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Rügen Brot und Briketts von den Russen
Vorpommern Rügen Brot und Briketts von den Russen
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06:33 25.01.2019
Die F 96 zwischen Klementelvitz und Sassnitz im Januar 1979. Mit Spitzhacken rückten Soldaten und andere Helfer der bis zu 50 Zentimeter starken Eisschicht unter den Schneewehen zu Leibe. Quelle: Manfred Kutscher
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Sassnitz

Ein Haus zu bauen, kostet Kraft und Nerven. Die Kutschers wissen das. Die Sassnitzer Familie hatte die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und 1977 begonnen, sich an der Lanckener Dorfstraße den Traum vom Eigenheim zu erfüllen. Nach vielen Mühen konnten sie Mitte Dezember 1978 ihre Sachen packen und einziehen – pünktlich zum Weihnachtsfest und unmittelbar vor dem beginnenden Winter, der in den folgenden Jahren mit Titeln wie „Jahrhundert-“ oder „Katastrophen-“ bedacht werden würde.

Eine mittlere Katastrophe war es auch für die Kutschers. Das Mauerwerk war noch richtig nass. Damit es trocknet, wird in einem Neubau üblicherweise kräftig geheizt. Und das war in jenem Winter eine Herausforderung. Zwar hatten die Kutschers in ihrem neuen Heim eine damals moderne Schwerkraftheizung. Die funktionierte im Gegensatz zu den meisten heutigen Zentralheizungen auch ohne Strom – aber nicht ohne Brennstoff. Und der wurde knapp. „Wir hatten 200 Zentner Briketts beantragt“, erinnert sich Manfred Kutscher. „Bekommen haben wir gerade mal 20.“ Einen Zentner pro Tag brauchte die Familie, um das Haus warm zu bekommen. Sie hatten begonnen, Reste des Bauholzes zu verfeuern. „Beim Kohlehandel war nichts mehr zu holen“, sagt Manfred Kutscher.

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Polizisten patrouillierten an Lanckener Kreuzung

Allerdings hatte er eine andere Quelle ausgemacht: Nur wenige hundert Meter entfernt vom neuen Zuhause, dort, wo sich heute der Schießplatz befindet, hatte die Sowjetarmee ihr Kohlenlager. Der Familienvater befestigte einen großen Weidenkorb mit Deckel auf einem Schlitten und zog los. Die Idee, sich hier zu versorgen, hatte er offenbar nicht allein. Aus der Schwärze eines Lochs in dem riesigen Haufen blitzte ihn ein Augenpaar an. „Kannst gleich ran, bin schon fertig“, rief ihm ein Mann zu, der sich in den Brikettberg fast eingegraben hatte.

Eingefrorene Wasserleitungen, verwehte Straßen, Sowjetsoldaten, die Brot von den Lkw herunter verteilen, Häuser, die bis zum Dach im Schnee versinken –Zeitzeugen erinnern sich an den Jahrhundertwinter

So richtig wohl fühlt sich Manfred Kutscher mit dieser Erinnerung auch 40 Jahre später nicht. Auch wenn das Gelände frei zugängig war – letztlich sei es ja nicht legal gewesen. „Aber wir wussten uns nicht anders zu helfen.“ Das verstanden offenbar auch die Polizisten, die an der Lanckener Kreuzung Wache standen und sich bei Schnee, Frost und Minusgraden an brennenden Autoreifen wärmten. Sie sollten dafür sorgen, dass niemand versuchte, auf eigene Faust die Straßen aus der Stadt heraus zu benutzen. Zu Beginn des neuen Jahres saßen zahlreiche Silvester-Urlauber unter anderem im Rügen-Hotel fest und warteten auf die Heimreise. Sie wären auf den Straßen, auf denen sich der Schnee bis in die Baumkronen türmte, nicht weit gekommen. Auch Manfred Kutscher schaffte es mit seiner „Beute“ nicht weit. Bei der nächsten Schneewehe kippte der randvoll beladene Weidenkorb samt Schlitten um. Allein konnte der Sassnitzer das Gefährt nicht wieder aufrichten. Das ging nur mit Unterstützung der an der Kreuzung patrouillierenden Polizisten. „Ich bin zu ihnen gegangen und habe sie gebeten, mir zu helfen.“ Kutscher hatte zwar ein schlechtes Gewissen und ist sich sicher, dass die Uniformierten wussten, woher diese Fuhre stammte. „Aber gesagt haben sie dazu nichts. In dieser Ausnahmesituation hat jeder ein Auge zugedrückt.“

50 Zentimeter starke Eisschicht unter meterhohen Schneewehen

Auch auf der Arbeit. Das Fischkombinat hatte den Angestellten und seine Kollegen gleich am ersten Arbeitstag im neuen Jahr wieder nach Hause geschickt. Sie sollten an der F 96 zwischen Sassnitz und Klementelvitz versuchen, einen Durchlass durch die Schneewehen zu schaufeln. Ganz unten, so Kutscher, sei eine 50 Zentimeter starke, steinharte Eisschicht gewesen, der man nur mit der Spitzhacke beikommen konnte. Damit mühten sich auch schon andere Helfer, etwa von der NVA oder der Sowjetarmee. Überhaupt, die „Russen“: Ohne die Sowjetsoldaten wäre vieles nicht so glimpflich abgelaufen, ist sich Kutscher sicher. „Die waren die ersten, die auf diese Lage reagierten.“ Denn von der Heftigkeit des Wetterumschwungs wurden alle überrascht. Manfred Kutscher war am 28. Dezember 1978 noch zum Volleyballtraining gegangen – bei Plusgraden. Als er wieder rauskam, war es schon bitterkalt geworden und die ersten Schneeflocken fielen. Später brach in vielen Teilen der Stadt die Versorgung zusammen. Ein Milchlaster war zwischen Sassnitz und Mukran im Schnee stecken geblieben; weil die Leitungen eingefroren waren, wurde Wasser aus Tankwagen verteilt. Die Sowjetsoldaten hatten Brot gebacken und das anfangs sogar kostenlos an die Sassnitzer abgegeben. „Die fuhren es mit schwerem Gerät sogar über die vielfach schneefreien Äcker zu den Leuten in den eingeschneiten Dörfern.“

Andere versuchten, zu Fuß durchzukommen. Manfred Kutscher erinnert sich an einen Arbeitskollegen, dessen Sohn zum Jahreswechsel mit dem Zug in Binz gestrandet war. Der Vater hatte sich auf den Weg gemacht, um ihn nach Sassnitz zu holen. Auf dem Rückweg übernachteten sie einmal in einem Eisenbahnwaggon in Lietzow, wanderten dann mit einer ganzen Gruppe von Menschen weiter bis Sagard. Am Folgetag wollten sie sich in ihre Heimatstadtdurchkämpfen. „Aber am Weiherberg mussten sie wieder umkehren.“ Sassnitz erreichten sie erst nach fünf Tagen.

Maik Trettin

25.01.2019
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