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Rügen Vorpommern-Rügen: Warum die Zahlen zur ITS-Auslastung problematisch sind
Vorpommern Rügen

Warnstufe Rot: Spiegelt die ITS-Auslastung gar nicht die Lage in Vorpommern-Rügen wider?

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17:20 06.01.2022
Laut Gesundheitsamts-Chef Jörg Heusler ist die ITS-Auslastung der maßgebliche Wert. Warum zählen die Ribnitzer Bodden-Kliniken aber nicht in die Berechnung des Kreises rein dafür aber Krankenhäuser aus Vorpommern-Greifswald?
Laut Gesundheitsamts-Chef Jörg Heusler ist die ITS-Auslastung der maßgebliche Wert. Warum zählen die Ribnitzer Bodden-Kliniken aber nicht in die Berechnung des Kreises rein dafür aber Krankenhäuser aus Vorpommern-Greifswald? Quelle: Robert, Niemeyer, Jörg Mattern
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Ribnitz-Damgarten/Stralsund

Die Corona-Krise hat den Landkreis Vorpommern-Rügen nach wie vor im Griff. Seit einigen Woche befindet sich der Landkreis in der Corona-Warnstufe Rot, es gelten aufgrund der Dauer dieses Status sogar Regeln der Warnstufe Rot plus. Und das dürfte auch noch so bleiben, selbst wenn die Corona-Inzidenz sinkt.

„Wir können nie unter die Stufe Rot kommen, solange die ITS-Auslastung im roten Bereich ist“, sagt Jörg Heusler, Chef des Gesundheitsamtes des Landkreises. Das heißt: Selbst wenn sich die Corona-Inzidenz und die Hospitalisierungsinzidenz in den grünen Bereich bewegen, bleibt der Landkreis in der roten Stufe, solange die ITS-Auslastung kritisch ist.

Hospitalisierung wichtig für Corona-Stufe

Zur Erklärung: In Mecklenburg-Vorpommern gilt ein Corona-Stufen-Modell, um Maßnahmen zum Schutz vor der Ausbreitung des Virus festzulegen. Je nach Stufe von grün über gelb und orange bis rot gelten strengere oder lockerere Regeln als Schließungen oder Kontaktbeschränkungen. Drei Werte werden herangezogen, um die Stufe zu bestimmen: Die Corona-Inzidenz, die Hospitalisierungsinzidenz und die Auslastung der Intensivstationen.

Der letzte Wert ist offenbar der ausschlaggebende. Doch ausgerechnet hier ergeben sich Fragen, vor allem zur Ermittlung des Wertes.

Berechnung nicht landkreisspezifisch

Der ITS-Wert gibt an, wie sehr die Covid-19-Betten auf den Intensivstationen ausgelastet sind. Am Dienstag lag der Wert in Vorpommern-Rügen bei 100 Prozent, am Montag bei 103 Prozent. Das heißt aber noch nicht, dass die Intensivstationen auch tatsächlich überfüllt sind. Denn nur ein Teil der Intensivbetten in den Krankenhäusern wird für Covid-Patienten vorgehalten, im ganzen Land sind das 100 von 600 Betten. Der ITS-Wert gibt an, wie ausgelastet diese 100 Betten sind.

Laut Corona-Infoportal des Landes steigt die Inzidenz in Vorpommern-Rügen. Quelle: Robert Niemeyer

Das Problem dabei: Obwohl für den Landkreis Vorpommern-Rügen spezifische Maßnahmen ergriffen werden, um die Corona-Pandemie zu bekämpfen, ist der ITS-Wert für den Landkreis nicht unbedingt landkreisspezifisch.

So werden beispielsweise die Bodden-Kliniken in Ribnitz-Damgarten bei der Erfassung der ITS-Auslastung für Vorpommern-Rügen nicht eingerechnet. Drei bis vier Betten sind hier für Covid-Patienten reserviert. Deren Auslastung – zuletzt lag hier kein Covid-Patient auf der Intensivstation (Stand: 5. Januar) – wird allerdings im Landkreis Rostock bzw. in der Hansestadt Rostock eingerechnet, bestimmt also dort mit, welche Corona-Warnstufe gilt.

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Das führt zur zweiten Frage: Denn die ITS-Auslastung in Vorpommern-Rügen gibt nicht nur die für den Landkreis an, sondern auch die für den Nachbarlandkreis Vorpommern-Greifswald. Vergleicht man die ITS-Werte beider Landkreis, haben sie immer denselben Wert. Heißt: Auch die Auslastung der Intensivstationen der Krankenhäuser in Vorpommern-Greifswald wird eingerechnet in den Wert Vorpommern-Rügens und bestimmt damit die Corona-Stufe und also auch die Corona-Maßnahmen in Vorpommern-Rügen mit. Ist das gerechtfertigt?

Cluster in Mecklenburg-Vorpommern

„Die Frage ist nachvollziehbar“, sagt Jörg Heusler. Er fügt aber auch an, dass der Unterschied im Vergleich zu einer reinen auf den Landkreis bezogenen Berechnung nur gering wäre. Die aktuelle Berechnung „ist ein Kompromiss. Der lässt sich locker tolerieren.“

Jörg Heusler, Fachdienstleiter Gesundheit des Landkreises Vorpommern Rügen, und Corona-Krisen-Manager. Quelle: Jörg Mattern

Der Hintergrund der ITS-Berechnung steckt in der Anfangszeit der Pandemie, als es noch keine Corona-Warnstufen gab. Im März 2020 wurden in Mecklenburg-Vorpommern vier sogenannte Cluster gebildet. Damit soll geregelt werden, dass Covid-Patienten unkompliziert verlegt werden können, sollte ein Krankenhaus voll sein. „Die Krankenhäuser Helios-Kliniken Schwerin (Cluster I), Universitätsmedizin Rostock (Cluster II), Universitätsmedizin Greifswald (Cluster III), Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg (Cluster IV) haben Koordinierungsstellen eingerichtet, die in ihren Einzugsgebieten (zum Cluster gehören neben der Koordinierungsstelle jeweils fünf bis acht Kliniken in Anlehnung an Krankenhausplanung) in tagesaktueller Abstimmung selbstständig die Patientenströme steuern“, heißt es auf Anfrage beim Landes-Gesundheitsministerium.

Die Bodden-Kliniken gehören dem Rostocker Cluster an. Der Rest des Landkreises dem Cluster der Uni-Medizin Greifswald. Ziel der Kooperationsgemeinschaften innerhalb dieser Cluster ist es, die Überlastung der Krankenhäuser zu verhindern. Deshalb wird auch der ITS-Wert der Cluster erfasst.

Von Robert Niemeyer