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Rügen „Soll ich dir auch so ein süßes Baby machen?“ Was eine OZ-Redakteurin als Verkäuferin erlebte
Vorpommern Rügen

Was eine OZ-Redakteurin als Verkäuferin erlebte

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20:57 18.01.2020
Autorin Carolin Riemer (r.) im Kundengespräch in der „Bunten Stube“ in Ahrenshoop. Quelle: Margitta Sonnenberg (OZ-Archiv)
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Ahrenshoop

„Fährt die Kurtaxe eigentlich auch bis zum Strand?“ Die Kundin steht lächelnd im Ahrenshooper Traditionsladen „Bunte Stube“ und ich überlege, ob sie sich einen Scherz mit mir erlaubt. Nein, sie meint es ernst. Während ich ihr den Unterschied zwischen der Kurtaxe und einem Taxi erkläre, schmiede ich einen Plan: Irgendwann schreibe ich ein Buch. Solche Sätze dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

Drei Jahre lang arbeitete ich in Ahrenshoop und machte eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Nicht nur Bücher, auch Kleidung und Schmuck werden hier direkt am Strandaufgang verkauft. Eine schöne Zeit. Mit Kunden erlebt man eine Menge. Da wird man gefragt, wo sich denn der Radweg um den Ost-See befände, mindestens zehnmal am Tag erklärte ich Wege: zur nächsten öffentlichen Toilette, zur Touristeninformation, zur Bushaltestelle, zum Kunstkaten und zum Briefkasten. „Haben Sie auch Briefmarken zu den Postkarten?“ Natüüürlich!

Kein Wunder, dass ich noch nicht verheiratet bin

Arbeitet man in einer touristischen Region im Handel oder in der Gastronomie, erfüllen die Angestellten zeitgleich den Job des Reiseleiters. An der Kasse fragen die Urlauber den Wetterbericht der kommenden zwei Wochen ab. Manche werden böse, wenn es regnet. Oder wenn es zu heiß ist. Oder wenn es stürmt. Oder wenn es nicht stürmt, schließlich wollten sie surfen gehen. „Wo gibt es denn hier das beste, also wirklich das allerbeste, Eis? Und wo können wir den besten Fisch kaufen?“ Man bekommt regelmäßig 5 Cent Trinkgeld, die man wahlweise „nicht auf einmal ausgeben soll“, oder die für meine „Brautschuhe“ gedacht sind. Kein Wunder, dass ich noch heute nicht verheiratet bin.

Mindestens einmal im Leben bringt man die Familienverhältnisse seiner Kunden durcheinander und erntet böse Blicke. „Suchst du deinen Opa?“, frage ich einen Dreijährigen und der Herr mit den grauen Haaren erklärt mir sehr laut und deutlich, dass er der Vater und nicht der Opa sei. Wie unangenehm. Nie wieder habe ich diesen verfänglichen Satz ausgesprochen. Bis zum nächsten Dilemma. Das ist im Kontakt mit Menschen einfach vorprogrammiert.

Manchmal wird es heikel

Als ein junger Mann mit einem Baby auf dem Arm im Laden steht, sage ich den vollkommen unbedachten und ehrlichen Satz: „Sie haben aber ein süßes Baby!“ Der Typ macht einen Satz auf mich zu und flüstert verheißungsvoll: „Ja? Soll ich dir auch so eins machen?“ Ähm, nein danke. Aber vielen Dank für das Angebot. Irgendwann ist auch die freundlichste Verkäuferin erschöpft und wünscht sich einen Job fernab von Menschen, die sich Kunden nennen. Doch immer genau dann passieren wieder die schönen und lustigen Geschichten, die, an die man sich noch Jahre später erinnert.

Eine Frau flitzt in die „Bunte Stube“ und fragt mich: „Haben Sie auch einen Spiegel?“ Ich lächele mein Verkäuferinnen-Lächeln und schicke sie zum Spiegel im hinteren Teil des Ladens. Nach wenigen Sekunden kommt sie zurück, lacht Tränen und tätschelt meine Schulter. In dem Moment fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich wollte die Frau sich nicht im Spiegel betrachten, sondern das gleichnamige Magazin kaufen.

Im Geschäft ist die Situationskomik zu Hause

In Geschäften scheint die Situationskomik zu Hause zu sein. Während sich Hunderte Kunden an einem Sommertag durch die „Bunte Stube“ schieben, fragen mich zwei ältere Damen, ob ich das Buch von H. P. Kerkeling im Sortiment habe. „,Ich bin dann mal weg’ sage ich, drehe mich um und will schnell das Buch holen.“ Hinter mir höre ich das Geschimpfe der Damen: „Sagt einfach, dass sie mal weg ist, und lässt uns hier einfach stehen. Man. Man. Man.“ Erst als sie sehen, dass ich den Titel ihres gewünschten Buches zitierte und es ihnen in die Hände drücke, stimmen sie versöhnliche Töne an.

Ja, mit Kunden ist nicht immer zu spaßen. Viele von ihnen denken, dass sie Witze oder Sprüche bringen, die die gestressten Verkäufer vorher noch nie im Leben gehört haben. „Was denn, ein Buchladen? Ich kann doch gar nicht lesen (zwinker, zwinker).“ Wenn Sie zum Lieblingskunden werden wollen, verrate ich Ihnen jetzt, welche Sätze sie eventuell meiden sollten. Man hört sie einfach viel zu oft. Tag für Tag. Jahr für Jahr: „Oh, da ist ja gar kein Preis dran. Das ist wohl heute umsonst?“ „Packen Sie das auch als Geschenk ein? Umsonst? Auch wenn ich es nicht bei Ihnen gekauft habe?“ „Gibt es die Tüte umsonst? Dann hätte ich gern zwei.“

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Von Carolin Riemer

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