswidrigkeit. Mit schweren Harvestern aber wird geholzt und geschreddert, was das Zeug hält“, so Knapp. Als Beispiele führte er die Granitz, den Bergener Stadtwald oder auch die Wälder bei Binz, Prora und Schmacht an. Immerhin dürfe nach 28 Jahren im Nationalpark künftig kein sogenannter „Waldumbau“ mehr stattfinden.

Das ist auch für Peter Wohlleben ein Schritt in die richtige Richtung. Dessen Kritik am Umgang mit Wald ist schonungslos und fundamental. „Die forstwirtschaftliche Praxis schafft Agrar- und Forststeppen“, so der Autor von Büchern wie „Das geheime Netzwerk der Natur“. Mehr als die Hälfte des deutschen Waldes befände sich indes in öffentlicher Hand. „Er gehört also auch Ihnen – mischen Sie sich ein“, fordert er seine Zuhörer auf. Vom Erlös seiner Bücher gründete Wohlleben eine Wald-Akademie und unterstützt sogenannte „Waldbürger“. „Es tut sich richtig was, das haben die Forstleute nur noch nicht gemerkt. In zehn Jahren werden wir die Wende sehen“, glaubt Wohlleben.

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Verkehrssicherungspflicht ist Totschlagargument

Dem geht es nicht allein um die Bedeutung des Waldes für das Weltklima. Vielmehr wirbt er für ein umfassenderes Verständnis von Biologie. Die klare Einordnung aller Lebewesen in Kategorien tauge nicht zum Verständnis der Realität. „Natur ist keine Maschine.“ So erfuhren seine Zuhörer auch, dass Baummütter ihren Nachwuchs mit Zuckerlösung stillen und dass ein Baum vor allem dann ein hohes Alter erreicht, wenn er die ersten zwei Jahre seines Lebens unter der Mutter verbracht habe. Forstleute aber würden vielfach die älteren Bäume fällen, mit der Folge, dass junge Bäume einen stressigen Wettlauf zum Licht des Himmels beginnen, bei dem sie sich schließlich verausgaben. Allein der dafür verwendete Begriff „Lichtmastbetrieb“ spreche für sich. „Diese sogenannte 'Verjüngung' ist keine Baumpflege. Ein Metzger ist schließlich auch kein Tierpfleger“, so Wohlleben. Ginge es nach ihm, würden alte Laubwälder nicht angerührt werden. „Das sollte genauso verboten werden, wie Öl ins Meer zu kippen“, findet der Waldmann.

Der will überhaupt weg von Plantagen und Großerntemaschinen. „Das ist gerade so, als ob ich den Kölner Dom abreiße, weil ich einen Stein haben will.“ Zudem würden Harvester und Traktoren den Boden so verdichten, dass er sich erst nach der nächsten Eiszeit davon erholen könne. Aus diesen Gründen würde die konventionelle Holzwirtschaft auch immer unrentabler . Die an forstlichen Einrichtungen vermittelte Lehre sei keine Wissenschaft, „sondern PR für ein Produkt der Holzwirtschaft.“ Eine Absage erteilte Wohlleben auch dem „Totschlagargument von der Verkehrssicherungspflicht“, die sich lediglich aus der Rechtsprechung ergäbe. Gesetzliche Normen würden nicht existieren. Wohlleben: „Wenn ein Baum auf ein Auto fällt, dann ist das halt so.“

Öko auf lange Sicht wirtschaftlicher

Wohlleben will zwar nicht gänzlich auf die Nutzung von Holz verzichten, „aber wir sollten zunächst entscheiden, wie viel davon wir wirklich brauchen“. Allein für Werbezettel in Briefkästen würden jährlich eine Million Bäume gefällt. Auch seien Schäden durch Sturm oder Borkenkäfer zumindest teilweise der konventionellen Plantagen-Wirtschaft zu schulden. „Wenn Sie das alles einpreisen rechnet sich diese Art der Bewirtschaftung nicht. Auf lange Sicht ist ökologische Waldwirtschaft auch wirtschaftlicher. Wenn wir stabile Laubwälder hätten, könnten wir 20 Prozent schützen und den Rest intelligent nutzen.“ Derzeit seien zwei Prozent geschützt.

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