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Rügen Per Pedes durch die Architekturgeschichte von Baabe
Vorpommern Rügen Per Pedes durch die Architekturgeschichte von Baabe
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06:25 08.04.2019
Petra Wolter (r.) erzählt den Wanderern vor dem Mütherbau „Inselparadies“ Geschichten aus Baabes Historie. Quelle: Jens-Uwe Berndt
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Baabe

Sonnenschein, ein lauwarmer Wind und Sonnabendvormittag: Die Kombination zog sieben Wanderfreunde zum Haus des Gastes nach Baabe, um im Rahmen des diesjährigen Wanderfrühlings Petra Wolter auf den Spuren „architektonischer Geschichte“ durch Baabe zu folgen. Die Reiseleiterin aus Middelhagen tritt freundlich-forsch auf und beordert die erwartungsfrohen Wanderlustigen erstmal auf die Toilette. Immerhin sollen sechs Kilometer in zwei Stunden zurückgelegt werden. Als alle wieder beisammen sind, kündigt Wolter an, bei der anzuschauenden Architektur nicht chronologisch vorgehen zu wollen. „Da müssten wir Zickzak laufen“, sagt sie. Und belegt ihre These gleich damit, dass die ihren Begleitern die Architektur des Haus des Gastes erläutert. Das sieht nämlich durchaus bizarr aus. „Das ist 21. Jahrhundert und stammt vom Putbuser Architekten Dr. Peter Rockel.“ Sie mag die ungeöhnlichen Formen und nennt das „ein bisschen Hundertwasser“.

Reiz ist die Bewegung

Durch den Kurpark geht es zum „Inselparadies“ von Ulrich Müther, der zu DDR-Zeiten geradezu futuristische Bauwerke hinterließ. „Müther war Hauptthema der Auftaktveranstaltung des Wanderfrühlings am Freitag“, erzählt der 63-jährige Karl S. (der pensionierte Bahnbeamte möchte seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen). „Eine tragische Gestalt.“ S. stammt aus Weißenburg, 50 Kilometer südlich von Nürnberg. „Zweimal habe ich mit meiner Frau an dem Wanderfrühling teilgenommen, diesmal bin ich alleine hier.“ Er sei extra wegen der Wanderungen gekommen. Das sei hier auf Rügen ein besonders schönes Erlebnis. Als eingefleischter Wanderfreund nehme er übers Jahr aber auch an Wanderungen in Österreich, in der Schweiz oder im Harz teil. „Der besondere Reiz ist die Bewegung. Das ist gesund und ganz bestimmt gut fürs Alter.“

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Termine beim Wanderfrühling (Auszüge)

Montag, 8. April, Rund um den Selliner See mit Natur- und Landschaftsführerin Kerstin Besch, 10 Uhr, Treffpunkt: Kleinbahnhof Sellin Ost

Dienstag, 9. April, Auf den Spuren der Sassnitzer Kreide, 10 Uhr, Treffpunkt: Bahnhof Sassnitz

Mittwoch, 10. April, Auf den Spuren von Caspar David Friedrich, 10 Uhr, Treffpunkt: Haus des Gastes Göhren

Donnerstag, 11. April, Sonnenaufgang entlang der Bäderküste, 5.30 Uhr, Treffpunkt: Haus des Gastes Göhren

Freitag, 12. April, Monumentale Bauwerke rund ums Kap, 15 Uhr, Treffpunkt: Putgarten, Großparkplatz

Sonnabend, 13. April, Prora im Zeitenwandel, 10.30 Uhr, Treffpunkt: Binz, Haus des Gastes

Sonntag, 14. April, Panoramawandern zum UNESCO-Welterbe, 10.30 Uhr, Treffpunkt: Sassnitz, Buswendeschleife, Weddingstraße

Derweil steht die Gruppe vor dem Landhaus Wilkens. 1937 vom Berliner Architekten Erhard Schmidt errichtet, stellt es zusammen mit der Villa Haseatic in der Nachbarschaft eine architektonisches Kleinod dar. Petra Wolter zeigt sich bewandert in der Biografie von Erhard Schmidt und kommt zu dem Schluss, dass dieser Baabe sehr gemocht haben muss. Aus Berlin kommen auch Britta Carl (55) und Pia Mielke (60). Beide erfuhren eher zufällig vom Wanderfrühling, was Carl sehr bedauert. „Sonntag fahren wir wieder nach Hause“, sagt sie. „Wir sind einfach ein bisschen früh in den Urlaub gefahren. Nächstes Jahr kommen wir dann vielleicht im April direkt zu den Wanderungen.“ Eigentlich hätte das Paar gern an der Kräuterwanderung in Binz teilgenommen, dort sei die Teilnehmerzahl allerdings schon erreicht gewesen. „Einen architektonischen Exkurs durch Baabe machen wir aber auch gern mit“, sagt Britta Carl.

