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Rügen Wenn zum Brotbacken die Hefe fehlt
Vorpommern Rügen Wenn zum Brotbacken die Hefe fehlt
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07:42 17.02.2019
Winter 1978/79 Quelle: Familie Schwermer
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Samtens

Ende Dezember 1978 wurde heftiger Schneefall angekündigt, der Ostwind sollte auffrischen. Ein rasch stärker werdender Sturm führte eisige russische Kälte über die Ostsee und brachte einen gewaltigen Schneefall mit, der tagelang anhielt. Rügen versank im Schnee; überall auf der Insel türmten sich übermannshohe Schneeverwehungen auf.

Das Erdgeschoss in der Samtenser Schule war im Schnee verschwunden. Der Sturm hatte in der Nacht vom 28. zum 29. Dezember 1978 mehrere Fenster im neuen Schulgebäude aufgedrückt, Heizkörper waren von Schnee und Frost zerstört. Nur durch ihren beherzten Einsatz hatten der Schuldirektor Horst Tetzlaff und seine Kollegen Hans-Jürgen Goertz und Gerhard Glaeser Schlimmeres verhindert. Mit Hämmern und langen Nägeln nagelten sie nachts viele Dutzend Fenster zu.

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Zugverkehr eingestellt

Nach der durchschneiten Nacht kam Bürgermeister Heiner Genzmann mit einem Riesenproblem zum Schuldirektor: Der Zugverkehr auf Rügen war soeben eingestellt worden. Später fiel auch noch der Strom für längere Zeit aus. Doch auf dem Bahnhof Samtens stand ein Personenzug mit über 300 Fahrgästen. Etwa 50 Leute konnten im Gasthaus „Rügener Hof“ unterkommen, einige machten sich in Gruppen zu Fuß nach Bergen auf. Ewa 200 Menschen suchten Zuflucht in der Schule. Lehrer und Hortkollegen kamen und bauten die Hortliegen und Bänke als vorübergehende Schlafstätten für die Gestrandeten auf. Aufgrund der damals strengen Richtlinien zur Zivilverteidigung waren in der Schule genügend Vorräte vorhanden.

Läden wurden leer gekauft

Die Schwerkraftheizung der Schule funktionierte zum Glück auch ohne Strom, aber die Heizer mussten Tag und Nacht schuften. Zum Glück konnte das Notlager nach zwei Tagen eingestellt werden. Lehrer- und Schülergruppen befreiten Grundstücke, vor allem aber Bäcker, Fleischer und Kindergarten von den Schneemassen. Die Läden wurden leer gekauft, da keiner abschätzen konnte, wann es wieder etwas geben würde.

Die Regierung in Berlin reagierte spät auf die Nachrichten vom Schneechaos auf Rügen. Erst mehrere Tage danach schickte sie Soldaten der Nationalen Volksarmee zur Hilfe. Als eine Nierenpatientin aus dem Dorf dringend zur Dialyse ins Krankenhaus musste, wurde ein Hubschrauber der Volksmarine durch den Samtenser Arzt, Dr. Siegfried Möller, angefordert. Die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr bereiteten in den Schneemassen einen Landeplatz vor, sodass hier geholfen werden konnte. Als in Dönkvitz ein Arzt benötigt wurde, begleitete Sportlehrer Goertz den Dr. Möller zum Patienten. Beide Männer liefen auf Skiern querfeldein nach Dönkvitz, um hier erfolgreich helfen zu können.

Mit Skiern auf Besorgungstour

Es mussten aber auch Medikamente aus Bergen geholt werden und Bäckermeister Reick benötigte dringend Hefe, um frisches Brot backen zu können. Im Schneesturm machte sich Lehrer Goertz mit dem Berufsfeuerwehrmann Herbert Konitz mit Skiern nach Bergen auf. In Stönkvitz pausierten die Männer auf dem Hin- und Rückweg. Die Familie, bei der sie heißen Tee bekamen, stattete sie zudem mit alten Zeitungen aus, die sie als zusätzlichen Kälteschutz in Pullover und Hose steckten, um dem schneidenden Sturm besser begegnen zu können. Die Telegrafenmasten an der alten Bundesstraße 96 dienten im meterhohen Schnee als Wegweiser in die Kreisstadt.

Nach vielen Stunden kehrten die Männer nach Samtens zurück und brachten die benötigte Ware. Beschäftigte vom Brot- und Backwarenkombinat Bergen, die nicht zur Arbeit kamen, halfen dem Bäckermeister den Holzofen zu heizen und die großen Teigmengen von Hand zu kneten. Strom gab es immer noch nicht und auch Batterien für Kofferradios waren inzwischen Mangelware. Aber in Samtens gab es wieder frisches Brot.

Für die Einheimischen erschloss sich das Ausmaß des Schneewinters auf Rügen jedoch erst später, als bekannt wurde wie stark die ganze Insel betroffen war.

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