Umgekipptes Reusenboot

Inzwischen ist die Gruppe an der kleinen Waldkirche angekommen. Ebenfalls von Schmidt Anfang der 1930er Jahre entworfen, symbolisiert sie in ihrer Bauweise laut Petra Wolter ein umgekipptes Reusenboot. Baabe kam erst sehr spät zu einer eigenen Kirche, erzählt die Wandersfrau: „Von 1252 bis 1535 gehörte Mönchgut zu den Zisterziensern von Eldena. Damals gab es hier zwei Kirchen: Die älteste von 1360 steht in Groß Zicker, die zweite – 1455 erbaut – befindet sich in Middelhagen.“ Die Menschen der Region hätten sich je nach Lage auf diese beiden Gotteshäuser aufgeteilt. Bedarf nach weiteren Kirchen sei erst entstanden, als die Gemeinden Stück für Stück wuchsen.

Elke Gloser ist die einzige Einheimische, die an der Wanderung teilnimmt. Die 60-Jährige arbeitet als Gästebetreuerin im Cliff-Hotel in Sellin. „Zum einen ist das hier ein rein privates Vergnügen, denn ich liebe Baabe“, sagt Gloser. „Allerdings hole ich mir hier auch Anregungen für meine eigene Arbeit.“ Eine Herberge ist auch die nächste Station auf der Wanderung. Petra Wolter macht vor dem „Hotel Rügen“ Halt. Es soll das älteste Hotel im Ort sein und in das sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche prominente Namen einmieteten. Als Beispiel nennt Wolter den deutsch-amerikanischen Maler Lyonel Charles Adrian Feininger, der einen Bilderzyklus über ihr Heimatdorf Middelhagen hinterlassen hat. An der Ecke Dorfstraße/Birkenallee gibt es ein so genanntes Rookhus zu sehen, dass hervorragend erhalten ist und privat bewohnt ist. Laut Wolter gab es in solchen einem Haus nur einen Raum, der halbwegs rauchfrei gehalten worden sei – wenngleich man auch hier das Lüften per Vogelalarm geregelt habe. Fiel der Piepmatz ohnmächtig von der Stange, sei der Kohlenmonoxidgehalt so hoch gewesen, dass gelüftet werden musste. Ansonsten habe der Rauch das Gebälk haltbar gemacht, Ungeziefer ausgerottet und das im Dachstuhl hängende Fleisch konserviert.

Durch die Baaber Heide

Über die Salzwiesen geht es zum Baaber Bollwerk. Nebenbei erzählt Wolter eine Geschichte über die Schilfinsel „Wardel“. Am Bollwerk scheint der Angelverein „To Beek“ damit beschäftigt, per Arbeitseinsatz alles für die kommende Saison herzurichten. Gegenüber liegt Moritzdorf. Ein Ort, von dem Wolter sagt, dass der, der dort ein Haus sein Eigen nenne, es geschafft habe. „Die Häuser hier waren schon vor über hundert Jahren Spekulationsobjekte.“ Und dann weiter, die Wanderung erfährt nun ihre längste Strecke, auf der es kaum noch Objekte zu bestaunen gibt. Natur pur. Vor allem in der Baaber Heide. Hier bekommen alle noch einen kleinen Exkurs durch die geologische Geschichte der Insel Rügen.

Zurück am Haus des Gastes zeigt sich Sabine Oguntke aus Bielefeld sehr zufrieden mit der kleinen Tour. „Es ist schön, mal andere Wege zu gehen, die man sonst nicht unbedingt findet“, sagt die Frau, die derzeit aus beruflichen Gründen auf Rügen ist. Den Wanderfrühling macht sie zum ersten Mal mit. Und bevor sie wieder los muss, will sie noch ein paar Angebot mitnehmen.

Jens-Uwe Berndt

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